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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-04-28 · N° 18. (28.4.1880) · p. Seite 158

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 18. (28.4.1880)
Date
1880-04-28
Page
Seite 158 (sequence 4)
Language
German
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— 158 Leute. Am 11. April sollte die Hochzeit gefeiert werden. Wer beschreibt aber das Entsetzen der jungen schönen Braut, als ihr Verlobter wenige Tage vor der Hochzeit von Eisenach aus telegraphirte, man solle alle zur Vermählung führenden Vorbereitungen abbrechen? Die junge Dame reiste sofort ihrem Bräutigam nach, um Aufklärung zu erbitten, oder zu geben. Sobald der Verlobte seiner Braut in Eisenach ansichtig ward, feuerte er statt jeder Erklärung den Revolver zunächst aus sie, dann auf sich ab. Eine tödtliche Wirkung wurde jedoch nicht erzielt. Gegenwärtig liegen die jungen Leute noch krank in Eisenach. Man hofft, daß Beide mit dem Leben davonkommen werden. Zur plötzlichen Sinnesänderung soll der junge Mann durch die Nachricht, daß seine Braut früher mit einem Anderen ein ihm bisher verheimlichtes Liebesverhältniß gehabt haben soll, veranlaßt worden sein. Am 15. August 1877 ist der Kellner Israel Groß bei Mährisch-O st rau von einem Raubmörder getödtet worden. In dem Arbeiter Carl Grieger aus Hoschialkowitz wurde der lange vergeblich gesuchte Mörder des Israel Groß eruirt. Das Landgericht zu Ratibor erkannte den Arbeiter Griegar des Mordes schuldig und verhängte über ihn die Todesstrafe. Der königl. Commissions-Rath Bernhard Selten zu Lublinitz, der das dortige Kreis-Krankenhaus gegründet und sich auch sonst durch Acte der öffentlichen Wohlthätigkeit ausgezeichnet hat, ist zum königlichen Lommerzienrath ernannt worden. Es verdient in jüdischen Blättern registrirt zu werden, daß die zu Breslau verstorbenen Bürger christlicher Confeffion, die Herren Stadtrath Lind an er und Buchhalter Dänisch, auch der israelitischen Krankenverpflegungs-Anstalt und Beerdigungs-Gesellschaft Chewra Kadischa je 150 Mark letztwillig hinterlaffen haben. Hamburg, 22. April. (Or.-Corr.) Vielseitig besprochen wurde kürzlich an der Börse die Ausweisung mehrerer Hamburger Kaufleute aus Petersburg, nachdem sie bestätigt hat» ten, daß sie Juden seien, auf Grund eines alten, seit vielen Jahren nicht mehr in Anwendung gebrachten Gesetzes, welches fremden Israeliten den Aufenthalt daselbst länger alr 24 Stunden nicht gestattet. Begründet wurde die Ausweisung durch die gebotene Vorsicht, in Rücksicht darauf, daß unter den Nihilisten viele Juden sich befänden. Der deutsche Consul lehnte, auf Grund jenes noch in Kraft befindlichen Gesetzes, jegliche Intervention ab. — Wie erzählt wird, wären von einem solchen Befehle gleichzeitig auch ein Engländer und ein Franzose getroffen worden, doch habe der Englische Consul unter Berufung darauf, daß England nur Unterthanen kenne, nicht aber zwischen Christen und Juden unterscheide, die Ausweisung . sofort inhibirt, während der französische Consul es vorzog, dem bestehenden Gesetze gegenüber eine Einmischung zu Unterlasten, um nicht den vorhandenen Conflict wegen des, des HochverrathS angeklagten, nicht ausgelieferten Hartmann, noch zu verschärfen. — Diese erneueten Ausweisungen geben zu ernsten Betrachtungen Veranlassung, aber auch die Verschiedenheit der Folgen kennzeichnet die Verschiedenheit der Stellungen, welche die Juden trotz der Emanzipation als Bürger der betreffenden Staaten einnehmen. Ein Blick in die Verhandlungen des Reichstags wegen Enthebung der Geistlichen von der Ersatzreserve läßt uns ein Gleiches wahrnehmen und ein deutlicheres Bild noch starrt uns aus der Rede des Abgeordneten von Ludwig, welche derselbe am 19. d. Mts. im Reichstage hielt, entgegen. Aus Pommer«, im April. (Or.-Corr.) In der Discussion über die Privilegirung der Geistlichen vom Wehrdienste war es besonders der Abg. Marcard, der sich förmlich empört gegen den Schein von Parität aussprach, den der Windthorstfche Antrag den Juden gewähren werde. Im selben Geiste, der dem Judenthum eine inferiore Stellung zumeist, bekämpfte auch der Abg. v. Kleist-Retzow das Windthorst'sche Amendement. Der stenographische Bericht liegt noch nicht vor, aber nach den Zeitungsreferaten muß der deutsche Reichstagsabgeordnete Marcard, der auf Grund der von ihm bei seinem Eintritt ins Parlament beschworenen Reichsverfassung, welche allen Deutschen gleiches Recht gewährt, im Reichtstage sitzt, zur Darstellung seiner Antipathie gegen die Juden sich der grellen Maccartffchen Farben und Tinten bedient haben. Jedenfalls ist dieser sonst unbekannte Abgeordnete dadurch ins rechte Licht getreten. Dankbar aber muffen wir dem Abgeordneten Windth o r st sein, daß er bei jeder Gelegenheit, wo es sich um Recht, um Parität handelt, für die Juden, resp. für (hre Geistlichen, das Wort ergreift, während die wenigen jüdischen Abgeordneten, sonst stets zum Reden bereit, bei solchen Gelegenheiten ein merkwürdiges Schweigen beobachten. Wie aber, wenngleich das Windlhorst'sche Amendement gefallen, wird es mit dem § 65 des Reichsmiiitairgesetzes zu halten sein, der doch ausdrücklich besagt, daß Personen des Beurlaubtenstandes und der Ersatzreserve, welche „ein geistliches Amt in einer mit Corporationsrechten innerhalb des Bundesgebiets bestehenden Religionsgesellschaft bekleiden"? (Das Gesetz erkennt eben ein „geistliches Amt" bei den Synagogengemeinden nicht an. Red.) Heilbronn, 19. April. (Or.-Corr.) Von dem hiesigen Schwurgerichte wurden in letz:er Woche mehrere ausländische Israeliten zu längeren Gefängnißstrafen verurtheilt, welche bei hiesiger israel. Centralunterstütz nngskasse gefälschte Pässe vorzeigten, um Unterstützungen zu erhalten. Durch diese Verurtheilungen ausländischer Israeliten hat die Ziffer der isr. Gefangenen in württ. Gefängnißanstalten eine für uns nicht sehr schmeichelhafte Größe erreicht. Der Stand der Gefangenen in Württemberg nach dem Glaubensbekenntniß war am 30. Juni 1878: 1220 Evang. 691 Katholiken 16 Israel. Neu eingeliefert \ 1896 „ 956 „_18 „ wurden 1878/79 jzus. 3116 „ 1647 „ 34 „ Entlasten wurden: gestorben 20 „ entwichen 1 „ entlasten 1728 „ 13 3 870 1 15 . ' Stand 1879 1367 „ 751 „ 19 „ mehr als 1878 149 „ 66 „ 3 „ Der Procentsatz beträgt für Evangelische 0,4°/,. für Katholiken 0,125°/,. für Israeliten 0,16°/, der Bevölkerung. Die meisten irr. Gefangenen sind in Hall, wo dieselben unter einer humanen Gefängnißdirection besondere Begünstigungen genießen: sie werden alle 14 Tage von dem Rabbiner in Braunsbach besucht, der ihnen die Erlaubniß ausgewirkt hat, daß sie am Sabbath keine Arbeiten verrichten und diesen Tag gemeinschaftlich feiern dürfen; sogar eine der jüdischen Zeitschriften steht für diesen Tag zu ihrer Benützung. Herr Hofrath vr. Levi in Stuttgart, Mitglied der Isr. Kirchenbehörde, Vorstand des israel. Waisenhauses und Stadtrath, hat vor einigen Wochen sein 60tes Geburtsfeft gefeiert. Viele politischen Journale haben bei dieser Gelegenheit die philantropische Thätigkeit dieses Mannes rühmend hervorgehoben. Möge cs ibm beschieden sein, noch viele Jahre seine vielseitige segensreiche Wirksamkeit fortzu setzen! Wolsenbüttel. (Schluß) Die Zöglinge stehen im Sommer um 5V..im Winter um 5'/. Uhr auf und begeben sich unterJnspektion des Hausvaters und des unter den Zöglingen schlafenden Lehrers in den Waschsaal, von hier nach 30 Minuten in den Betsaal zum Morgengebete, und nach 20 Minuten von hier in den Speisesaal zum ersten Frühstück.*) Hier erwartet sie der für diesen Tag Aufsicht habende Lehrer, welchem von da ab bis Abends 9 Uhr außerhalb der Unterrichtsstunden die Obhut über die Zöglinge anvertraut ist und zwar bei den Spielen, Schularbeiten und Spaziergängen. Die Frühstunde n bis zum Beginne des Unterrichts um 8 Uhr gehören dem Arbeiten *) Die Zöglinge essen bis zum Mittagbrode, wegen des frühen Aufstehens, Sommer und Winter drei Mal. 6 Uhr, resp. 7*/» Uhr. erstes Frühstück, Kaffee und Weißbrod. 9 Uhr zweites Frühstück, Aut» terbrod, 10 Uhr drittes Frühstück, 1 Weißbrod.

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