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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-05-12 · N° 20. (12.5.1880) · p. Seite 172

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 20. (12.5.1880)
Date
1880-05-12
Page
Seite 172 (sequence 2)
Language
German
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— 172 vielen einsichtigen Gemeindevorständen gemachten Anstrengungen für die Pflege des jüdischen Religionsunterrichts, seine j Einreihung in den Lehrplan höherer Anstalten u. s. to. spricht i sich doch vor Allem der Gedanke aus, daß ein „Judenlhum j ohne Selbsttenntniß" sich des Rechtes und der Zukunft seiner i Existenz begebe, in sich allmählich erstarren und vertrocknen i müsse, wie nach Außen hin schütz- und waffenlos dastehe —! und wenn wir auf das alte Wort Hinweisen dürfen, daß uns auch aus den Widerwärtigkeiten des Lebens in gewiffem Sinne ein Segen entspringt — es dürfte sich auch gar bald zeigen, daß gerade diese maßlosen Angriffe auf uns und unsere Religion, neben den vielfachen Enttäuschungen, die sie uns bereitet, und neben dem tiefen Schmerze, mit dem sie uns, die wir so lieblos verkannt und so grundlos verurtheilt worden, erfüllen, sich uns dadurch zum Segen wandeln, daß sie uns nicht nur zur Selbstprüfung führen, um einzelne Schwächen, von denen wir ja nicht frei sind, abzulegen, vielmehr auch uns über die Rothwendigkeit, uns den Quellen unseres religiösen Lebens wieder zuzuwenden, die Augen öffnen, uns zeigen, wie sich die seitherige Vernachläffigung des Unterrichts in Religion und Religionssgeschichte, schon zur Stunde bitter rächt, und so erwächst der jüdischen Religionsschule gerade in dieser Gegnerschaft ein, wenn auch feindlich gesinnter Bundesgenosse ihrer Bestrebungen, der lauter für sie spricht, als es die eindringlichsten Ansprachen aus dem Munde der Prediger und Schuldirigenten zu thun vermögen. Gerade diese unaus» gesetzten Angriffe auf das Judenlhum, seine Lehre und seine Geschichte beweisen die Rothwendigkeit eines regelmäßigen, gründlichen und ausreichenden Unterrichtes der Jugend in unserem Glauben wie in. unserer Geschichte, der seither gerade in d e n Kreisen, die vermöge ihrer socialen Stellung und allgemein wiffenschaftlichen Bildung zur Pflege derselben berufen, bei denen man die Kenntniß ohne Weiteres voraussetzen mußte, fast durchgehends unberücksichtigt geblieben. Die letzten Monate haben wieder einmal — von aller Feindseligkeit abgesehen — dargethan, welch' eine Fülle irriger Vorstellungen über Juden und Judenthnm noch verbreitet sind, wie wenig man zur Stunde im Stande ist, dem reinen Lehrgehalt, den hohen Sittlichkeitsbegriffen des Judenthums gerecht zu werden, und wie sehr es hier der Abwehr bedarf! Aber wem liegt sie ob? Auf welchem Felde nur kann dieser Kampf schließlich ausgekämpft werden? Bei aller Anerkennung der redlichen Absicht, wie der ausreichenden Begabung, die unseren Vertheidigern innewohnt, und insbesondere bei aller Dankbarkeit, namentlich den nichtjüdischen Männern gegenüber, die aus bloßem Gerechtigkeitsgefühle unser weltgeschichtliches Recht vertreten — die Wirkung und der Einfluß solcher Vertheidigungsschriften ist und bleibt der ganzen Sachlage nach nur eine partielle, ihr Leserkreis ist von einigen wenigen für uns eintretenden Tagesblättern von localem Umfange abgesehen, ein fast ausschließlich jüdischer und auch dies nur leider in sehr beschränktem Maaße — indeß die Brandschriften und Brandreden gegen das Judenthum bis in die tiefsten Schichten des Volkes dringen, sich an die weitesten Kreise wenden. Die eigentliche Abwehr und gründliche Beseitigung des Nebels bedarf anderer, allezeit kampfbereiteter, weittragender Waffen. Es gilt im Leben selbst, im geselligen Verkehre, in öffentlichen Versammlungen, wie im privaten Gespräche, jeder, nicht immer geradezu böswilligen, Verkennung des Judenthums entgegenzulreten und an der Hand von Bibel und Schriftthum von Religion und Geschichte die Gegner eines Befferen zu belehren, richtige Anschauungen über Juden und Juden-, thum, über die Grundlehren unseres Glaubens, wie über die Grundzüge unserer Geschichte, wie endlich über das Grundwesen unseres Charakters, — wenn wir nun einmal einen eigenartigen haben sollen — zu verbreiten. Und nun geht hin und fragt einmal, wie viele unserer heutigen gebildeten Glaubensgenoffen das vermögen, über allgemeine Redensarten hinauskommen, selbst das Wahre vom Falschen zu unterscheiden wiffen.' Ist denn auch uur Allen die Basis unserer Religion wie aller menschlichen Gesittung überhaupt, der D e k a l o g, geläufig? Ist ihnen der tiefgehende Unterschied zwischen Religionsgesetz und Staatsgesetz in der Thora, zwischen Sittengebot und Ceremonialsatzung jemals verständlich geworden? Wiffen sie, das bis zur Stunde so allgemein verbreitete Vorurtheil von „dem Rachegotte des alten Testaments" zu widerlegen oder die Behauptung, daß es erst das Christenlhum gewesen, das den Gedanken der Menschenliebe ausgesprochen, durch den Hinweis auf das Wort der Thora: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst" und zahlreiche desfallsige, spätere Aussprüche wie Thatsachen. zurückzuweisen? Den Vorwurf, daß die Lehre des Judenthums keine Feindes - liebe kenne oder gebiete, Lügen zu strafen? Stehen sie nicht den Anklagen, daß das Judenthum den Wucher gestatte und begünstige, dem Nichtjuden gegenüber jedem Unrecht Licenz gewähre, Treue und Glauben nicht kenne, stumm und wehrlos gegenüber, sind sie im Stande gegenüber so vielen falsch verstandenen oder im Judenthum nie zur Geltung gelangten kalmudischen Aussprüchen den Jrrthum aufzuklären, daß der Talmud — das kann man auch ohne Talmudstudien wiffen — niemals in allen seinen Theilen und Aussprüchen als Gesetzbuch anerkannt worden? Und wie steht es mit der landläufigen Behauptung, daß die Juden arbeitsscheu, von jeher ein Handelsvolk gewesen seien? Es ist mehr als traurig, daß der gebildete Jude unserer Tage gar oft keine Ahnung mehr von der Zeit besitzt, für welche ein großer Theil der biblischen Gesetzgebung fast ausschließlich berechnet gewesen, als Israel dem Ackerbau oblag und sein Feld bebaute, indeß nur der Kenaani*), der Ausländer, in seiner Mitte den Handel betrieb und vermittelte; jene Zeit, wo die Propheten in das Ideal der Volkszukunft das Bild der Tage einwoben, in welchen „jeder Israelit unter feinem Weinstock und Feigenbaum wohnen werde und die iodtbringenden Waffen zu nützlichen Gerächschaften friedlicher Landarbeit umgemandelt werden"? Und wie leicht ist der an der Hand der Geschichte zu führende Nachweis, wie man schrittweise die Juden zu dieser Beschäftigung gedrängt, und wie sie, sobald ihnen nur irgend eine Freiheit ward, sich anderer Thätiglett zuwendeten! Ja, würden wir so oft den Vorwurf der Feigheit Israels hören und hinnehmen müffen, wenn das Bild jener heldenmüthigen Maccabäer und ihrer Thaten im heutigen Israel lebte, wenn es zu erwidern wüßte, daß das Volk der allen Welt, welches den verzweifeltesten und nachhaltigsten Widerstand gegen die weltbezwingenden Römer zu organisiren wußte, kein anderes als die Juden gewesen? Darf man einem Volke gegenüber von Feigheit reden, deffen Märtyrer für seinen Glauben nach Hunderttausenden zählen? Man nahm den Juden im Mittelalter, wie alle anderen Rechte, so auch das schönste Recht des Bürgers: für sein Vaterland zu kämpfen — aber haben sie nicht allerorten von der Stunde an, wo man ihnen es gestattete, treu und hingebend gefachten, findet man nicht in fast jedem jüdischen Gotleshause die Namen der Jünglinge verzeichnet, die im Kampfe für die Einigung und Befreiung Deutschlands gefallen, deffelben Deutschlands, in welchem man ihnen jetzt das Heimathsrecht bestreiten möchte? Aber noch trauriger tritt diese gänzliche Unbekanntschafl mit der jüdischen Geschichte auf dem Gebiete des eigentlichen Geisteslebens des Judenthums zu Tage. Ein Mann von der wiffenschaftlichen Bedeutung eines Schleiden fühlte sich durch den ihm zufällig erschlossenen Einblick in die wiffenschaftlichen Leistungen jüdischer Männer im Mittelalter so ergriffen, daß er dieselben in einer besonderen Schrift: „Die Bedeutung der Juden für Erhaltung und Wiederbelebung der Wiffenschaflen im Mittelaller" darlegte — aber wie wemge unserer Glaubensgenoffen haben auch nur eine Ahnung von dem Einfluffe, den ihre Vorfahren auf die Entwickelungsgeschichte des Menschengeschlechtes geübt, wie sie hervorragende Mitarbeiter an der Pflege jener Cultur gewesen, von der man sie jetzt ausschließen will. Man kennt jede noch so geschmacklose griechische Göttersage, man weiß über jeden liederlichen Ro- *) Daher 1^)3 Bezeichnung für „Handelsmann, Kaufmann", cfr. Zach. 14, 21 N12 '2222 ,T,T K4??- Jes. 23,8. Hof. 12,8 u. Prov. 31,24. (Red.)

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