Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 23. (2.6.1880)
- Date
- 1880-06-02
- Page
- Seite 198 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/5369809-9583817-9584040--4121-9584044- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 198 — über den wahren Sachverhalt Folgendes zur Kenntyiß der Freunde und Anhänger der von mir vertretenen Bestrebungen zu bringen: Als ich im Verein mit Herrn Marr im vorigen Jahre die „Deutsche Wacht" begründete, war ich im Jrrthum über seine Fähigkeiten und in Unkenntniß von seinem Charakter, wie er sich jetzt in Verläumdungund Bertrauensbruch offenbart. Seine Fähigkeiten mögen zu einem Pamphlet für den großen Haufen ausreichen, der Redaction einer Monatsschrift für gebildete Leser war er in keinerWeise gewachsen. Sollte das Unternehmen fortbestehen, so mußte eine Aenderung in der Redaction eintreten und das letzte Heft der Marr'schen Redaction, das 5., zeigt jedem Verständigen, daß ich nicht einen Augenblick zu früh eingeschritten bin. (gez.) Otto Hentze" (Es muß sehr bitter “lö für Herrn Marr sein, daß selbst die Antisemiten seine Broschüren gegen die Juden jetzt als „Pamphlet e" bezeichnen. Auch für Herrn Stöcker wird der Tag kommen, da er zu den „Verworfenen" zählen wird. Vergl. unter „Erfurt". Red.) — Die fanatistrenden judenhetzerischen Reden in den Versammlungen der Christlich-Socialen bleiben übrigens nicht ohne practische Wirkungen. Der Herr Hofprediger ist ja freilich klug genug, hie und da in seine aufreizenden Reden eine milde Phrase mit einfließen zu lassen, sein Auditorium ist resoluter und zieht aus seinen Reden practische Schlüsse. Ein jüdischer Herr aus Frankfurt a. M. kam vorgestern Abend zufällig vor der „Berliner Flora" vorbei, als die Versammlung der Christlich-Socialen eben beendet war. Die herausströmenden Arbeiter sprachen davon, daß man „die Juden todtschlagen" müsse. Der Herr aus Frankfurt, der sich plötzlich von etwa 15 Leuten umringt sah und die Todtschlags-Liebenswürdigkeiten auf sich gemünzt glauben mußte, stellte die Biedermänner resolut zur Rede. Er wußte in der bedrohlichen Situation das Rudel von Leuten in Respect zu halten und ließ die Rädelsführer zur Wache bringen. Die Agitationen des Herrn Hofprediger Stöcker zeitigen schöne Früchte. (B. B.-Cour.) — Der in voriger Woche wegen wiederholten Betruges verurtheilte Custos der Akademischen Lesehalle, Krauß, hatte sich als eifriges Mitglied und Vertrauensmann der christlich - socialen Arbeiterpartei und wiederholt als Sprecher in deren Versammlungen besonders hervorgethan. Dresden. Der Schauplatz eines gräulichen Stücks Proselytenmacherei war vor Kurzem Meran in Tirol. Frau I—n von hier befand sich in Meran mit ihrem 21jährigen, an der Lungenschwindsucht dahinsiechenden Sohn, für den sie in der milden Luft des Südt iroler Kurortes Besserung suchte. Der Zustand des jungen Mannes verschlimmerte sich aber mehr und mehr und nahte bald dem Stadium der Auflösung. Die Mutter, darniedergebeugt von dem Schmerz um den Sohn, wich nicht von dem Bette des Kranken und eine barmherzige Schwester leistete ihr bei der Pflege hilfreiche Hand. Nacht für Nacht hatte die Mutter an dem Bette des sterbenden Sohnes geseffen, als die barmherzige Schwester sie eines Tages, als sie sich nur noch mit Mühe an dem Sterbelager ihres Sohnes aufrecht erhielt, bat, doch in einem Nebenzimmer für kurze Zeit Ruhe zu suchen. Die Mutter willigte ein, um neue Kräfte in einer Stunde des Schlafes zu finden. Während sie diesen aber suchte, trat in das Krankenzimmer und an das Bett ihres sterbenden Sohnes ein höherer katholischer Geistlicher, der augenscheinlich von der barmherzigen Schwester, mit der er sich im Einverständniß befand, herbeigerufen worden war. Man wollte den Sterbenden, der jüdischen Glaubens war, in den Schooß der alleinseligmachenden Kirche hinüberführen oder richtiger hinüberzwingen, da der Betreffende in diesem Zustande völlig willenlos war. Ein Geräusch weckte die Mutter im Nebenzimmer. Sie eilte herbei und mußte sehen, wie der katholische Geistliche bereits alle Vorbereitungen getroffen hatte, um die Taufe an dem Sterbenden zu vollziehen. Mehr als das: der Geistliche wollte eben das Zimmer verriegeln, um nicht nur gegen jede andere Störung von außen, sondern auch gegen das Hinzukommen der Mutter selbst geschützt zu sein. Es entspann sich nun am Sterbelager eine entsetzliche Scene. Die Mutter verlangte, daß der Geistliche sofort das Zimmer verlaffen soll); dieser weigerte sich und es begann ein förmliches Ringen zwischen der Frau und dem Priester, der von seiner „Seelenrettung" nicht lasten wollte. Bei diesem Ringen wurde dem Geistlichen sein Ornat buchstäblich in Fetzen zerrissen. Erst auf den Hülferuf der Frau eilten andere Meraner Badegäste herbei und befreiten die Dame von der Gegenwart des Proselytenmachers. Diese ganze Scene hatte sich in der Gegenwart des in der Auflösung begriffenen Kranken zugetragen. Kein Wunder, daß derselbe wenig Stunden darauf eine Leiche war. Auf eingereichte Beschwerde haben die Behörden eine Untersuchung eingeleitet und es wird hoffentlich strenge verfahren werden, weil der Vorfall sich in einem Orte zugetragen hat, wo Tausende Schwerkranker Heilung suchen. AuS der Rheinpfalz. (Or.-Corr.) Die Rheinpfalz ist eine der Provinzen Deutschlands, derer in unseren jüd. Zeit schriften nicht sehr häufig Erwähnung geschieht. Man würde aber irren, wenn man daraus den Schluß ziehen wollte, daß jüdisch-religiöses Leben in derselben im Adsterben begriffen sei. Man kann vielmehr sehr leicht die Beobachtung machen, daß daffelbe recht lebhaft pulsirt, wenn auch nicht in hyperorthodoxer Richtung. Die Gemeinden bringen der Erbauung neuer Synagogen und der Einrichtung resp. Erhaltung eines zeitgemäßen Gottesdienstes bedeutende Geldopfer; wissenschaftlich gebildete und für ihren Beruf beseelte Rabbiner sind eifrig bestrebt, das religiöse Gefühl in ihren Pflegebefohlnen rege zu erhalten und deren religiöse Anschauungen zu klären und zu erweitern, während tüchtige Lehrer in den Schulen wirken. Leider tritt auch hier, wie überall, der Uebelstand zu Tage, daß das Uebermaß der profanen Unterrichlsgegenstände Zeit und Kräfte der Lehrer und Schüler mehr in Anspruch nimmt, als der Pflege des jüdisch-religiösen Wissens in der Schule förderlich ist. Die Schulen sind überall, wo eine conseffionell-gemischte Bevölkerung im Orte befindlich ist, Simultanschulen. Die israel. Lehrer werden gleich den christlichen an denselben angestellt, ohne daß sich irgend eine Mißstimmung dieserhalb beim Volke zeigte. Ueberhaupt scheint für Rischus in der Rheinpfalz nicht die geeignete Atmosphäre zu herrschen Dieses zeigt auch der Umstand, daß die von einem Israeliten Herrn S. Bärmann, geleitete, auch mit Pension verbundene dermalen von mehr als hundert Zöglingen frequentirte Gewerb- und Handelsschule in Dürkheim an der Haardt einen großen Theil ihrer Schüler aus christlichen Kreisen erhält, obgleich sie nur eine Privatanstalt des Herrn S. Bärmann ist. Die in Edenkoben erscheinende Zeitung brachte am 15. März d. I. folgenden Bericht über diese Anstalt: „Zu der verwichene Woche beendigten Frühjahrs-Prüfung zum einjährig-freiwilligen Militärdienste in Speyer entsandte die Gewerb- und Handelsschule von S. Bärmann in Dürkheim a. H. 3 Candidaten, welche sämmtlich bestanden haben. Im November erhielten von 9 Zöglingen der Anstalt 6 das Maturitätszeugniß und die Rückständigen 3 daffelbe heuer, so daß der ganze oberste Cursus, darunter sogar Schüler von noch nicht vollendetem 15. Lebensjahre, in den Besitz des Reifezeugniffes gelangte. Solche schon jahrelang andauernde Resultate einer vierklaffigen Realschule sind mehr wie erfreulicher Natur, namentlich dann, wenn auch die Erziehungsfrage gleichen Schritt mit der geistigen Ausbildung hält. Daß dies in vollem Maße geschieht, weiß wohl jeder Vater, der seinen Sohn genannter Schule anvertraute." Es ist gewiß höchst erfreulich, wenn Israeliten sich in hervorragender Weise um das allgemeine Wohl verdient machen und so im Volke einen Boden schaffen, in welchem das von Stöcker und Consorten ausgestreute Rischus nicht aufsprießen kann. Aus Württemberg, 34. Mai. (Or.-Corr) Neulich klagte mir auf der Eisenbahn ein badischer Referendar jüdischen Glaubens, daß er eben von Karlsruhe komme, wo er den Minister um eine Anstellung im Justlzdienste gebeten habe.