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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-04-21 · N° 17. (21.4.1880) · p. Seite 153

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 17. (21.4.1880)
Date
1880-04-21
Page
Seite 153 (sequence 7)
Language
German
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Chaim weigerte sich standhaft, das Geldgeschenk des Grafen anzunehmen. „Das ist das Blutgeld für meines Vaters Leben, das darf ich nicht nehmen." „Bedenke aber, daß du hiermit nicht nur die günstige Laune dieses vielvermögenden Mannes verscherzest, sondern auch eben weil er launenhaft ist, seinen ganzen Zorn heraufbeschwören kannst." — „Was kann ich dafür? mein Inneres sträubt sich dagegen. Es kommt mir vor, als verkaufte ich das Leben meines Vaters um Geld." — „Bedenke aber, daß wenn Du den Grafen reizest, Du das Glück vieler Juden und ihr Leben auf's Spiel setzest." — „So will ich den Grafen persönlich bitten, meine menschlichen, oder kindlichen Gefühle zu schonen." — „Ich ratbe Dir nicht dazu, aber wenn Du es durchaus thun willst, so halte Dir vor Augen, daß das Glück und Leben aller Juden, die unter der gräflichen Herrschaft wohnen, von Deinem gegenwärtigen Erfolg oder Mißerfolg abhängig ist- — „Ich kann nicht anders, ich muß." Es blieb dem ehrlichen Vermittler nichts übrig, als es dem Grasen zu melden. „Gut also," sagte der Graf, „er möge kommen, ich erwarte ihn." So sehr Chaim alle seine fünf Sinne zusammennahm, konnte er doch seine Bitte dem Grafen nur verworren vortragen. Der Graf ging sichtlich gerührt auf ihn zu und ließ sich mit milder Stimme folgendermaßen vernehmen: „Ich achte aufrichtig Deine kindliche Pietät, glaube aber keineswegs, daß ich mit dieser winzigen Summe das Blutgeld für Deines Vaters Leben Dir zahlen will. O! könnte ich jene That ungeschehen machen, ich gebe heute meine ganze Grafschaft hin. Ich will nur, mein lieber Chajomku, Dein Elend ein wenig mildern. Und ich bitte Dich, nimm diese Summe an, die ich noch verdoppeln will; es ist dies die erste Bitte in meinem Leben, weise sie nicht zurück, Chajomku, ich bitte Dich darum." Chaim wurde sehr gerührt, Thränen rollten aus seinen Augem Zum Zeichen seines Einverständnifles griff er nach dem Säckchen Dukaten, das Leiser noch immer in Händen hielt, denn zu sprechen fand er aus lauter Rührung keine Worte. — „Warte mein wackerer Junge, ich muß Dir diese Summe verdoppeln." — Chaim bückte sich, er wollte den Rockzipfel des Grafen küssen, der Graf wehrte ihm dies und sprach: „Die Hand her, zum Zeichen der Verzeihung, und Du hast den Grafen Potocki glücklich gemacht." So wirkte das Benehmen Chaims auch auf die rohe Natur des Grafen. Als ihm Chaim die Hand reichte, drückte sie der Graf mit Wärme und schüttelte sie lange, dann redete er ihn zu, bei ihm im Schlosse zu verbleiben und versprach ihn glücklich zu machen. — „Ich will mein verbeffertes Schicksal mit meinem Wohlthäter theilen, der mich, als ich ganz verlassen war, von der Gaffe aufhob." — „Das gefällt mir von Dir. Eins möchte kch Dir noch rathen, wende Dich dem Handel zu, denn nach den Phöniziern sind die Juden das einzige Handelswolk der Welt. Auf allen meinen Gütern soll Dir ein Vorzug eingeräumt sein." Chaim küßte dem Grafen die Hand mit Heftigkeit, und dem Grafen glänzte eine Thräne in den Augen, er wollte sie verbergen, und gab ein Zeichen der Entlastung. Noch am selben Tage verließ Chaim nach sechs Wochen Buczacz im gräflichen Viergespann; er suhr, mit den sechshundert Dukaten in der Tasche, nach Jaslowce und zwar direct bei seinem Wohlthäter vor, der ihn mit überschwenglicher Freude empfing. Die gesummten Einwohner dieser Stadt versammelten sich vor der Wohnung des Urisch Kazew, war es doch ein seltsames Ereigniß, aber die gräfliche Kutsche hielt sie in respektvoller Ferne. Chaim wollte sein Vermögen mit seinem Wohlthäter theilen, aber dieser wies es entschieden zurück. „Ich weiß nicht wer von uns Beiden dem Andern mehr schuldet. Du hast mir redlich gedient und ich habe Dir nicht mehr als Brot und Kleidung gegeben. Daß ich Dich ins Haus nahm, damit habe ich nur meine Schuldigkeit gethan als Jude und als Mensch, und das möge mir Gott im Jenseits anrechnen. Daß ich mich aber Deiner annahm, als Du von alle Welt verlaßen warst, glaube ich, räumt mir auch das Recht ein. Dir einen Rath zu ertheilen. Du bist jetzt reich, Reichthum allein macht aber noch nicht das wahre Glück des Menschen aus, dieses kann man nur in der Ehe finden. Der Mann allein kann nicht glücklich sein, ich will ihm eine Gehülfin beigeben, sagt die heilige Schrift. Salomon, der Klügste aller Menschen, sagt: „Häuser und Reichthum können Eltern hinterlassen, das Glück der Ehe kommt von Gott allein." Und somit mein Freund sollst auch Du das Glück der Ehe mir noch allein zu verdanken haben. Berel, der Krzylowizer Arrendator, hat ein Mädchen, die, wenn sie reich wäre, eine Zierde aller jüdischen Töchter sein dürfte, diese sollst Du heirathen, ich werde den Schadchen machen, und hafte Dir für die Zustimmung." Chaim drückte die Hand seines Freundes. In wenigen Wochen führte er jenes brave Mädchen als seine Gattin heim. 2. Amboß und Hammer. Während die Juden, dieses nach allen Windrosen versprengte Volk, über den schwersten Druck von Außen, sowohl der Machthaber, die kein anderes Gesetz als das der Gewalt kannten, wie auch der haarsträubendsten Verdächtigungen seitens der nicht minder mächtigen Geistlichkeit, in allen Tonarten klagten oder ihn mit beispielloser Resignation zu ertragen suchten; während sie in Polen wie überall, selbst dem leibeigenen Bauernstand tief unterstellt, von allen städtischen und staatlichen Aemtern, den meisten Erwerbs- und Gewerbszweigen ausgeschlossen waren; während sie Abzeichen und Denkzettel tragen mußten, damit sie Jedermann bei ihrem Anblicke sofort erkenne als dasjenige Volk, das Gott unter allen Völkern der Welt anserkoren habe, von aller Welt ungestraft geschmähet^ beschimpft und verspottet zu werden; während jeder Schlachziz das edle Bedürfniß nach einem Herzku, Jtzku, Majorku und wie sie alle heißen mochte, fühlte, um mit ihm Kurzweil zu treiben, sich auf deffen Unkosten zu belustigen; während sie alle eine solche tieferniedrigende, dem Menschenrechte und dem religiösen Gefühle hohnsprechende Ausnahmestellung von Außen zu erdulden hatten, waren sie selbst nach Innen d.h. gegen ihre eigenen Brüder, wo sie es nur vermochten, nicht minder herrschsüchtig und tyrannisch. Dieselbe haarsträubende Bedrückung, Unduldsamkeit und Ausnahmestellung welche der Schwache vom Stärkern zu ertragen hatte, mußte im Innern der Unwissende oder Minderwissende vom Gelehrten oder Mehrwissenden ertragen. Was nach Außen den Amboß abgab, gestaltete sich nach Innen zum Hammer. Die im Talmud mehr oder weniger Bewanderten hatten nämlich zwischen sich und den Unbewanderten eine unübersteigliche Scheidewand aufgeführt. Sie theilten sich förmlich in zwei Kasten,in Morenu's,talmudisch Gebildete mit dem aus ihrer Mitte genommenen und an der Spitze gestellten More-Morenu, dem Rabbiner, und den Chawerim, die P r o st a k e n oder Joioten wie man sie zu benennen pflegte. Letztere waren nicht nur zu Vereins- und Gemeindevorständen nicht zulässig, zur Rabbinerwahl nicht stimmfähig, sondern sie unterschieden sich auch äußerlich durch bestimmte Kleidungsstücke. So durften die Prostaken, selbst an Sams- und Feiertagen weder jenen historischen Kaftan mit Stroicki, d. i. mit Sammtbändern an den Rändern besetzt, anlegen, noch jene Festmütze aufsetzen, die nur ein Morenu aufhaben durfte. Es ist das eine Mütze, die' von elf oder dreizehn — einer ungraden Zahl — Schwänzen kostbarer Pelze umrahmt und noch heutzutage in Galizien und einem großen Theile Ungarns zur Verherrlichung derSams- und Feiertagen von den Orthodoxen getragen wird. Bekannt ist sie unter dem Namen St reimet*) (Forts, folgt.) *) Vielleicht von „Striemlein" wegen seiner länglichen schmalstreifigen Form so genannt.

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