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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-06-02 · N° 23. (2.6.1880) · p. Seite 201

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 23. (2.6.1880)
Date
1880-06-02
Page
Seite 201 (sequence 7)
Language
German
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-- 201 — Jerusalem. Die Erregung gegen die Schulen macht, sich Luft in Pasquillen, die an Synagogen rc. angeklebt werden. Der Diener, der beauftragt war, diese zu entfernen, wurde mit Schlägen bedroht. Unterdesien sollen die Gegner nach London geschrieben haben, sie wollten keine Unterstützung und keine Schulen! Ob sie aber für die Armen sorgen würden, bezweifelt „Chawazeleth" und meint, daß derartigen Frommen das Geld lieber sei, als das Leben. — Ein Pariser Corr. des „Chawazeleth" erneut die Forderung Halevy's, die Falas cha's „ach Palästina als Ackerbauer zu verpflanzen. (Erst müßten sie doch vollständig „Juden" geworden sein! Oder sollen wir bald Sectenwesen dort sich einnisten lassen?) Washington, 21. Mai. Das Repräsentantenhaus nahm heute eine Resolution an. welche den Präsidenten Hayes um Auskunft über die angebliche Ausweisung von Israeliten aus Petersburg, die amerikan Bürger sind, ersucht. F e u i l! c t o u. Chajim Prostak. Historische Erzählung aus der Entstehungszeit des Chassidismus. Sine wahre Geschichte aus der zweite» Hälfte des 18. Jahrhunderts von A. S. Weiß mann. (Fortsetzung.) Daß bei einer Nation, die so unendlich viel für ihren Glauben zu leiden, die ein so unsägliches Märtyrerthum zu tragen und zu dulden hatte, die Liebe zu diesem Glauben mit der Größe der Leiden nur zunahm, und die gemeinsame Last das Gefühl der Zusammengehörigkeit nur stärkte, bedarf keines Beweises. Daraus erklärt sich auch, warum der bloße Gedanke eines Verlassens dieses Glaubens für ein Capitalverbrechen, für das größte Unglück angesehen wurde, das die ganze Nation betraf. Wie war es also nur möglich, daß Chajim das fatale Wort, und sei es auch in der größten Erregung, erfahren konnte? Wie kam er überhaupt auf einen solchen Rachegedanken. Es hatten sich gerade zu jener Zeit in dieser Gegend Judentausen ereignet, und zwar in Folge jener Afterwissenschaft, der Kabbala, und des Lügenbuches So har, welches die Köpfe verwirrt und den Sabbathianismus aus sich erzeugt hatte. Jankiew Leibowicz aus Buczacz, von seinem spätem Aufenthalte in der Türkei auch Frenk oder Frank genannt, Juda Leib, Rabbiner von Nadworna, Nachman Levi aus Busk und Elisa Schor aus Rohatyn waren nur die Auswüchse jener hirnverbrannten hohlphrasigen Geheimlehre, die die Juden beim Christenthum absetzte. Chajim war aber von diesem Dusel frei, ihn schützte seine Unwiffenheit vor der Gemeinschaft oder Bekanntschaft mit jener leichtgeschürzten verlockenden Schanddirne nämlich. Der kabbalistischen Mystik, dieser ungerathenen Tochter des Judenthums. Er hätte daher mit seiner ihm im Wahne entschlüpften Drohung nie Ernst gemacht. In der zwölften Stunde noch würde er sich erinnert haben, daß er von der Religion abzufallen gedenke, für die er einst als verlassene Waise zu sterben so gerne bereit war. Was seinen Schmerz, sein reuiges Gefühl noch besonders erhöhete, war der Gedanke, seine treue anhängliche und ihn über alles liebende Gattin hiedurch so tief gekränkt zu haben, sie leiden und weinen zu sehen. Er schritt daher auf sie zu, warf sich ihr zu Füßen und begann im wehmüthigsten Tone und mit den zärtlichsten Ansdrücken, auch sie um Verzeihung zu bitten. „Ich sehe, geliebte Ester, mein schweres Vergehen ein, ich werde es zu büßen wissen. Ich werde alle Unbilden, Demüthigungen und die tiefste Schmach, die man mir heute oder morgen auferlegen wird, mit Freude und' Geduld als Strafe für meine Uebereilung tragen. Nie werde ich von meiner angestammten heiligen Religion jemals abfallen. Verzeihe du mir, theuere Ester, die leichtsinnig ausgesprochene Drohung und bete mit mir mit Verzeihung zu Gott, auch um unserer Kinder willen!" — Ester war innerlich darüber erfreut, daß Chaim sobald Reue empfand, sie reichte ihm mit freudestrahlenden Augen die Hand zum Zeichen der Verzeihung. Chajim aber schlug sie mit den höchst ergreifenden Worten aus: „Nein Ester, bis ich meine schwere Sünde nicht empfindlich genug gebüßt habe, bin ich es nicht werth deine Hand zu berühren." „Da treibst du wieder etwas Abgötterei mit mir, mein Liebster, und das sollst du nicht, denn bist du nun wieder ein treuer Sohn deines Glaubens, so bin ich nur deine Magd." Mit diesen Worten bückte sie sich zu ihm, erhob ihn und sie umschlangen sich beide. — In diesem Augenblick that sich die Thüre auf und sie wurden von einem recht seltsamen Besuch überrascht. Israel Belfer (d. h. Behelfer) oder, wie man ihn später nannte, Sruel (Israel) Baal Schemtauw, (d. h. Inhaber eines „guten Namens"), der Begründer des Chassidismus, nach welchem man noch heutzutage in Galizien und Rußland die Chassidimhäupter „gute Juden" nennt, trat ein. Seine Gesichtszüge hatten einen seltsamen Ausdruck, sein Gesicht war wie mit einer Flamme übergosien, seine Augen sprüheten Feuer und seine Brust hob sich sichtlich. Er trat auf sie zu, blieb aber einige Schritt entfernt stehen und redete sie in einer sich melodisch hebenden und senkenden Stimme an, die dem Aufflackern eines um sich greifenden Feuers glich. „Ich habe alles gehört," sprach er, „ich weiß Alles, Ihr seid wirklich heilige Menschen, seid von Gott zu etwas Großem ausersehen. Wir leben in einem messianischen Zeitalter. Aber ehe der Welterlöser kommt, muß früher der Erlöser der Juden für die Juden selbst erscheinen. I Ehe der Davidische Messias die ganze Menschheit erlösen soll, j muß früher der Eframitische Erlöser den Juden allein erscheinen, um die Juden aus der eisernen Hand ihrer eignen! Brüder zu befreien, um das Joch des Talmuds, der More-! nu's, das auf den Nacken der simpeln Leute, des „gemeinen Auloms", wie sie es nennen, so schwer lastet, zu zerbrechen. Jene geplagte Unschuld von der der Prophet Jeschaja gesprochen. „Mißhandelt und verfolgt, war er doch ergeben, verstummt, öffnete den Mund nicht. Sie wollen tilgen den „Chajim" aus dem Lande (nigsar meerez Chajim), ihn ihre Sünde büßen laffen. Er wird aber lange leben, Kinder schauen und des Ewigen Wille wird gedeihen durch seine Hand" paßt im Ganzen und Großen nur auf Euch, heiliger R. Chajim. Sehet mich nicht als einen Wahnsinnigen oder Fieberkranken an, der in der Fieberhitze oder aus dem der Wahnwitz redet. Es ist nur der Eifer um meine Brüder, jener von ihren eigenen Brüdern so arg verletzten, verachteten und verspotteten „simpeln Leute", der in meiner Seele l so hohe Wogen treibt. Jetzt wollen sie an Euch, R. Chajim, | sie werden Euch an den Pranger stellen, werden Euch wie! ein Schaf zur Schlachtbank führen. Aber es soll anders werden. Bei Gott, es soll anders werden mit Euch und durch Euch." Kaum hatte er ausgesprochen, so entferte er sich wie eine Erscheinung. Chajim und Ester sahen sich lange an, sie hatten ihn nicht ganz verstanden, halten dem wilden Brausen seiner Rede nicht folgen können. Allein die Art, wie er auftrat, wie er sprach, machte auf sie einen gewaltigen Eindruck, es ergriff sie mächtig. --- Noch waren sie von dieser Erscheinung ganz befangen, als schon wieder der Schamesch erschien. Er war gekommen im Aufträge des Rabbiners, um R. Chajim zu eröffnen: erstens, daß er sich heute keine vier Ellen weit vom Hause entfernen dürfe und zweitens, daß er sich morgen wegen einer großen Sünde zu verantworten haben werde, somit also für morgen nicht verreisen dürfe „Gut! Gut'" sagte R. Chaim und fügte noch hinzu, „sagen Sie dem Herrn Rabbmer, daß ich seinen Aufträgen pünktlich Nachkommen werde. Mit dem Schamesch war auch Leiserl wiedergekommen. Er konnte es nicht verschmerzen, daß er heute leer ausgehen sollte; er hielt jetzt die Zeit für gelegener, und er hatte sich nicht geirrt. Ester bemerkte ihn, sie kannte seine Lüsternheit nur zu gut, und sie wollte nicht an dem Kinde dre Sunden seiner Mutter ahnden. Sie rief ihn daher freundlrch zu sich und gab ihm Leckerbiffen wie immer, so daß er | auch heute mit beiden Händen zu nehmen hatte. (Schluß des 5. Capitels.)

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