Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 22. (26.5.1880)
- Date
- 1880-05-26
- Page
- Seite 189 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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die ein Schreiben überflüssig machen. Im Uebrigen habe ich die Erfahrung gemacht, daß die jüdischen Kinder der christlichen Religion gegenüber so tolerant sind, daß sie in dieser Beziehung uns Lehrer bisweilen beschämen." (Rufe: Sehr wahr!*) Aus Meisenheim. (Or.-Corr.) In Nr. 18 Ihrer gesch. Zeitung ist die Mittheilung enthalten, daß in Breslau zwei Christen durch letztwillige Verfügung zwei jüd. Vereine mit Legaten bedacht haben. Wenn dieses einen erfreulichen Beweis liefert, daß der beffere Theil des Volkes sich von der Rischusbewegung nicht fortreißen läßt, so kann auch von hieraus ein Vorfall berichtet werden, der in nicht minder erfreulicher Weise einen Beweis hierfür liefert. Unlängst wurde in einer kleinen Filialgemeinde ein fleißiger, braver Jude beerdigt, der mit zahlreicher Familie in gedrückten Verhältnisien gelebt hatte und durch desien Tod diese Familie ihres Ernährers beraubt worden war. Unser verehrter Rabbiner, Herr vr. Fried, hielt die Leichenrede, in welcher er am Schluffe die Hilfs- und Unterstützungsbedürftigkeit der Hinterlaffenen hervorhob. Nach beendigter Leichenfeierlichkeit trat aus der zahlreichen Zuhörerschaar ein einfacher, mit blauem Kittel bekleideter Bauer an den Redner heran, drückte ihm, für die schöne Rede dankend, die Hand und übergab ihm ein Zehnmarkstück für die armen Hinterbliebenen. Ein großer Theil der übrigen christlichen Zuhörerschaft folgte diesem Beispiele mit entsprechenden Gaben, und da natürlich die isr. Zuhörer auch nicht zurückblieben, so konnte der Redner bei seiner Rückkehr vom Todtenhofe der trauernden Wittwe eine verhältnißmäßig ansehnliche Unterstützungssumme übergeben. Vergleicht man mit diesem Vorgänge das jetzige verächtliche judenfeindliche Treiben so vieler hochgestellten Personen und solcher, die sich Priester der „Religion der Liebe" nennen, so kann man mit Bürger sagen: „Doch, wahrlich, höher und himmlischer schlug Das Herz, das der Bauer im Kittel trug." Herr vr. Fried, ein Schüler des Breslauer Seminars, bekleidet das hiesige Rabbinat nun bereits seit 5 Monaten, und hat die hiesige Gemeinde in seiner Wahl einen guten Griff gethan. Er hat hier aber auch ein recht dankbares Arbeitsfeld. ES herrscht in hiesiger Gemeinde durchgängig ein friedlicher, noch sehr religiöser Sinn, so daß das religiöse Wirken unseres Rabbiners Entgegenkommen und Förderung findet. Die Stellung ist auch noch in sofern eine angenehme, als sie eine staatlich anerkannte und definitive ist, zu welcher der preuß. Staat, den früheren HeffenHomburgischen Verhältniffen entsprechend, einen Gehaltsbeitrag von circa 400 M. zahlt. — Das hiesige Rabbinat war früher blos Ortsrabbinat; seit dem Hiersein des Herrn vr. Fried aber haben sich demselben noch neue Gemeinden, welche früher dem RabbinatsbezirkeTrier angehörten, angeschloffen, so daß aus demselben ein Bezirksrabbinat geworden ist, was eine nicht unwesentliche Gehaltsaufbefferung zur Folge hatte. Trier, 20. Mai. (Or.-Corr.) Die in vor. Nr. Ihres gesch. Bl. gebrachte Corr. von hier, veranlaßt mich, näher darauf einzugehen, welches die Errungenschaften und Erfolge der heißen Kämpfe sind, die sich vor einem Jahre in unserer Gemeinde abspielten. Der Staub, der aufgewirbelt worden, hat sich gelegt und man kann nun mit klarem Auge die Lage der Dinge betrachten. Es ist hier weiter nichts geschehen, als daß einige Gemeindemitglieder, die seit vielen Jahren feindselig einander gegenüber gestanden, es nun glücklich so weit gebracht haben, daß hier statt einer Gemeinde nunmehr zwei existiren. Wer da anders urtheilt, wer davon spricht, daß hier reliöse Prinzipien die Gemüther von einander trennen, der spricht eben so viel Unwahrheiten wie Worte aus. Es figuriren unter den „aus religiösen Bedenken" Ausgetretenen gar Manche, die sich über Sabbath- und Speisegesetze u. a. hinwegsetzen nnd die religiösen Bedenken mit Grazie abschütteln, sobald sie aus der Nähe „des Heiligen in der Hosenstraße? sich entfernen.*) Dagegen hat die sogenannte „orthodoxe Religionsgesellschaft" ihren eigenen Schächter und einige christliche Metzger zum Verkaufe von „Koscherfleisch" angestellt. Wie alles Andere, so ist auch dies „reiner (?) Schwindel". Der orthodoxe Schächter hat in 14 Tagen seine Kunst gelernt und sich bereits wiederholt als einen Schochet bewiesen, den man in jeder nur einigermaßen frommen Gemeinde nicht gebrauchen könnte. Das Beste jedoch und das Bezeichnendste für die hiesigen Verhältniffe ist, daß Ausgetretene wie Nichtausgetretene über die ganze Schächterfrage einfach zur Tagesordnung übergehen und selbst die ärgsten Schreier der orthodoxen Separatgemeinde beziehen ihr Fleisch von den Metzgern beider Gemeinden, und es ist nichts weiter erreicht worden, als daß man dem alten Schächter, der hier seit 23 Jahren fungirt, sein Einkommen um die Hälfte gekürzt hat. zur Strafe dafür, daß er sich derzeit nicht von dem Separatisten-Rabbiner prüfen laffen wollte. Daß der Gottesdienst in beiden Gemeinden vollkommen gleich ist und in der alten Synagoge keinerlei Neuerungen aufweist, ist, wie ich glaube, in diesem Bl. bereits mehrfach hervorgehoben worden. Durch die beispiellos ungünstige Situation, in welcher sich die hiesige Synagogengemeinde noch immer dadurch befindet, daß die Majorität des derzeitigen Vorstandes nach der Austrittsgemeinde gravitirt und sich redlich bemüht, der Stammgemeinde noch so viel wie möglich Abbruch zu thun, ehe der neugewählte Vorstand in Function tritt, kann sich die alte Gemeinde nur langsam von dem Schlage erholen, der sie durch den Austritt betroffen. So ist beispielsweise die Friedhofsangelegenheit in zwei Instanzen zu Gunsten der Austrittler entschieden worden. Doch werden die Letzteren aus zweifachen Gründen ihres Sieges nicht froh, denn erstens würden die Heißsporne unter den Ausgetretenen es gerne gesehen haben, wenn sie gezwungen worden wären, auch im Tode sich von ihren Gegnern fern zu halten, und zweitens ist der Sieg doch nur ein halber gewesen. Denn als neulich ein Mitglied der ausgetretenen Gemeinde starb, wurde es ihrem Rabbiner verboten, sich auf der Straße oder auf dem Friedhofe im Talar sehen zu laffen oder irgend eine Anrede dabei zu halten. Ja es waren sogar 5 Mitglieder der heiligen Hermandad aufgeboten, um jeden derartigen Versuch zu verhindern. Daß die Beerdigung am Freitag Nachmittag stattfand, einer Zeit, da bekanntlich Leichenreden nicht gehalten werden dürfen, genirt die hiesigen Frommen nicht, sie liefen wie wild von einer Behörde zur andern, um die Erlaubniß zu erlangen, daß ihr Rabbi auf dem Friedhofe „functioniren" dürfe. Allein es half nichts. Doch Austrittler wiffen sich zu helfen. Am Samstag Nachmittag war in den hiesigen Zeitungen zu lesen (NB. Das Inserat muß am Sabbath geschrieben sein, da die Morgenausgabe der Zeitungen daffelbe sonst gebracht hätten!!): „Sonntag Trauergottesdienst für den verstorbenen L.," — ein Act, welcher einer bei den Katholiken üblichen Seelenmesse verzweifelt ähnlich gewesen sein soll. Doch das genirt die hiesigen Chaffidim nicht. Ich könnte mit noch weiteren Details über die wahrhaft komische Situation, die hier jetzt herrscht, aufwarten; ich spare sie für ein anderes Mal auf. Es geht mit den Errungenschaften der hiesigen Orthodoxie genau so, wie es in jenem bekannten Bonmot von dem Erfinder der Rheumatismusketten heißt, der auf die Frage, ob seine Ketten „helfen", geantwortet hat: „Auf Ehre, lieber Mann, mir haben sie geholfen." Wenn die widerwärtigen Streitigkeiten in Trier weder der Gemeinde noch dem Judenthume genützt haben. Einem haben sie geholfen: dem seines Meisters in Mainz würdigen Zögling. Dieser hat zum Lohne dafür, daß er sich zum groben Keil gebrauchen ließ, um die altehrwürdige hiesige Gemeinde zu spalten, eine reiche „Kalle" bekommen, eine Enkelin des Austritts-Nestors in Frankfurt a. M., wo man, aus Ingrimm darüber, daß es dort mit der Separation abwärts geht, dieser an andern Orten unter die Arme zu greifen sucht. *) Eorrespondent ist bereit, Beispiele zu nennen. (Wir danken — Red.) *) Die „Magd. Zeit." läßt diesen Passus in ihrem Berichte weg.