Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 23. (2.6.1880)
- Date
- 1880-06-02
- Page
- Seite 199 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Dieser Erfahrung gegenüber konnte ich ihm mittheilen, daß in den letzten Monaten in Württemberg vier Referendare mosaischen Glaubens als Richter Verwendüng gefunden hätten, nämlich Maier aus Ulm als HilfSrichter in Reutlingen, Rosengart von da als Amtsanwalt in Neresheim, Kallmann von Heilbronu als solcher in Neuenburg und Hirsch von Tübingen als solcher in Münsingen. Die Zustände in Württemberg sind in Beziehung auf Toleranz noch ziemlich leidlich, wenn nicht oft Zeitungsartikel— als deren Verf. unschwer ein bekannter judenfeindlicher Jude erkannt wird — animoser Tendenz die Stimmung gegen uns verändern. Der „Beobachter" ist immer noch das hervorragendste Organ, das den Juden aufrichtig günstig gestimmt ist, und hat deßhalb an jüdischen Abonnenten gewonnen. Dies gibt einem Correspondenten des in New Aork erscheinenden „Schwäbischen Wochenblatt" Veranlassung, dem Beobachter in einer längeren Correspondenz den Rath zu geben, er möge am Ende jedes Quartals Herrn Stöcker in Berlin zu einer Auslastung gegen die Juden veranlasten, damit er sich durch eine Entgegnung derselben neue jüdische Abbonnenten erwerbe. Oesterreich. Krakau, 12. Mai. (Or.-Corr.) Das hiesige jüdische Hospital hat stch durch sein wohlthätiges Wirken und Walten für die Kranken und Leidenden bereits unsterbliche Verdienste erworben. Wir können aber diesem Institut so lange die Vollkommenheit nicht zuerkennen, so lange die Wirksamkeit dieser heilbringenden Anstalt sich nur auf die einheimischen Kranken beschränkt, und fremde Kranke abgewiesen werden, welche dann im allgemeinen christlichen Krankenhause Unterkunft suchen und finden. Dadurch wird dem Bekehrungseifer Thür und Thor geöffnet. So wurden seit 3 Monaten ein Knabe und ein Mädchen aus dem Hofspitale in das Kloster gelockt und zur Taufe geführt. t Da diese Kinder das 14. Lebensjahr erreicht hatten, so ist alle Mühe der Eltern, ihr Kind zu reclamiren, vergebens. Herr Di*. Duschak hat bei dem Vorstande eine Vorstellung eingebracht, um diesem Uebelstande abzuhelfen, damit wenigstens ein jüd. Vertrauensmann in das städtische Krankenhaus beordert werde, um die jüdi' fchen Kranken mit religiösem Tröste zu versehen. W. Aus Galizien. „So viele Städte, so viele Götzen" rief der Prophet Jeremias dem götzendienerischen Zeitalter zu. „So viele Städte, so viele Wunderrabbr's" kann man heute, vielleicht mit größerem Rechte, von unserem gelobten Lande Galizien ausrufen. Möge nur der liebe Leser eine Spezial- Karte von Galizien zur Hrnd nehmen und mir folgen. Beginnen wir beim Rzeszower Rayon. Rzeszow: Reb Chaim Ire; Lanzut: sogar zwei Reb Simchele und Reb Mendele; Preworrk: Reb Luzeril; Jaroslau: Reb Binom Mendel; Szyniawa: Reb Chaskele; L e z a y s k: Frau Rebbe Hude, eine Nachkommin, aus grader Linie, des Verfasiers eines chaffidischen Werkes Noem Elimeiech; Zolynia: Reb Mordchele vulgo der Nadworner genannt. Bei diesem letztern Wunderrabdi, will ich länger verweilen, um über dessen Gebühren oder Treiben theils als Augenzeuge, theils aus erster und authentischer Quelle zu berichten. Ich brachte einige Wochen in Zolynia zu und hatte Gelegenheit Vieles zu beobachten und mich von der Wahrheit des Mitgetheilten zu überzeugen. Von den Wunderkuren will ich schweigen. Alle Welt weiß, was man davon zu halten hat. Aber ihr Standpunkt zum Schulchan-Aruch verdient wohl beleuchtet zu werden. Die Gebetordnung und Alles was damit zusammenhängt ist eine ganz verkehrte; das Morgengebet wird Mitternacht und das Abendgebet Mittags verrichtet. Eine Beschneidung die auf Freitag fiel, ließ er Sonnabend in später Abendstunde vornehmen. Mazoth buk er in diesem Jahr am Vorabend des Pestachfestes, nicht nur als schon überall Lichter brannten, sondern als man bereitin der Synagoge das Abendgebet verrichtete. Den Hokuspokus, der dabei getrieben wurde, will ich ganz übergehen. Zum Seder setzte man stch erst gegen Morgen. — Ein Rabbiner soll sich, natürlich in tiefster Devotion, mit der Frage an ihn herangewagt haben: „Wie er sich erlaube, aus der allgemeinen Norm herauszugehen" und erhielt darauf zur Antwort. Von Gott heißt es: intP ,Tör Klirrt „Bei ihm wohne das Licht" und wie solle man da so ängstlich auf den Stundenzeiger dieses Jammerthales sehen. Darüber habe auch schon ein frommer jüdischer Dichter einen Fingerzeig gegeben, indem er vom Propheten Elias sagt: V X '1212 bv „Der Mann der auf die Sonnenverehrer zürnte", das will sagen: er zürnte auf jene, die bei ihren religiösen Uebungen auf den Stand der Sonne, auf die Zeit sehen. Er soll noch viele andere Beweise aus Talmud, Sohar und späteren Schriften für seine Abnormität angeführt haben. Dem rabbinischen Judenthume droht unbedingt eine große Gefahr von Seiten dieser Dunkelmänner der Bigotterie. Rußland. St. Petersburg. Daß eine Befferung der Lage der Juden in Rußland (wie im Orient) nur durch reiche Beförderung von Ackerbaucolonien wird herbeizuführen sein, ist eine Erkenntniß, die immer weitere Kreise durchdringt und besonders im „Hameliz" einen warmen Fürsprecher wieder gewonnen hat. Eine Art Nationalsubscription wird da angeregt, um durch kleine Beiträge von etwa 3 Rubel die Summe von 3 Millionen zu erhalten, welche zum Ankauf von Ländereien und Jnventarium verwendet und nach 10 Jahren binnen 40 Jahren ratenweise unverzinst zurückzuzahlen wäre. 500 Familien könnten so zu ersprießlicher Arbeit gebracht werden. Und nicht allein diesen wäre geholfen, ^sondern auch in den Orten, die von ihnen entlastet werden, würde für die Zurück bleibenden die Aussicht, sich ernähren zu können, günstiger werden. Nach den ersten 10 Jahren könnten vermittelst der heimgzahlten Gelder jährlich wieder 100 bis 120 Familien seßhaft gemacht werden. Der Plan sieht abenteuerlich aus, h at aber einen durchaus praktischen Kern und erfordert neben de m Gelde nur eine Anzahl edeldenkender, thatkräftiger Männer, welche die Leitung des Ganzen, wie der einzelnen Colonistenschaaren übernehmen. (10 Familien aus B o r i s p o l (Kreis Pultawa) wollen 500 Desiatin Land nahe am Dniepr mit 2 Zuckerfabriken kaufen. Aber wenn auch Jeder mindestens 200 Rubel geben kann, so genügt das nur, um Häuser und Stallungen und sonstiges Inventar zu schaffen. Das Kaufgel'o fehlt.) Odessa. Die 90jährige Fürstin Woroczoff wurde jüngst unter allgemeiner Betheiligung beerdigt. Die Juden, die in ihr eine Wohlthäterin ihrer Armen verehren, veranstalteten in der Synagoge eine Gedenkfeier, zu der der Sohn der Verewigten und der Generalgouverneur v Totleben erschienen, vr. Schwabacher hielt die Rede in deutscher Sprache. Odeffa. Der bekannte Reifende Jehuda Halevi Tscharei starb im hiesigen Krankenhause nach Monatlicher Krankheit am 28. April im Alter von 48 Jahren. Allgemeine Theilnahme hatte ihm die letzten Tage zu erleichtern gesucht. Seine hebräischen Bücher vermachte er der hiesigen Bibliothek, all' seine andere Habe seiner in Minsk wohnenden Schwester. Ein Werk, an dem er viele Jahre gearbeitet, ist durchaus unvollendet geblieben. Riga. Die Rabbiner Rußlands haben hier eine Versammlung gehalten, in welcher sie eine Petition um Fortbestehen der Chedarim — die im laufenden Jahre gergeten Schulen und geprüften Lehrer weihen sollen — an Loris-Melikoff einzureichen beschloffen haben sollen. Verkehrt, unklug und unpolitisch ist gerade jetzt solches Vorgehen, wo die Judenfrage die Regierungskreise sehr lebhaft beschäftigt — wo also jeder Rückschrittsgedanke, von jüdischer Seite angeregt, unliebsamen Nachhall und Fortwirken auf weitere Gebiete finden würde. Freilich die Austreibungen aus einigen Gouvernements sind sistirt — aber ihnen lag der Befehl zu Grunde, genaue statistische Angaben über Zahl, Beschäftigung u. s. «. der Juden nach Petersburg zu schicken. Und wenn auch die Aus-