Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 21. (19.5.1880)
- Date
- 1880-05-19
- Page
- Seite 184 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 184 — * (Candidaten der Lehmannianer) den Sieg davongetragen habe. (Nach der ersten Mittheilung hieß es, Herr B. habe 30 Stimmen Majorität, allein es wurden 40 Stimmen für ungültig erklärt.) Frankfurt a./M. Vor dem Schwurgericht wurde ein 26jähriger Mechanikus aus Altstrelitz der.Urkundenfälschung zum Zwecke trügerischer Vorspiegelung ängeklagt. Der Angeklagte erklärt sich für nichtschuldig. Die Beweisaufnahme ergibt, daß der Angeklagte am 5. d. dahier in der Rothfchild'schen Stiftung gebettelt und sich dabei als ein Taubstummer gerirt hat. Bei dieser Gelegenheit hat er dem Kaufmann Ignaz Kauffmann eine Legitimationsurkunde aus Lenzburg folgenden Inhalts vorgelegt: „Dem Bauzeichner Moritz Treumann, gebürtig aus Waren in Mecklenburg wird hierdurch bescheinigt, daß derselbe am hitzigen Nervenfieber vom 30. Dez. 1879 bis heute im hiesigen Spital krank lag, in Folge dessen er Sprache und Gehör verlor." Desgleichen ein Attest von Seiten des deutschen Konsulats in Genf vom 17. Febr. d. I., wonach er dem dortigen deutsche» Hilfsverein behufs Unterstützung zur Heimreise empfohlen nvrd. In der Rothschild-Stiftung schöpfte man Verdacht, den er durch schleuniges Davonlaufen, indem der Taubstumme plötzlich Sprache und Gehör bekam und in die Worte ausbrach: „Ach, laßt mich gehen.'" zur Gewißheit steigerte Im Besitze des Angeklagten wurden noch mehrere Briefe ähnlicher Art gefunden, von denen er behauptet, sie in Mainz von seinem Mitreisenden erhalten zu haben. Einer derselben lautet: „Bitte um Verzeihung, wenn ich inkommodire. Ich bin ein jüdischer Mann, habe das Unglück gehabt, Sprache und Gehör zu verlieren, befinde mich auf der Reise ohne Subsistenzmittel. Bitte deshalb um eine Unterstützung zur Weiterreise. M. Fraumann." Eine Anfrage in Genf ergibt die Fälschung der Unterschrift des Konsuls und des Konsulats-Siegels, ebenso die des Lenzburger Gemeinde-Amtmanns. Der Gauner wurde mit 3 Atonalen Gefängniß bestraft. Aus Galiz en. Der Rabbiner von St. sollte am Gymnasium Religionsunterricht ertheilen und den Abiturienten ein Zeugniß geben. Da er jedoch vom Unterrichten Nichts verstand, gab er für Geld und gute Worte Jedem ein ausgezeichnetes Zeugniß. Das ging so lange bis ein christlicher Abiturient, der in allem andern Wissen Hervorragendes leistete, wegen seiner Unkenntniß im Katechismus vom Schulrath hart angefahren und durch den Hinweis auf die jüd. Mitschüler, die alle in ihrer Religionskunde so trefflich erfahren seien, beschämt wurde. Das ließ sich der junge Mann nicht bieten, sondern sagte dem Schulrath dreist in's Gesicht, wie es damit stehe und erbot sich zum Erweise der Wahrheit auch für sich ein Zeugniß vom Rabbiner zu erlangen. Gesagt, gethan. Der Rabbiner nahm sein Geld und gab das „Vorzüglich." Daraufhin wurde er als Religionslehrer abgesetzt. (Aber Rabbiner bleibt er!) (Hamaggid.) Budapest. So oft bei uns im Reichsrathe über jüdische Angelegenheiten gepflogen wird, richten sich die Augen Aller auf den jüdischen Deputaten Moritz Wahr mann, welcher ein Enkel des ehemaligen Oberrabbiners Israel Wahrmann ist; doch vergebens, er hat für jüd. Angelegenheiten kein Sterbenswörtchen. Aber als Mitglied des hiesigen Vorstands beantragte er jüngst, daß womöglich allen synagogalen Einrichtungen e?n ächt magyarisches Gepräge gegeben werden möge. Auch soll von nun an, daß f. g. „Schnobern" (das übrigens in allen gevildeten Gemeinden schon abgeschafft wurde) hier in ungarischer Sprache vom Thoravorleser oder Cantor gesprochen werden. An den Fest- und Feiertagen soll es nie an einer ungarischen Predigt fehlen. Aus Jtalieu. Von dem jüngst verstorbenen Rabbiner von Ferrara, Herrn B. Levy, ist eine Arbeit über die Todesstrafe nach talmudischem Rechte erschienen und wird aus seinem Nachlasse eine Monographie „Das Priesterthum in Israel" veröffentlicht werden. Im April starb der Ritter Joseph Lattes, Oberrabbiner von Reggio. Paris. Dem Herrn Ralph Bischofs heim (in Amster dam geboren) sind durch Decret des Staatsrathes die Rechte eines französischen Bürgers verliehen worden. Eine solche Naturalisation wird nur auf Grund außerordentlicher Verdienste um das Land verliehen. — Der Budgercommiffion liegt ein Project zur Unterstützung wissenschaftlicher Reisen vor, darunter auch für Herrn Leon Cahun zu einer Reise in Kurdistan und dem Gebiete von Antiochien. Aus London erhielten wir die hebr. Uebersetzung des Tagebuches, welches die verewigte Lady Judith Montefiore auf ihrer mit Sir Moses gemeinsam unternommenen Reise nach Palästina geführt hatte. Aus dem reichen Inhalte des prachtvoll ausgestatteten Buches werden wir mancher Interessante mittheilen, sobald der Raum es gestattet. London. Sir George Jessel wird an Stelle von Lowe, der in das Oberhaus versetzt wurde, die Londoner Universität im Parlament vertreten. Belfast, 3. Mai. (Or.'Corr.) Gestern Nachmittag fand in unserer, mit Blumen reich geschmückten Synagoge die erste Mädchenconftrmation statt. Die Feier wurde mit einer Recitalion auf dem Harmonium nebst einem Choralgesang eröffnet, worauf das Mincha-Gebet folgte. Nachdem die Confirmandinnen von unserem Rabbiner, Herrn Dr. Chotzner, in Religion u. s. w. examinirt morden waren, hielt dieser eine auf die Feier bezughabende Rede, die auf alle Anwesenden einen tiefen Eindruck machte. Ein zweiter Choralgesang nebst Avon Olam schloß die ebenso würdige als auch erhebende Feier. Einige christliche Geistliche nebst einer ziemlichen Anzahl von Nichtjuden wohnten der Ceremonie bei. Petersburg. Am 19. Februar wurde Baron Horace Ginzburg zum Commerzienrath ernannt. Im Akademiegebäude hat der jüd. Künstler Herr Anatolsky mehr als 30 Statuen ausgestellt, die allgemein enthusiastische Anerkennung finden. — Am 1. Tage Pessach starb in Borissow (Gouv. Minsk) eine Frau Jente, 115 Jahr alt. am Typhus. Ihre Nachkommenschaft beziffert sich auf fast 200. darunter mehrere über 70 Jahr alt Aus Tiflis meldet „Hameliz" daß das Appellationsgericht das freisprechende Urtheil über die 9 Israeliten in Kutais, welche angeklagt waren zur Erlangung von Christendlut zum Pessachfeste ein christl. Mädchen getödtet zu haben, nach kurzer Berathung des Gerichtshofes bestätigt habe. Die Angeklagten haben über ein Jahr unschuldig im Kerker schmachten müssen. — Die ganze Blutbeschuldigung hat sich — wie der Staatsanwalt selbst zugestehen mußte — als ein Gewebe von Lüge, Glaubenshaß und Meineid erwiesen. (Das muß selbst die russ. Presse zugeben, und in Preußen hat ein Blatt die Stirn ungestraft zu behaupten, daß der Gebrauch von Christenblut zum jüd. Pessachfest eine bekannte Thal sache wäre! Red.) Feuilleton. Chajinr Prostak. Historische Erzählung aus der Entstehungszeit des Chassidismus. Eine wahre Geschichte aus der zweite« Hälfte des 18. Jahrhunderts von A. S. Weiß mann. (Fortsetzung.) Jentele seufzte, als sie auf die Straße kam, tief auf, sie hatte heute einen entschieden schlechten Tag, aber sie faßte bald wieder Muth. „Ich darf Ester vom Scheitern meiner Mission nichts verrathen, auch wird mein Bruder meinem Drängen doch nicht widerstehen können; so sehr sein ftostiger Verstand ihn auch vom Gegentheil belehren mag, wird er doch, sobald ich meine fünf Kinderchen ihm vorführe und ihm beweise, daß er uns durch seinen Widerstand der tiefsten Ärmuth und dem Elend preis giebt, nachgeben müssen." Mit diesem Entschlüsse, Ester abermals in Sicherheit zu wiegen, ging sie diesmal schneller wie gewöhnlich, und bemerkte daher nicht