Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 17. (21.4.1880)
- Date
- 1880-04-21
- Page
- Seite 151 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 151 — meinen wieder Andere: Ein Ersatz ist unmöglich und schlagen daher eine Art D i r e c t o r i u m vor. So werden die verschiedensten Meinungen laut, ohne daß eine einzige Anklang findet. Bis nun diente dieses Gerede nur dazu, den Personenmangel und seine einzige Ursache, den Jndifferentismus derjenigen Kreise in Frankreich zu beleuchten, die in erster Reihe derusen wären Führer und Regierer im Judenthume zu sein. Jedoch die Allianz gehört dem g e s a m m t e n Judenthume an, man darf und muß auch die Stimmen außer Frankreich hören. Vielleicht daß diese Zeilen zu einer Aeußerung Anlaß geben! * ■ * * Dänemark. X Copenhagen. (Schluß.) Am Sabbath vor Purim hielt unser Oberrabbmer die eigentliche Gedächtnißrede auf Cremieux Zwei Worte im -sp. 9, 1 legte er seiner relig. Betrachtung zu Grunde, zwei Worte, die fast als Ueberschrist der 3000jährigen Geschichte Israels dienen können, nämlich xn "s12N21 „und es hat sich gewendet" — oder: „es kam anders." Redner wies an den Hauptepochen der jüd. Geschichte schlagend nach, wie durch göttliche Fügung all' die feindlichen Ränke, die gegen Israel geschmiedet wurden, nie zur Ausführung gelangten, „es hatte fich gewendet" und es kam wider Erwarten anders. Beinahe am selben Tage und in derselben Stunde, daß in der vorzugsweise sich ihrer Intelligenz rühmenden Metro- Pole Deutschlands im Hause der Abgeordneten feindliche Spottreden und Beschuldigungen gegen die Juden fielen, daß sie nur auf ihren materiellen Vortheil bedacht seien, hüllten sich die Einwohner der von Alters her gepriesenen Weltstadt (Paris) in Trauer, folgte eine zahlreiche Vollsmenge der Bahre eines Jude n — Cremieux'! — beklagten Alle den Verlust eines unvergleichlichen uneigennützigen Patrioten. Redner schilderte nun, was Cremieux uns war, was er für uns gewirkt, wie s.hr schon sein bloßer Name uns nicht nur zur Ehre gereichte, sondern zur Fürsprache in allen Ländern diente. Während wir so viele unserer Glaubensbrüder sehen, .die, sobald sie zu Anseben und hoher Stellung gelangen, fich fern halten von jüdischen Kreisen und nichtsweniger als an Förderung jüdischer Angelegenheiten denken, wie hoch steht der Mann, der die höchste Stellung znm wiederholten Male in seinem Vaterlande einnahm, aber stets gleich Moses sich nach seinen Glaubensbrüdern umsah, ihr Leiden zu mildern, für ihre Rechte zu kämpfen sich bestrebte. Wie David einst klagte um den Helden „Deine Hände waren nicht gebunden, Deine Füße nicht gefefielt", so waren auch seine Hände nicht gebunden, er hatte Reichlhum genug, um jedes Begehren seines Herzens zu stillen, jeder Lust nachzugehen, seine Füße waren nicht gefesselt, überall war ihm der Zugang geöffnet, um jedes ehrgeizige Verlangen zu stillen, aber sein Sinn wendete sich zu seinen Brüdern. Rein, seine Hände waren nicht gebunden, stets offen zur Mildthätigkeit, Summen opferte er auf dem Altar seines Vaterlandes, reiche Spenden für seine Glaubensbrüder nah und fern. Seine Füße waren nicht gefeffelt— er scheute keine Gefahr, reiste über Land und Meer, wo er der Retter der Unschuld, der Streiter für Gerechtigkeit, der Befreier der Unterdrückten sein konnte. Ohne Zweifel wird ihm sein dankbares Vaterland ein Denkmal von Erz und Stein errichten, sein Bild zur Erinnerung aufstellen lassen. Israel, das nicht weniger verpfiichtet ist, sein Gedächtniß zu verewigen, w i d e r st r e b t zufolge seiner religiösen Anschauung diese Art, durch steinerne Denkmalej, die mit der Zeit verwittern, den Namen des'Heimgegangenen zu erhalten; für uns gilt es, das Werk, das er gestiftet, die Tbütigkeit des Vereines, deffen Seele er war und der eben durch seinen Namen so viele Mitglieder erwarb, zu erhalten. An das Gebet für das Seelenheil Cremieux' schloß sich noch eine mit solcher Rührung, daß fast kein Auge ohne Thränen blieb, gesprochene Fürbitte für das lange Leben des für die Judenheit sowie für das Judenthum, für Israels Glaube und Reutheil, unermüdlich thätigen Greises Sir Moses Montefiore. Vermischte und neueste Nachrichten. Berlin, 16. April. In der heute fortgesetzten dritten Berathung der Militärnovelle handelte es sich um den zu § 3 gestellten Antrag des Abg. Schorlemer-Alst, welcher die auf Grund der Ordination oder der Pristerweihe dem geistlichen Stande Angehörigen von der Ersatzreserve ausschließen will, vr. Windthorst beantragt auch den Ausschluß der jüdischen Religionsdiener. Er rechtfertigte diesen Antrag vom Prinzip der Rechtsgleichheit und Billigkeit aus. Abg. vr. Boretius erklärt sich dagegen, weil ein Bedürsniß dafür nicht vorliege. Nachdem auch Abg. v. Heeremann den Antrag Schorlemer unterstützt, empfiehlt auch der Kriegsminister v. Kamek e die Ablehnung desselben, weil dadurch eine Inkongruenz gegen den § 22 des Militärgesetzes, in das Gesetz gebracht werde. Die Abgeordneten v. Kleist-Netzow und Marcard erklären sich für das Amendement v. Schorlemer und gegen das Amendement Windthorst, weil zu den Religionsdienern des jüdischen Kultus eine Masse von Leuten gehören, denen nur äußerliche Amtirungen oblägen, und um jede Parität auszuschließen. Nachdem Abgeordneter vr. Windthorst diesen Ausführungen gegenüber seinen Antrag vertheidigt — Er sagte u. A. „Bei den Christen sowohl wie bei den Juden besäßen alle Religionsdiener die größte Würde und Bedeutung" — wird die Diskussion geschloffen. Bei der hierauf erfolgten Abstimmung wird zunächst der Antrag Windthorst (wegen Befreiung der jüdischen Religionsdiener) durch Hammelsprung mit 185 gegen 116 Stimmen abgelehnt. (Die jüd. Abgeordneten vr. Laster, vr. Mendel, Sonnemann rc. stimmten dagegen!!) Der Antrag v. Schorlemer-Alst (Befreiung der evangelischen und katholischen Geistlichen) wird dagegen in namentlicher Abstimmung mit 161 gegen 151 Stimmen angenommen. Magdeburg. „Arch. isr." moquirt sich über die Notizen, die Juden in Paris betreffend, welche wir den Pariser Briefen der „Boff. Ztg." emnommen hatten. Ein in Parilebender, sicherlich in der guten Gesellschaft verkehrender Berichterstatter eines großen politischen Blattes durste uns als gut unterrichtet gelten. Im Uebrigen sind seine Jrrthümer nicht so arg; er nennt einzelne Namen von Nichtjuden und Getauften unter den Juden, ist sich nicht klar, wer Chef de- Hauses Rothschild ist, übertreibt ein wenig die Bedeutung des Rothschild'schen Almosenier, den er Hausrabbiner nennt. Ja, wenn's nur das wäre, dann hätte „Arch." berichtigt, ohne über Leichtfertigkeit Lärm zu schlagen. Der Berichterstatter der „Voss." hatte aber auch behauptet, daß die in Paris geborenen Juden sich in der Familie der deutschen Sprache bedienten, und diese Verallgemeinerung deffen, was jener Herr bei Mehreren seiner Bekannten beobachtet hatte, ift — ein Kapitalverbrechen. Aber auch wir kennen in Paris geborene Kinder von eingewanderten Eltern, die aus Pietät gegen diese in der Familie deutsch sprechen, und doch glühende Patrioten, natürlich Franzosen, sind. Das ist folglich kein Grund sich so zu echausfiren. Danzig. In der Stadtverordneten-Sitzung vom 6. d. Mts. wurde über die Gehälter der Lehrer berathen. Die vom Magistrat beantragte Erhöhung der Remuneration für einen wissenschaftlichen Hilfslehrer am Gymnasium wurde mit großer Majorität aogelehnt, nachdem zur Sprache gebracht worden, daß der betreffende Lehrer in der Schulklaffe vor seinen Schülern, von denen verschiedene der jüdischen Confeffion angehören, sog. „Witze" im antisemitischen Sinne gemacht haben soll, welche die entschiedenste Mißbilligung seitens der Versammlung gesunden haben. Lemberg, 9. April. In W i s o ck o w y s n i e ist die Dorfherberge des Israeliten Goldenreich von einer Bande ungarischer Bauern überfallen und sind neun Personen ermordet. Die Raubmörder sind bereits festgenommen und geständig.