Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 19. (5.5.1880)
- Date
- 1880-05-05
- Page
- Seite 169 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton. Chajim Prostak. historische Erzählung aus der Entstehungszeit de- Chassidismus. Ginr wahre Geschichte au» der zweiten Hälfte de» 18. Jahrhundert» von A. S. Weißmann. (Fortsetzung.) „Wenn auch zugegeben werden muß, — so ungefähr sprach der verständige Mann — daß dadurch, daß uns von unserer einstigen Größe, Macht und Selstständigkeit Nichtgeblieben, als die heilige Thora, wir alle diejenigen, welche sich mit ihrer Pflege befassen, auszuzeichnen suchen, und sie Lloreuu „unsere Lehrer" betiteln, so ist doch.daraus keineswegs zu schließen, daß wir diejenigen, die nicht aus Böswilligkeit oder Mißachtung das Studium darin vernachläsiigen, deshalb erniedrigen, verletzen und verspotten müssen. Ist es nicht geradezu ein verletzender Brauch, daß man die sogenannten Prostaken so niedrig stellt und ihnen so viele Rechte in der Synagoge nimmt? Alle unsere Gesetze und alle unsere Institutionen verdammen schnurstracks eine solche Handlungsweise, wie sie gegen Chajim Prostak gebräuchlich ist. Ich muß gestehen, daß wir uns sehr schwer gegen ihn vergangen haben; ich sage schwer, weil Ihr, die Ihr Euch deshalb, weil Ihr Euch mit der heiligen Lehre befaßt, so viel herausnehmt, auch ganz besonderePflichten übernommen habet. Der Talmud zählt vierundzwanzig Collisionsfälle auf, die bei dem gewöhnlichen Menschen gar nicht in Betracht gezogen werden, dem Talmidchacham aber, dem Talmudbeflissenen, sehr schwer angerechnet werden. Jene wiffen nicht was sie thun, diese aber müffen selbst jeden Schein, jeden Schatten eines unmoralischen Betragens zu vermeiden suchen. Gelehrsamkeit soll nicht zu Ueberhebung, wie Macht zu Mißbrauch führen. Das geringfügigste Vergehen eines Gelehrten ist ein Verbrechen, «in Chillul Haschern. eine Entweihung des göttlichen Namens, eine Entwürdigung des moralischen Prinzips. Darum muß ich Euch ermahnen, von nun an es zu unterlassen, diesen würdigen Mann, der nur Anerkennung, Lob und Auszeichnung verdient, wegen seines Mangels an talmud. Wissen zu kränken und zu demüthigen." — Ester hatte die Genugthuung, ihren Gemahl öffentlich loben zu hören und dies von einem angesehenen über jede Parteilichkeit erhabenen Mann, und sie beeilte sich die Synagoge zu verlaßen, um ihren Chaim hiervon zu benachrichtigen. Unterwegs gesellte sich Jentele zu ihr, sie that sehr entrüstet über das Vorgefallene. „Mein Bruder wird heute wegen der Morenu von mir Dinge zu hören bekommen, wie er sie vielleicht noch nie gehört", sagte sie und suchte sich bei Ester weiter das Vertrauen zu erhalten. Kaum war sie aber allein, so konnte sie ihren Aerger über den unberufenen Abraham Lippschitz gar nicht zurückhalten. „Ich bin ich, und neben mir sollst Du keine Götter haben," ist das erste und höchste Gebot „ich kann meinen Einfluß auf diesen Prostak nicht aufgeben, ich weiß es nur zu gut, kaum bekommt er die Morenu, wird er meinen Mann entlassen, er bekomme daher diesen Grad entweder gar nicht oder er vordanke ihn nur mir allein" — sagte sie zu sich. 3. Ein leeres Versprechen. Indessen wuchs das Vermögen Chaim Prostaks von Tag zu Tag; er galt nicht nur als der reichste Mann der damaligen galizischen Juden, sondern auch als der angesehenste. Alle Welt trug ihm ein ungeschmälertes Vertrauen entgegen, wohin er auf seinen geschäftlichen Reisen kam, fand er eine an Ehrerbletung grenzende Achtung. Er hätte allen Grund gehabt, M glücklich zu fühlen, und doch war es ihm unmöglich. Die schonungslose Behandlung und die planmäßige Zurücksetzung, me er bei der jedesmaligen Heimkehr in seiner Vaterstadt erfuhr, nagten an ihm sehr und vergällten ihm alle seine Lebensfreude. Er war deshalb bestrebt, seine Heimath soviel als möglich zu meiden. Aber was war ihm alle in der Fremde erwiesene Ehre und Achtung werth, wenn Esther nicht unmittelbare Zeugin derselben sein konnte? Schon der bloße Gedanke an eine zu erfahrende schimpfliche Behandlung in der Synagoge vor seiner ihm über Alles theuern und geliebten Frau und in Gegenwart seiner Kinder war ihm ein schrecklicher. Als der Sabbath Nachmu herannahte und er es nicht über sich gewinnen konnte, auch an diesem Sabbath, der von allen Juden als troftverheißend in freudiger Stimmung gefeiert wird, von Hause fern zu bleiben, kündigte er seiner Frau seine Heimkehr an, bemerkte aber in seinem Briefe, sie möge dem Religionsweiser (Rabbiner) bedeuten, daß, Falls er ihn mit der Ertheilung des Morenugrades über diesen „guten Sabbath" hinaus Hinhalten würde, er sich veranlaßt sehen würde, mit der Familie Jaslowic zu verlassen und auch den Schwerpunkt seines Geschäfts nach anderswo zu verlegen. — Ester hatte nach Empfang dieses Schreibens nichts Eiligeres zu thun, als Jentele, die Kluge, kommen zu lassen und ihr den Inhalt des Briefes mitzutheilen. — „Sie thun bester," meinte hierauf die kluge Jentele, „einen Anderen mit dieser Miffion an meinen Bruder zu beauftragen. Mir ist heute der Kopf von anderen Dingen voll; schon seit Wochen liegt mein Chaskel krank darnieder, Gehalt beziehen wir nicht und wir kämpfen mit d§r bittersten Roth." Die stets mitleidige Ester fragte theilnehmend, was denn vorgefallen. „Wie, Sie wissen Nichts? Wie ist es denn möglich, daß Ihnen all das, was meinem Manne bei der Herrschaft Romaszkan widerfuhr, nicht zu Ohren gedrungen sein soll? Am Sonntag nach jenem unliebsamen Vorfall mit dem Maftir in der Synagoge wurde Chaskel zu ihrem Geschäftsführer Samuely beschieden. Dieser ertheilte ihm den Auftrag, bei der Herrschaft Romaszkan 100 Sack Weizen zu übernehmen. Er gab ihm 100 Dukaten mit, schärfte ihm aber dabei ein, daß man bei der Herrschaft bedeutende Ausstände hat, daß der zu übernehmende Weizen also längst bezahlt sei, die 100 Dukaten sollten nur für den Fall dienen, daß die Herrschaft durchaus auf Baarzahlung bestehen sollte. Meinem Manne brauchte man eine Sache nicht zweimal sagen, er gab sich alle Mühe, von der Herrschaft den Weizen zu erhalten, indem er vorgab, kein Geld bekommen zu haben; allein Ihr sauberer Herr Samuely hatte dieselbe früher verständigt, daß er für alle Fälle Geld mitschicke. Der Baron Romaszkan fuhr daher meinen dupirten Mann wüthend an, ließ ihn nicht weiter zu Wort kommen, rief seine Knechte herbei und ließ in seiner unbändigen Wuth meinen bis auf den Tod erschrockenen Mann mit Stockschlägen tractiren." „Ich traue meinen Ohren nicht", entgegnete Ester, „und was macht er jetzt?" „Er ist ein gebrochener Mann, er muß das Bett hüten. Gehalt haben wir für diesen Monat nicht bezogen, aber darum ist es mir nicht zu thun, — ich frage mich vielmehr, was wird aus ihm, was wird aus mir und meinen Kindern werden, wenn er vielleicht gar erwerbsunfähig wird." „Wenn mein Chaim kommt, werde ich mit ihm schon darüber reden, inzwischen werde ich ihm für einige Monate Gehalt auszahlen lassen." „Vielleicht kann er eine solche Beschäftigung erhalten, die mit keinen Strapazen verbunden ist, wie etwa als Cassierer", meinte hierauf Jentele; „mein Chaskel ist ehrlich wie Gold." „Ich werde meinen Mann dafür zu gewinnen suchen." „O wie danke ich Ihnen, theuere und gütige Seele! Und nun begebe ich mich zu meinem Bruder, und diesmal wird er sich meinem Wunsche fügen müsten, und noch heute sollen Sie eine bestimmte entscheidende Antwort haben, ich selbst werde deren Ueberbringerin sein." Ester ergriff ihre Hände und drückte sie mit Wärme. Das Morenudiplom war die letzte Karte, die Jentele um eine ansehnliche lebenslängliche Anstellung ihres Mannes zu erlangen, auszuspielen gedachte. Deshalb hatte sie ihren Bruder durch alle nur erdenkliche Mittel bis stetzt davon zurückgehalten, es dem Prostak zu ertheilen. Nun aber drohte dieser Prostak mit seiner Uebersiedelung nach einer anderen Stadt, was blieb ihr also zu thun übrig, als sich nun rasch gefällig zu zeigen. Unter solchen Gedanken lenkte sie ihre Schritte nach der Wohnung ihres Bruders, des Jaslowicer Religionsweisers. (F.f.)