Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 19. (5.5.1880)
- Date
- 1880-05-05
- Page
- Seite 168 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/5369809-9583817-9584004--4087-9584010- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
— 168 — Bestimmungen über die Ferien, über Schulschluß und Schulberichte sich diesmal noch folgender PaffuS befindet. „Die Herren Lehrer werden bei Entwerfung der Stundenpläne darauf Rücksicht zu nehmen haben, daß die vom Herrn Cultusminister angeordnete neue Rechtschreibung mit dem neuen Schuljahre in sämmtliche Elementarschulen eingeführt werden muß — weshalb eine angemessene Stundenzahl für diesen wichtigen Lehrgegenstand anzusetzen ist. Röthigenfalls können dafür einige von den für die hebräischen Fächer und für die Realien bestimmten Stunden benutzt werden." Es ist ganz in der Ordnung, daß die Bestimmungen ' des Ministers über die neue Rechtschreibung auch in den jüd. Elementarschulen stricte zur Ausführung gebracht werden, daß aber die 3 Herren Landrabbiner den jüd. Lehrern der Provinz aufgrgebtn, zu Gunsten der neuen deutschen Rechtschreibung event. auch von den Stunden für die „hebräischen Fächer" einige zu opfern, scheint doch etwazu weit gegangen. Sollten denn dazu die Anzahl der deutsch en Lese- und Schreibstunden nicht genügen? Cöln. In unserer Nähe, in der Stadt Lechenich, wurde unlängst eine Frau zu Grabe' getragen, die es verdient, in diesem Blatte einen Nachruf zu erhalten. Fron-Lisa Hirsch, geb. Simon, eine junge Frau von 31 Jahren, einen trauernden Gatten und 5 unmündige Kinder zurücklasiend, war mit seltenen Vorzügen der Herzens ausgestattet. Die „Lechenicher Zeitung" schreibt über das Leichenbegängniß Folgendes: „Arm und reich, ohne Unterschied der Confesiion, war erschienen, um ihr daS Ehrengeleit zu geben. Nachdem die Tohingeschiedlne in schmucklosem Sarge, wie eS der jüdische Ritus verschreibt, in die Gruft gesenkt, hielt Herr Rabbiner Dr. Frank aus Cöln eine ergreifende Rede und betonte mit Recht, wie sie sich als eine Mutter der Kranken und Armen, gleichviel welcher Confession, angenommen habe und wie manches Gebet, sogar auch aus christlichem Herzen zum Allerhöchsten gestiegen sei, um von der schwer Geprüften die lange und schmerzvolle Krankheit abzuwenden." In der Thal ist es hier vorgekommen, daß Christen in ihrer Kirch^e für eine Israelitin gebetet haben, ein schönes Zeichen confistiomllen Friedens. Wenn wir nun noch hinzufügen, daß Frau Hirsch diese Liebe bei Andersgläubigen nur durch edle Wohlthaten und nicht durch ein Aufgeben oder Außerachtlasien ihrer Glaubensvorschriften gewann, denn sie war strenggläubig und äußerst gewissenhaft in Beobachtung jüdischer Satzung, so hat sie es wohl verdient, daß ihr dieser Nachruf gewidmet werde. Coblenz. Für das am 1. April begonnene Schuljahr hat die Gemeindevertretung die Unentgeltlichkeit des Unterrichtes in unserer Religionsschule (dte zur Zeit in 3 Klassen 50 Schüler zählt) für die Kinder unserer Gemeindemitglieder lbeschlosien. Aus Erfurt schreibt man der „Goth Ztg.": Die in der hiesigen Bibliothek des geistlichen Ministeriums aufbewahrten hebräischen Manuscripte, welche aus der Plünderung der Judenhäuser im Jahre 1340 herstammen, sind nun endgiltig an die königliche Bibliotbek in Berlin für 5000 Mark ver? , kauft worden. Von England her wurden für diese Alterthü« mer, unter denen sich höchst werthvolle Bibelcodices befinden, ein Gebot von 13,000 Mark gemacht, das evangelische Miuisterium Hierselbst mochte jedoch nicht, daß dieser Schatz nach dem Auslande käme. Die Sammlung wird auch in der königlichen Bibliothek zu Berlin den Namen „Erfurter Handschriften" tragen. Neuerdings sind auch in der hiesigen königlichen Bibliothek unter Einbanddecken alter Bücher werthvolle Fragmente alter hebräischer Handschriften entdeckt worden. In Krakau hat eine reiche Christin unter vielen andeten Legaten dem jüd. Krankenhause 5000 Gulden vermacht. Au- Brody wird eine gegen die judenfeindlichen Artikel des „CzaS" und gegen Treitschke gerichtete Broschüre emeS Herrn Kronengold aus Leipzig, „Die Bilanz des Judenconto", Zehr gerühmt. (Jwri.) In Pest erschien am 18. April die erste Nr. der belletristischen Blätter von Eacher-Masoch, eines Wochenblattes» das die Vertheidigung der Juden gegen die Treitschke-Jstoczy's führen will. Wenn Sacher-Masoch Ernst macht, rvird's an wuchtigen Hieben nicht fehlen. DaS Unternehmen verdient fördernde Unterstützung. Galatz. Trotz der Anfeindung durch die Rumänen finden die hiesigen Juden noch Zeit und Lust zu innerem Zwist und Hader. Schule und Hospital geben den Aulaß dazu — dazu die elende Fleischsteuer Alte und neue Verwaltung liegen sich in den Haaren. Gott besier'S. (Hamagid.) London. Auf Anregung von Sir Moses Montefiore hat Herr H. Guedallah in Folio ein Buch erscheinen lasten» in welchem 1) der Wortlaut der Rede des spanischen Ministerpräsidenten Canovas del Castillo den Schutz der europ. Mächte über die verschiedenen Nationalitäten in Marocco betreffend, 2) verschiedene Dokumente, wie daS kaiserl. maroccanische Edikt von 1864 (daS auf Anregung Montefiore'S erlassen worden ist) wie auch die Adreffe Montefiore'S an die isr. Gemeinden Marocco'S, 3) die Correspondenz des Herrn Guedallah mit dem Marschall Prim, Römers, Ortiz, Marschall Serrno bezeugt die Zulaffung der Juden in Spanien. Dar Letztere ist fast erreicht, aber die Verfolgung in Marocco ist stärker geworden. Hessen wir, daß der Einfluß des ehrwürdigen Sir MoseS und der Eifer des Herrn Guedallah auf der Conferenz der Mächte vom 20. Mai in Madrid sich wirksam erweisen werden. — R6nan hat in Lo ndon in seiner 2. Vorlesung die Bedeutung der Juden in Rom als Pioniere des ChristenthumS besprochen und ein treffliches Bild von ihrer Lage und ihrem Wirken entworfen, an dem wir nur auszusetzen haben, daß er die sadducäische Leugnung der Unsterblichkeit als die herrschende Ansicht schilderte, während doch die Pharisäer die Meinung deS Volkes vertreten. St. Petersburg. 30. April. Heute ist an alle augenblickl'ch hier anwesenden Ausländer jüdischer Confesiion von Seiten der Polizei der Befehl ergangen, binnen 24 Stunden, eventuell mit den nächsten nach ihrer Heimath abgehenden Zügen St. Petersburg zu verlaßen. Gründe für diese Maßregel sind nicht angegeben. (Der Befehl soll nachträglich wieder zurückgenommen worden sein.) Et. Petersburg. Außer den 150,000 Rubel zur Besoldung der jüd. Religionslehrer in den westl. Gouvernements hat Herr Poliakoff 25,000 Rubel als Grundfonds eines Vereins zur Unterstützung hier siudirender jüd. Jünglinge gegeben. Beide Stiftungen (die aus Anlaß der Jubiläumsfeier gemacht worden sind) haben die kaiserliche Bestätigung erhalten. — Die Fürstin Woronzow, welche eine Helferin aller Armen ist, ließ vor Pessach an jüd. Arme Geld vertheilen. Jn Kowuo hat ein Comits 115 Pud Mazzos vor Peßach und mit Erlaubniß der ehrwürdigen Rabbinen am Cholhamoed 35 Pud backen lassen und zu 5 Kopeken das Pfund an Arme überlasten. Wie schwer die Theurung ist, zeigt die- Erlaubniß deS Rabbiren (am Sabbath hagodaul in der Derascha ertyeilt), Hülsenfrüchte am Peßach zu effen. Jerusalem. Baron F. von Rothschild hat 4 Tage hier geweilt, die Tempelstälte, die Westwand und sonstige Ueberreste besichtigt, in den verschiedenen Gotteshäusern sein Gebet verrichtet — die höheren Beamten besucht und ihren Besuch empfangen. Vor der Abreise ließ er durch seinen Bankier 2500 FrcS. den armen Sefardim, 1000 Frcs. den armen Aschkenasim, 1500 Frcs. der Volksküchenkaste deS Sefardim, 500 Frcs. den Armen der Mograbim (arab.-jüd. Gemeinde)» 350 Frcs. dem Beth-hamidrasch Doresch-Zion, je 75 Frcs. den Synagogen der Sefardim wie der Aschkenasim. In Jaffa gab er den Armen 500 FrcS.