Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 21. (19.5.1880)
- Date
- 1880-05-19
- Page
- Seite 185 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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daß Ester nur in geringer Entfernung neben ihr herging. Auch Ester war in Gedanken vertieft, sie kam eben vom Cassirer Samuely, mit dem sie wegen Chaskel Hospitalnik, Jentele's frommen Gemahl, Rücksprache genommen. O, was hatte sie da erfahren müssen: Chaskel habe sich viele Unterschleife zu Schulden kommen lassen. Ebenso habe er die erwähnten hundert Dukaten, die er der Herrschaft Romaszkan als Angeld auf weitere fünfhundert Korz Weizen, zu übergeben hatte, wieder unterschlagen wollen. Nach der Ansicht des Hrn. Samuely war der fromme Gemahl der klugen Frau derart unzuverlässig, daß von seiner Verwendung in Zukunft Umgang werde genommen werden müssen. — So gingen sie eine lange Strecke neben einander, eine Jede mit der Andern in Gedanken beschäftigt, ohne sich gewahr zu werden. Erst als sie in eine neue Gasse einbiegen sollten, stießen sie aufeinander. Sie starrten sich lange an. Jentele gewann zuerst die Fassung. „Goldene Esterleben," Hub sie an, „ich hatte einen starken Kampf mit meinem Bruder zu bestehen, bis ich ihn für die Ertheilung der Morenu gewann. Ich habe auch gar nicht gewußt, daß R. Chajim (soll leben!) so viele Gegner hat. Seien Sie versichert, wenn ich nicht dafür mit solcher Energie eingetreten wäre, die Sache wäre ohne Erfolg geblieben." — Ester litt außerordentlich unter diesen Ausführungen. Wie peinlich mußte es diese edle Seele berühren, daß gerade in demselben Augenblick, als Jentele ihr einen so wichtigen Dienst leistete, sich ihr die Ueberzeugung aufdrängte, ihren Mann Chaskel beinahe gar nicht mehr beschäftigen zu können. „Sie verbinden uns zu sehr, daß ich beinahe nicht weiß, wie ich Ihnen dafür werde danken können", sagte daher Ester mehr in verzweifelnden: als versicherndem Tone. — „Ich verlange ja nichts weiter, als die Gewährung meiner Bitte bezüglich meines Chaskel." — „Das kann ich Ihnen gerade nicht versprechen," fiel Ester hastig ein, „aber seien Sie sicher, daß wir uns die größten Opfer auflegen werden, um Ihren Gemahl auch ferner zu beschäftigen" Jentele war zu klug um nicht einzusehen, welche Aenderung in Ester in den wenigen Stunden vorgegangen. — „Hat Jemand meinen Mann bei Ihnen verleumdet?" fragte sie daher. — „Wie kommen Sie darauf?" sagte Ester recht verlegen. Um sich aber aus dieser Verlegenheit zu ziehen, entschuldigte sie sich damit, daß sie eiligst heimgehen müsse, da die Post dränge und sie noch heute ihrem Manne Vieles zu melden habe. Um Alles gut zu machen, drückte sie ihrer Freundin für drei Monate Gehalt in die Hand und eilte fort. Nach wenigen Schritten wandte sie sich um und fragte die wie versteinert noch an ihrer früheren Stelle stehende Freundin: „Ich kann also an meinen Mann schreiben, daß er mit Bestimmtheit zu Schabbes Nachnu ... ." — „Ja! Ja! mit Bestimmtheit!" — „Ich danke." — „Keine Ursache." V. Ein trostloser Sabbath Nach'mu. Es ist ein schöner Sommermorgen, der Sonnenball prangt am Himmel strahlend wie ein Bräutigam, freut sich wie ein Held die Bahn zu durchlaufen. Obwohl es eben erst sechs Uhr ist, befinden sich Chajim Prostak und sein Weib Ester schon auf den Beinen in fertiger Toilette. Sie waren festlich gekleidet. Sollte doch dieser Tag ein wahrer Festag für sie werden. Heute sollte Chajim die Morenu erhalten. Zum ersten Male durfte er heute die polnisch-jüdische Toga, den so viel sagenden Kaftan mit Stroiki anlegen und die Tiara, die so bedeutende und kostspielige Kopfbedeckung, das vielschwänzige Streimel aufsetzen. Auch Ester hatte sich heute ganz besonders herausgeputzt; ihr zärtlicher Gemahl hatte sie für diesen freudenvollen Tag mit einem sehr kostbaren Schmuck beschenkt. Eine mit funkelnden Diamanten besetzte Perlenkrone, sehr werthvolle Ohrgehänge und fünf Reihen erbsengroßer Halsperlen bildeten das Geschmeide, das sie heute zierte. Ester war auch sonst schön, obwohl sie darauf nie besondere Sorgfalt verwendet. Sie war von mittelhoher Statur, hatte regelmäßige und einnehmende Gesichtszüge und einen blendend weißen Teint. Mit Wohlgefallen ruhten Chajims Augen auf ihr. Die Ehegatten würden sich noch lange in stiller Zufriedenheit ob ihres häuslichen Glückes beseeligt angeblickt haben, aber das neidische Schicksal trat in Gestalt des Schames störend dazwischen. Eine kreischende näselnde Stimme ließ sich vernehmen: „In Schul' rein!" Es war dies der Synagogendiener der die Betstunde anzeigte. Erst jetzt erinnerte sich Ester, daß ihr Jentele die Morenu-Urkunde eigentlich noch gar nicht übergeben, ja daß sie sie in letzter Zeit wie absichtlich gemieden, und doch fiel ihr nicht ein, an der so bestimmt gethanenen Versicherung ihrer Freundin Zweifel zu hegen. „Gewißheit sich zu verschaffen, kann doch nicht schaden, sie wird noch zu Hause sein, ich will zu ihr schicken," — dachte sie beiffich und war eben im Begriffe es zu thun, als sie Jentele ihr Haus vorbeikommen sah. Sie eilte daher ans Fenster und klopfte nach ihr; Jentele schien darauf nicht achten zu wollen, aber ihr kleiner Sohn, der sie begleitete und die ftommen sieben Sachen trug, blieb stehen, auf ihn übte dieses Haus eine mächtige Anziehungskraft aus, war er doch da nie leer ausgegangen. Jentele, die ängstlich Fromme, trug ihre heilige Last am Samstag aus Furcht, der Sabbathdraht könnte irgendwo durchschnitten sein, nie selbst, diesen Dienst verrichtete immer ihr Leiser'l. Er war noch nicht Barmizwa (conftrmirt), also noch nicht religionspflichtig, aber seine Uniformirung bewies — er trug eine Zobelmütze — daß er bereits Hörer einer Winkelhochschule war, was doch nicht verhinderte, daß er in allem klebrigen knabenhaft gekleidet und auch sonst noch knabenhaft war. Sein überlanges Hemdchen — Jentele pflegte für die ferne Zukunft zu bauen — konnten die nach rückwärts geknöpften, aber stets knopflosen Hosen nicht verbergen. Der Winkelhochschulhörer und dessen Direktor schienen sich verschworen zu haben, die Hosen ihrer Knöpfe zu berauben, letzterer weil er oft Veranlaffung hatte, ihn an dieser Gegend seinen Zorn fühlen zu lassen, und Ersterer, weil er sie während der Pausen zu verspielen pflegte. Das Hemdchen stahl sich oft selbst unter dem ziemlich langen Kaftan hervor. Auf dem Heimwege von der Synagoge bog Jentelele gewöhnlich bei ihrer Freundin ein, um sie mit „gut Sabbath" zu begrüßen. Das Ester es bei solcher Gelegenheit, nicht an Kuchen und Confitüren fehlen ließ, ist selbstverständlich, daß aber Leiserl Alles abräumte und nicht nur den Mund voll nahm, sondern auch die Taschen vollstopfte, und nicht einmal aus vereelr erez („guter Sitte") wegen etwas zurückließ oder, wie man. sich hier ausdrückte, selbst den Derech erez aufräumte, war nicht minder selbstverständlich. Das Klopfen am Fenster dieses für ihn so bedeutenden Hauses übte deshalb auf ihn einen besonders wohlthuenden Eindruck. Er wandte sich daher schnell um und als er Ester gewahrte, schrie er aus voller Kehle: „Mamma, Ester Chajim Prostak's ruft Dich!" Er würde sie beim Kleide gezerrt und gewaltsam ins Haus gezogen haben, aber er hatte mit beiden Händen vollauf zu schaffen. In der einen hielt er seinen Proviant, welcher ihm zum Frühstück während der Pause zwischen dem Morgen- und Muffafgebete dienen sollte, in der zweiten die „heilige Last", bestehend aus einem Siddur (Gebetbuch) in Quarto und anderer Erbauungslektüre, die in ein Tüchlein gehüllt waren, das schon lange nicht in Berührung mit Lauge gekommen war. Jentele suchte ihre Schritte zu beschleunigen, um einen Vorsprung zu gewinnen und sich so den Anschein zu geben, als überhöre sie auch den Ruf ihres lieben Söhnchens, allein der talmudisch geschulte Leiser, verdoppelte seine Anstrengung und schrie so laut, daß es unschicklich gewesen wäre, ihn länger überhören zu wollen. Sie machte daher kehrum und richtete ihre Schritte in das Haus Esters. „Guten Sabbath Ester!"— „©uten Schabbes liebe Jentele." „Nehmen Sie Platz." — „Ich danke!" — „Ach! was sehe ich? R. Chaim ist da? Guten Schabbes, R. Chajim. Wann ist denn R. Chajim gekommen?" fragte Jentele sich wieder zu Ester wendend. Sie betrachtete beide abwechselnd. Esters glänzender Schmuck hatte ihr ganzes mißgönnendes Wesen erregt und sie beschloß ihren Wohlthätern auch diesen Sabbath zu vergällen. (Fortsetzung folgt.)