Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 22. (26.5.1880)
- Date
- 1880-05-26
- Page
- Seite 190 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Würzburg, 13. Mai. Die heutige Rabbinerwahl hatte ein merkwürdiges Ergebniß. An derselben nahmen fast 90 Prozent der 731 Stimmberechtigten Theil, deren kleinere Hälfte die Israeliten der Stadt, die größere jene der 22 zum hiesigen Rabbinatsbezirke gehörigen Landgemeinden umfaßt. Als Kandidaten standen einander gegenüber der bisherige Rabbinatsverweser Nathan Bamberger, der Sohn des namentlich bei der israelitischen Landbevölkerung hochgeehrten, aber auch in der Stadt seiner Kenntnisse und seines würdigen Lebenswandels wegen hochangesehenen seligen Bezirksrabbiners I)r. Bamberger und der gleichfalls der orthodoxen Richtung augehörige Rabbiner in Rawicz, vr. Koref, der durch eine Probepredigt namentlich die städtische Bevölkerung, die auf eine möglichst würdige Repräsentation auch nach Außen sieht, für sich eingenommen hatte. Bei der Bureauwahl setzte die Partei Koref 3, die Partei Bamberger nur 2 der von ihnen Vorgeschlagenen durch Als gegen 4 Uhr bei 643 Abstimmenden der Wahlakt geschloffen war und eine provisorische Zählung 333 Stimmen für Bamberger ergeben hatte, brach dessen Partei in stürmische Hochrufe aus. Viele Israeliten aus den Landgemeinden fuhren in Droschken laut jubilirend durch die Stadt. Die Partei Koref hatte bereits Anstalt getroffen, in diesem Fall auf Trennung des Rabbinatsbezirks Antrag zu stellen, umsomehr als die Stadt-Würzburger Judenschaft 3800, die des Kreises nur 800 M. Beitrag für das Rabbinat leistet. Bei der Wahlprüfung ergab sich indeß, daß 43 Zettel für Bamberger vom Ausschuß ungiltig waren, so daß gegen 6 Uhr, sehr zur Ueberraschung der Partei Bamberger. Herr Dr. M. Koref als mit 303 giftigen Zetteln zum Rabbiner gewählt erklärt wurde, da auf Bamberger sich nur 290 gütige Zettel vereinigten, 4 Zettel sich zersplitterten und zwei Zettel wegen anderer Mängel außer Berücksichtigung bleiben mußten. Die Partei Bamberger wird, wie der „Israelit" bereits ankündigt, gegen dieses Wahlresultat Protest einlegen. Aus Mecklenburg. Die Herren Landrabbiner Or. F e i lch e n f e l d und Vorsteher Commerzienrath S a l o m o n und M. Pincus veröffentlichen einen Bericht über die Schwerins r Präparandie, dem wir Folgendes entnehmen: „Es ist unbestceilbar. daß die (seit 2 Jahren bestehende) Präparandie dem lange tiefempfundenen Rothstande unserer kleinen Gemeinde möglichst abhilft. (Es wirken bereits 5 Zöglinge derselben in Mecklenburger Gemeinden.) Rur noch wenige Jahre, und der größte Theil der mecklenb. Gemeinden wird mit unseren Zöglingen versorgt sein. Die Vorstände werden dann nicht mehr mit großen Ausgaben und Umständen sich Beamte von fernher holen müssen, die ihnen wenig Bürgschaft für ihren Charakter und ihre Leistungen bieten. Sehr zu beklagen ist, daß die Präparandie, welche die Zöglinge mit allem vollständig versorgen muß, doch nicht die lebhafte Theilnahme findet, die erwartet werden durfte, so daß ihr Bestand für die Zukunft nicht gesichert ist. Nur von einigen Gemeinden und wenig Einzelnen erhält sie Unterstützung, in besonders reichem Maße von Seiten der Schweriner Gemeinde. Gewiß ist das Institut, in welchem strebsame Jünglinge gebildet und zu einem guten Ziele hinangefördert werden, und zugleich für den heiligen Dienst unserer Gemeinden gesorgt wird, werth der liebevollen Theilnahme Aller, welche gerne ihre Wohlthaten einem unzweifelhaft ersprießlichen Zwecke zuwenden, und welche Opfer nicht scheuen, wenn es gilt der heiligen Sache der Religion zu dienen. Wir wenden uns deshalb vertrauensvoll an die vermögenden Mitglieder der mecklenburger Gemeinden, sowie an die edlen Männer und Frauen außerhalb, welche ein warmes Herz für das Interesse der kleinen Gemeinden haben, in denen sie einst ihre Jugend verlebt, und welche theure Erinnerungen für sie bergen." Die Beiträge wolle man an Herrn Banquier Martin Pincus, (Schloßstraße) übersenden. O efterreich-Ung arn. Pest. Im Schriftsteller- und Künstlerklub fand eine sehr gut besuchte Konferenz statt, über deren Gegenstand „die Magyaristrung der Juden in der Literatur und durch dieselbe", Universttäts-Profeffor vr. Hatala referirte. Derselbe führte aus, daß die Juden, da sie als Nation keine lebende Sprache haben, in diesem Vaterlande Alle die ungarische Sprache als Muttersprache betrachten müßten, weshalb auf literarischem Gebiet eine „anständige Pression" in dieser Richtung zu entwickeln sei. Warme Unterstützung verdient deshalb die Bewegung zur Schaffung der hebräisch-magyarischen Literatur; eines der Ziele dieser Bewegung sei die Einbürgerung der ungarischen Sprache auf dem Gebiete der jüdischen Religionspraxis, so daß beispielsweise die jüdischen Talmudgelehrten den Talmud in ungarischer Sprache tradiren und lernen mögen. Ueber diese Frage entspann sich eine rege Debatte. — Paul Tencer betonte, die Juden Ungarns haben seit 33 Jahren hinsichtlich der Entwicklung der ungarischen Sprache, des ungarischen Geistes soviel wie wer immer im Vaterlande gethan. Redner theilt mit, daß ein ungarischer Literatur- Verein im Entstehen sei, dessen Zweck die Uebertragung der hervorragenden Werke der jüdisch hebräischen Literatur in's Ungarische sei, und glaubt, ein solcher Verein verdiene eifrige Unterstützung. Die Conferenz sprach als Beschluß aus: daß sie es für wünschenswerth halte, daß der jüdische Literaturverein und andere ähnliche Faktoren der Magyansirung der Juden von Seite der vaterländischen Preffe wärmstens unterstützt werden. Wien, tm Mai. (Or.-Corr.) Die traurigen Symptome des neuerwachten Glaubens- und Racenhaffes gegen unsere Glaubensgenoffen haben eine tiefgehende Bewegung in den Geistern der denkenden Juden heroorgerufen, die in Wort und Schrift mit mehr oder weniger Glück sich Ausdruck gibt. Namentlich ist es die Kanzelberedtsamkeit, die sich dieser so tief bedauerlichen Erscheinung bemächtigt, zur Abwehr, wie. namentlich auch zur apologetischen Verkündigung der jüdischen Glaubenslehre, die erhaben ist über die Unterstellungen und Anschwärzungen unserer Feinde. Obwohl sich da wenig Neues sagen läßt, so kommt doch viel und Alles auf die Art und Weise an, wie es gesagt und wie das Gesagte verwendet wird. Die über dieses traurige Thema von vr. Jellinek am 7. Paffahtage gehaltene Predigt ist unter dem Titel: „Der Kampf Israels in der Geschichte", bei I. Schloßberg in Wien erschienen. Sie ist von einem edlen Feuer lauteren Glaubenseifers durglüht, ist reich an originellen Wendungen und, obwohl muthig und selbstvertrauend in der Abwehr, die selbst die Parallelisirung mit der gegnerischen Lehre nicht scheut,*) doch auch maßvoll und versöhnend im Abschluffe. Wir wünschen diesem Vertheidigungsschriftchen — dafür kann die Rede erklärt werden — weite Verbreitung. Rußland. Petersburg, 18. Mai. Die „Deutsch-Ruffische Correspondenz" schreibt: „Die ausländischen Zeitungen fahren fort, über die Judenfrage in Rußland emander widersprechende Nachrichten zu bringen, ohne die Sache selbst genau zu kennen. Aus den von uns eingezogenen und telegraphisch weiter beförderten o f f i c i e l l e n Nachrichten ersieht man, daß Ausweisungen von Juden aus Petersburg und Mos kau in der That stattgefunden haben, und zwar Kraft eines seit langer Zeit bestehenden, seit dem Februar aber strenger gehandhabten Gesetzes. Ganz anders steht es mit der Frage über die Lage der Juden in der P r o v i n z. Hier hat es der Minister des Innern für möglich befunden, nicht nur keine neuen Gesetze gegen die Juden zu erlaffen oder die alten wieder ins Leben zu rufen, sondern auch die Wirkung der bestehenden nicht auf die Provinz auszudehnen. Daß die Frage über den Aufenthalt der Juden in den beiden Residenzen noch nicht erledigt ist, zeigt die in diesen Tagen erlassene Verordnung des Oberpolizeimeisters zu Moskau, wonach die Schüler mosaischen Glaubens sich nur auf Grund einer besonderen Erlaubniß des Gen.-Gou- » *) Wir möchten gerade diese Anspielung auf das was in kathol. Kirchen am Charsreitag recitirt wird(S. 12) als nicht auf die Kanzel gehörig bezeichnen. (Red.)