Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 21. (19.5.1880)
- Date
- 1880-05-19
- Page
- Seite 182 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 182 — liefern zwei ähnliche Institute die thatsächlichen Beweise. Die von vr. Ree geleitete israelitische Stiftungsschule von 1815, errichtet auf Grund des Vermächtniffes eines in England verstorbenen Hamburgers, trägt diesen Namen mit Unrecht und ist den Simultanschulen zuzuzählen. Von den die Schule besuchenden 700 Schülern gehören etwa 400 christlichen und nur 300 jüdischen Eltern an. Der Religionsunterricht wird confeffionell ertheilt, Ersteren am Sonnabend, Letzteren am Sonntag. Zur Deckung der Kosten für die christlichen Zöglinge ist seiner Zeit von dem Director auf den Namen seiner Frau die Meta R6e-Stiftung errichtet. Aber auch dem vom Stifter dem Vorstand der Gemeinde übertragenen Einflüsse ist die Schule gänzlich entzogen, indem vr. Rse seit etwa acht Jahren auf die Subvention Verzicht leistet und seit jener Zeit wegen der Verwaltung der Schule einen Prozeß mit der Gemeinde führt, welcher bereits alle Instanzen durchlaufen hat. — Die Talmud-Thora-Schule, obgleich sie eine jährliche Subvention von Mk. 10,000 von der Gemeinde- Verwaltung bezieht und für dieses Jahr noch größere Ansprüche stellt; obgleich die im Jahre 1832 und früher getroffenen Entscheidungen des Senats gar keinen Zweifel darüber zulaffen, daß die Schule eine Gemeindeschule ist und daher den Bestimmungen, welche die Statuten der Gemeinde an diese knüpfen, unterworfen wäre, — auch sie sucht sich dem Einflüsse derselben vollständig zu entziehen. Zwar steht an der Spitze der Verwaltung der Schule ein Mitglied des Vorstandes, auch hat der Vorstand bei eintretenden Vacanzen von zwei für die Direction vorgeschlagenen Candidaten einen zu wählen, doch ist derselbe ohnmächtig einer permanenten Direction von acht Mitgliedern gegenüber, welche vom Ephorus der Schule, dem Oberrabbiner, gelenkt und geleitet wird und für die deffen Wille fast allein maßgebend und entscheidend ist. — Was die beiden Mädchenschulen betrifft, deren Vereinigung erstrebt wird, so ist die eine Stiftungsschule, die andere Gemeindeschule; erstere ertheilt augenblicklich 200 Kindern Unterricht und erhält einen den Bedürfnissen entsprechenden Zuschuß aus der Gemeindekaffe, z. Z. Mk. 3000, letztere wird fast ausschließlich daraus erhalten und erfordert einen jährlichen Kostenaufwand von Mk. 12.000. Diese Schule wird von annähernd 160 Mädchen besucht. Da die Schulhäuser den Ansprüchen der Jetztzeit nicht genügen, die Mittel aber nicht ausreichen, zwei Schulgebäude zu errichten, so hofft man durch die Vereinigung der beiden Schulen nicht nur den Plan eines Neubaues leichter ausführen zu können, sondern auch an Verwaltungkosten zu sparen und die Leistungen zu vergrößern. Hoffentlich wird es gelingen, die Schwierigkeiten zu überwinden, welche sich hindernd in den Weg stellen, weil bestimmte Bedingungen sich an die Vermächtnisse der einen Schule, der israelitischen Mädchenschule von 1798, knüpfen. Unser Reichstagsabgeordneter vr. Wolfsohn, ist gestern bei seiner Rückkehr von Berlin durch eine Deputation des liberalen Wahlvereins begrüßt und ihm ein Dank votirt worden für sein mannhaftes Auftreten dem Reichskanzler gegenüber und deffen Anträge, einen Theil Hamburg's dem Zollvereine anzuschließen. Auch die Handelskammer beabsichtigt, wie es heißt, eine Deputation an ihn abzusenden. Danzig, im Mai. (Or.-Corr.) In der russischen Grenzstadt Georgenburg hat am Sabbath, den 6. Jjar, im 56. Lebensjahre ein Mann die Augen geschlossen, welcher es wohl verdient, daß seinem Andenken in diesem Blatte einige Worte geweiht werden. Salomon Breslau heißt der Verklärte: sein Name war zwar nicht in weite Kreise gedrungen, er hatte weder in einem großen Gemeinwesen eine öffentliche Wirksamkeit entfaltet, noch durch größere literarische Leistungen die Aufmerksamkeit der Gelehrtenwelt auf sich gelenkt, aber er war ein Mann, wie deren nicht viele weder unter den deutschen noch unter den russischen Juden anzutreffen sind. Wenn ein bedeutender Talmudist alten Schlages stirbt, so wird oft die Klage laut, daß durch seinen Tod eine Lücke entstanden sei, welche bei der gegenwärtigen Zeitrichtung schwerlich noch ausgefüllt werden wird. Aber vielleicht noch seltener sind die Männer zu finden, welche in einer Umgebung und unter Verhältniffen aufgewachsen, wo noch das jüdische Wissen den Mittelpunkt des gesammten Denkens und Fuhlens bildete, dennoch gleichzeitig, ohne durch ihren Lebensberuf dazu geführt zu werden, lediglich aus innerem freien Triebe, mitten in ihrer anstrengenden geschäftlichen Thätigkeit, sich auch noch zur Höhe der allgemeinen wissenschaftlichen Bildung erhoben haben. Zu diesen vereinzelten Erscheinungen gehörte auch der Verewigte. Einer der hervorragendsten russischen Familien entstammt, von außerordentlicher geistiger Begabung und seltener Verstandesschärfe, war er nicht blos auf talmudischen, sondern auf allen Gebieten der jüdischen Literatur außerordentlich heimisch, aber die moderne deutsche Bildung, die er sich zu eigen gemacht, hat Allem, was er empfand und aussprach, ja seiner ganzen Persönlichkeit einen eigenartigen Reiz verliehen. Man fühlte sich im Verkehr mit ihm ganz besonders fortgeriffen durch das Feuer, das aus seinem ganzen Wesen ausströmte, durch die Gluih der Begeisterung, die jedes seiner Worte durchzog. Es war eben eine feurige Natur, voll glühender Liebe namentlich für die jüdische Religion und das jüdische Schriflthum. Aber auch leicht enthusiasmirt für alles Große und Schöne, wo auch immer es ihm entgegentrat. Was ihn einmal in Begeisterung versetzt, das brach stürmisch aus seiner Brust hervor und machte sich gewöhnlich Luft in tief empfundenen und in einem meisterhaften hebräischen Style abgefaßten Gedichten. Von diesen Poesien, unter denen namentlich die Natur-Gedichte eine höhere poetische Begabung verrathen, hat der Verklärte in seiner früheren Jugend mehrere in den älteren Jahrgängen der „Allg. Zeitung" des Judenthums veröffentlicht; aus seinen späteren Jahren sind nur hin und wieder einige in hebräische Zeitschriften gekommen. Aber mehr noch als durch seine ausgezeichneten Geistesgaben fesselte der Verklärte durch seinen gradsinnigen Charakter und seine seltene Herzensgüte. Und wer auch nur vorübergehend mit ihm zusammentraf, mußte es empfinden, daß er sich gab, ganz wie er war, daß Alles, was er sprach, Ausdruck war der reinsten, unmittelbaren Empfindung des Herzens, daß die Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit, die er Jedermann entgegenbrachte, aus dem tiefsten Quell des Innern sprudelte. Sein Tod mußte um so erschütternder wirken, als er bis zu dem Momente, wo ihn die tödtliche Krankheit, der er nach 14 Tagen erlag, daniedergeworfen, sich stets der blühendsten Gesundheit und einer jugendlichen Frische erfreut hatte. Es beweint ihn eine betagte Mutter, die in ihm ihr einziges Kind verloren, eine treue Gattin und sieben zum Theil noch unmündige Kinder; ich selbst betrauere in ihm meinen Schwiegervater, zu d^m ich voller Verehrung emporgeblickt und der im schriftlichen und mündlichen Verkehr belebend und anregend auf mich gewirkt, wie ich aus deffen mir brieflich gemachten literarischen Mittheilungen auch einmal Einiges im „Jüdischen Literaturblatt" vor einigen Jahren veröffentlicht habe. Möge das Andenken des Frommen den Hinterbliebenen zum Segen gereichen und die Schwergebeugten sich in der Erinnerung an sein edles Leben und Streben bald erhoben und aufgerichtet fühlen! vr. S. G r o n e m a n n. Großbritannien. London. Die Chorfrage führt auch hier immer mehr zu der allgemeinen Ueberzeugung, daß die practischeste Einrichtung der G e m e i n d e g e s a n g ist, während der Chorgesang einerseits in seiner correcten Ausführung auf große, sachliche Schwierigkeiten stoße, indem die nöthigen Kräfte selten vorhanden sind, und andererseits leicht eine Erschlaffung der Gemeindebetheiligung herbeiführen könnte. Doch wird die Chorfrage kaum zu reformistischen Neuerungen führen, da der Ausfall der letzten Cultuswahlen eine entschiedene Majorität der Orthodoxie gebracht hat. Noch nie erinnert man sich einer so lebhaften Betheiligung an den Wahlen wie diesmal, wo die Ritusreformfrage zum Austrage kommen soll. Doch haben die Wahlen auch insofern ein neues Resultat zur