Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 17. (21.4.1880)
- Date
- 1880-04-21
- Page
- Seite 152 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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— 152 — Buczacz, den LS. März. (Or.'Corr.) Die hiesige Gemeinde, welche durch die Wahl Schreibers eine traurige Berühmtheit erlangt, hat jüngst den Jaslowcer Rabbiner hieher berufen und an Stelle des Rabbiner Segall ausgenommen. Derselbe hielt auch am Samstag, (tj^n nstt) anläßlich des eintretenden Passahfestes, in der Synagoge eine Rede (Derascha), durch die er ganz neue Erschwerungen eingeführt wissen wollte. Nämlich, daß überall sogar die Säume und Nähte der Hand- und Tischtücher, die man während des Festes gebrauchen wolle, aufgetrennt werden dürfen. Die Kellen in den Küchen müssen auf den Stielen nach aufwärts gestützt bleiben, damit sie die „gefeuerte* Erde nicht berühren. Und daß keine Milch von einer Kuh, die mit Gesäuertem (darunter auch Spreu) genährt würden, genossen werden darf. (Da könnten die Herren Hirsch-Lehmann-Hildesheimer doch noch etwas lernen.) Paris. Am 1 März hat in der ethnographischen Gesellschaft ein Rumäne, Herr Djuvara einen Vortrag über (d. h., zwar durch die Pariser Luft gemildert, aber doch gegen) die Juden Rumäniens gehalten. Der Vortragende schloß mit einem Aufruf zum Frieden und zu brüderlicher Eintracht. Möge der Herr und seine Gesinnungsgenossen selbst diesen Aufruf in der eigenen Heimath bethätigen. London, 12. April. (Or-Corr.) Die Namen der bis jetzt in's neue englische Parlament gewählten Mitglieder jüd. Confessio» sind wie folgt: Die Barone Rothschild und Worms, und die Herren Sergeant Simon, Arthur Cohen und Sydney Wolf. Unter diesen 5 Abgeordneten ist Baron de WormS der einzige Confervative. — Ernst R6nan hat soeben hier in der Er. George's Hall einen CycluS von vier Vorträgen über das Thema: „En quel sens le Christianisme est une oeuvre romaine“ eröffnet. Ich theile Ihnen später alle die Stellen mit, die auf's Judenthum Bezug haben, und die sicherlich von Interesse sein werden — Prof. Grätz's jüd. Geschichte erscheint demnächst hier in einer englischen Ueberfetzung. London. Im Garrick-Theatre in Leman-street, wurden vor Kurzem Vorstellungen in jüdisch-deutschem Dialekt gegeben, die seitender deutschen, polnischen und russischen Juden lebhaften Zuspruch fanden. Das darstellende Personal bestand größtentheilS aus russischen Juden beiderlei Geschlechts. Zur Aufführung gelangte ein zweiaktiges Originalschauspiel mit Gesang und Tanz, betitelt: „Der jüdische Soldat der russischen Armee", und ein Singspiel „Die Liebesprobe." in welchem der Todesengel auf der Bühne erscheint und an der Handlung mit theilnimmt. A«S Italien. Der am 13. März verstorbene, seit 1865 pensionirte, vderrabbiner von Padua, Herr David-Graziadio Viterbi war im October 1815 in Mantua geboren und wurde 1835 Zögling des Seminarin Padua. 1852 wurde er Oberrabbiner von Padua. Er gründete eine Erziehungsanstalt für Mädchen, förderte den Verein zur Verbreitung von Kunst und Handwerk und war ein Vater der Armen. 1848 und 1654 edirte er 2 Bände Predigten. Er arbeitete an der Bibelübersetzung Luzzatto'S mit und vertrat diesen öfters an dem Seminar. — Der Ritter Abramo Pefaro hat soeben einen Anhang zn seiner im vorigen Jahre edirten „Geschichte der Juden in Ferrara" herausgegeben, in dem er über mehrere Gelehrte abhandelt, die dort gelebt haben. (Arch. isr.) Rußland. Die Unzulässigkeiten, welche bei der Ertheilung von Geburtsscheinen an Juden durch die Rabbiner herrschen, haben, wie die „MoSk. Wed." melden, das Ministerium des Innern veranlaßt, zu beantragen, daß die Führung der Geburtsregister den Rabbinern entzogen und den Polizeiverwaltungsbehörden übertragen werde. — DaS durch allerhand Verleumdungen auf 5 Monate verboten gewesene hebr. Blatt „Hameliz" erscheint jetzt wieder. Drohobitsch. Der in Sambar verstorbene Herr Jesaja- Gotthelf hat der dortigen jüd. Gemeinde ein Hau- und 40,000 Rubel zu einem Krankenhause, 20,000 R. für eine jüd. Normalschule und 3000, von deren Zinsen alljährlich eine arme Braut unterstützt werden soll, vermacht. So hat er fast '/4 seiner Habe zu wohlthätigen Zwecken bestimmt. Jwri.) AuS Rumänien. Die isr. Allianz in Wien hat zu ihrem Obmann in Bottuschan den gelehrten und für alleis Gute begeisterten Herrn Adolf Wahrmann ernannt, der Begründer der Gesellschaft „Neuer Licht" ist. — Die öffentliche Meinung behauptet, daß ein Herr Wechsler in Dorohoi von den Rumänen bei Nacht erwürgt worden, weil er öffentlich zu sehr mit der erlangten Naturalisirung geprahlt habe. Offiziell ist der Tod in Folge Schlaganfalles constatirt. (Jwri.) Palästiua. Baron Ferdinand v. Rothschild hat Anfang- März Jerusalem besucht. Er wurde von de» Juden feierlich eingeholt, scheint aber nicht lange dort geweilt zu haben. New-Hork. Das israelitische Neligionsschulwesen ist in Amerika, dem Lande der Schulfreiheit, viel größeren Schwierigkeiten und Gefahren ausgesetzt, als in Europa, wo fast die meisten Staaten bis jetzt den Schulzwang auch auf den Besuch des israelitischen Religionsunterrichts ausdehnen. Dafür müssen in Amerika die Schulen desselben von innen heraus durch die Israeliten selbst ansgebeffert werden. Die Begeisterung für die Religion muß angefacht und auf freiwilligem Wege die Abhilfe gefunden werden. Ein recht erfreuliches Resultat dieses Strebens ist in San Francisco erzielt worden, wo durch Rabb. Messing angeregte edle jüdische Damen Freischulen gegründet haben. Aber an fast allen größeren Orten Amerika's, wo größere jüdische Gemeinden sind, haben die Purimfestlichkeiten neue und beträchtliche Hilfsmittel für die liebevolle Unterstützung der jüdischen Jugend und des gebrechlichen Alters gebracht. Das Purims est in Washington ist dabei geradezu in einer kunstvollen Weise begangen worden. Wenn trotzdem Verständniß und Begeisterung für das Judenthum noch bei sehr Vielen fehlen, so daß die Einrichtung von Wander-Predrgern nicht blos für die kleineren Orte, sondern auch für die vielen Juden der größeren Städte verlangt wird, so kann das bei der Richtung unserer Zeit gerade in Amerika nicht auffallen. Feuilleton. Chajim Prostak. Historische Erzählung aus der Entstehungszeit des Chassidismus. Eine wahre Geschichte aus der;weitm Hälfte des 18. Jahrhunderts von A. S. Weißmann. (Fortsetzung.) Chaim wurde zwar wieder zu sich gebracht, aber nur um in ein heftiges Nervenfieber zu verfallen. Graf Potocki fühlte diesmal menschliche Regung, er ließ sein Opfer nicht aus seinem Schlosse bringen, ließ ihm vielmehr die sorgfältigste Pflege gewähren, durch seinen Leibarzt behandeln, und von Leiser Rofe, der als Mumche, d. h. praktisch erfahrener Arzt galt und lange im Gedächtniß der Buczaczer Juden lebte, warten. Auch erktlndigte er sich mehrere Mal des Tages nach seinem Befinden. Nach vierzehn Tagen war die Gefahr vorüber. Der gräfliche Leibarzt befahl aber die größte Schonung. Und der Graf wollte ihn nur ganz hergestellt und vollkommen gesund entlassen. Da kam aber das größte Hinderniß von Chaim's Seite; er wollte im gräflichen Hause, als in dem eines Nichtjuden, nichts, ja nicht einmal Wein oder Milchspeisen, genießen. Es mußte erst der Buczaczev Rabbiner Schorr, die größte talmudiiche Kapacität seiner Zeit, befragt werden, der den Reconvalescenten vollkommen beruhigte. Seit dieser Zeit schritt auch die Genesung rasch vorwärts, dass auch der Graf nichts mehr gegen dessen Entlassung Vorbringen konnte. Am Tage als Chaim das gräfliche Schloß verlassen sollte, rief der Graf Leiser Rofe zu sich, befriedigte ihn fürstlich, und übergab ihm auch für Chaim ein ledernes Säck»