Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 16. (14.4.1880)
- Date
- 1880-04-14
- Page
- Seite 140 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 140 — Juden sich abzweigende Ast durfte von dem von ihm gepflanzten, frühverdorrten Bäume der christlich-socialen Partei nicht unbemerkt zu Boden fallen. Unter den Verdiensten, die ihn nach seinem Bedünken zum Netter der Gesellschaft machten, führte er auch den Kampf gegen das moderne Judenthum an, aber in einem Tonfalle, der anzudeuten schien, daß ihm die Berührung dieses Gegenstandes recht unlieb sei, und daß er ihn nur zur Vervollständigung des Bildes von seiner den Staat rettenden Thätigkeit vorbringe. Er nehme die Gelegenheit wahr — meinte er — um zu erklären, daß es ihm und seinen Freunden fern liege, das Judenthum in seiner religiösen Eigenart anzugreifen*); es komme ihnen nur darauf an, den unheilvollen Einfluß des jüdischen Kapitals und der jüdischen Presie zu befehden. — Die Lächerlichkeit, die in der Unterscheidung zwischen christlichem und jüdischem Kapital liegt und die in Hänels vernichtender Kritik seiner Agitation so augenscheinlich gezeigt worden, sieht Stöcker also noch immer nicht ein, oder er will sie nicht einsehen. — Zum Schlüße sei noch erwähnt, daß am Tage nach dem Vortrage im „Braunschweigischen Tageblatte" Herr Hofprediger Stöcker von einem „früheren Halberstädter" ersucht wurde, einen zweiten Vortrag zu halten über das Gebot: „Ehre Vater und Mutter." Es scheint die in Ihrem Blatte einmal gebrachte Correspondenz aus Halberstadt über die Vernachläffigung dieses Gebotes von Seiten eines sonst so frommen Theologen doch etwas Wahres zu enthalten. Wie ich gelegentlich gehört, hat ein deshalb verklagter Halberstädter sich bereit erklärt, den Beweis der Wahrheit zu führen. Hamburg, 6. April. (Or.-Corr.) Die Friedhofsfrage, welche jetzt der Bürgerschaft zur Entscheidung vorliegt, ist, soweit sie die Mitglieder der jüdischen Gemeinde betrifft, in der letzten Sitzung gelöst worden und zwar, wie zu erwarten war, zu deren Gunsten; wenngleich nur mit einer Majorität von zwölf Stimmen. Bekämpft wurde der Antrag ausschließlich von den beiden Führern der Linken mit Gründen, welche auf den ersten Anblick allerdings schwerwiegend schienen, von der anderen Partei, namentlich von einigen jüdischen Mitgliedern der Bürgerschaft, indeffen glänzend widerlegt wurden. Von Seiten der Gegner wurde betont, man verlange die Gleichstellung aller Angehörigen des Staats und wolle die Juden nicht benachtheiligen, aber ebensowenig bevorzugen; während der christlichen Bevölkerung nur fünfzehn Ruhejahre gewährt wurden, dürfe der jüdischen nicht ein Recht auf Friedhofsdauer eingeräumt werden. Bestritten wurde auch, daß das jüdische Gesetz derartige Vorschriften enthalte unter Hinweis auf eine Entscheidung des Brüsseler Rabbiners Astruc. Die günstige Gelegenheit ein wenig von dem modernen Rischuß einfließen zu laßen, benützend, brach einer der Redner eine Aeußerung eines der jüdischen Abgeordneten in einer früheren Sitzung vom Zaune, um daran seine hämischen Bemerkungen über die Anmaßung der Juden zu knüpfen. Ein Mitglied des Vorstands der deutsch-israelitischen Gemeinde, welches der Bürgerschaft angehört, führte die Vertheidigung in sehr ruhiger und sachlich gehaltener Weise. Er betonte, daß die Gewißensfreiheit dem Staate die Verpflichtung auferlege, soweit das Wohl des Staats nicht darunter leide, die religiösen Vorschriften der verschiedenen Confeßionen zu berücksichtigen und daß die ewige Ruhe der Todten eines der wenigen Gesetze sei, welche selbst von denjenigen Bekennern der mosaischen Religion heilig gehalten würden, welche sonst nur wenige Satzungen beachteten. Er bestritt die Behauptung, als habe man sich in Belgien den neueren Bestimmungen gefügt; *) Dagegen schreibt die „N. Ev. Kirchenzeit.", Stöckers Leibblatt „daß die jüd. Frage allerdings vor Allem eine religiöse sei und nur aus der r e l i g i ö s e n Differenz seine alle andern zu erklären. Deshalb ermahnt Herr Stöcker unser Volk, anJsrael Mission zu treiben." In seiner iüngsten Hetzrede über den „Kern der Judenfrage" sagt übrigens Hr. Stöcker selbst: „Man hat mir gesagt, ich solle die Judensrage zu lösen suchen, indem ich mich bestrebe, die Juden zu Christen zu machen. Ich würde diesem Rathe sehr gern Folge leisten, wenn ich nicht wüßte, daß dies Beginnen erfolglos wäre." Wir nehmen Act von seinem Geständniß; dem Fuchs sind also die Trauben zu sauer. (Rev.) die Todten würden vielmehr für schweres Geld auf einem entfernt belegenen Gottesacker zur Ruhe bestattet und empfahl den Gegnern, wenn sie eine gleiche Behandlung für Alle wünschten, von den Juden zu lernen, den Neichen in einen ebenso einfachen Sarg zu betten wie den Armen.*) Redner wies darauf hin, daß selbst in den finstersten Zeiten des Mittelalters, bei der Vertreibung der Israeliten aus Spanien, man einen Vertrag mit ihnen zum Schutze der Grübe r geschloßcn habe und daß auch die französische Revolution im Jahre 1789, trotzdem sie die Gleichheit Aller vor dem Gesetze zuerst auf den Schild erhoben, dennoch in Anerkennung der Freiheit der Culte, den Juden die ewige Ruhe für ihre Todten gewährleistet habe. Aber es sei auch nicht wahr, behauptete der Redner, daß die Juoen ein Vorrecht beanspruchten, sie verlangten nur, was das Gesetz ja einem Jeden gegen Zahlung einer bestimmten Summe freistelle, ein großes Familiengrab für einen vom Staate zu bestimmenden Preis für ihre Angehörigen zu erwerben. Er warnte auch davor, die Juden nach dem Tode aus der Stadt zu vertreiben, da ihnen die Möglichkeit geboten werde, auf nachbarlichem Gebiete zu erlangen, was man ihnen hier verweigern wolle und wies bei dieser Veranlaßung auf die Opfer hin, welche die israelitische Gemeinde dem Staate brächte, indem sie dessen Hülfe weder für ihre Armen und Kranken noch für ihre Schulen in Anspruch nehme, wozu sie doch berechtigt sei; während die Pforten ihres Krankenhauses auch den christlichen Mitbürgern geöffnet wären. Zu bedauern ist, daß ein Antrag der Gegner, nicht nur Mitgliedern der israelitischen Gemeinde, sondern einem jeden Juden das Recht einzuräumen, auf dem jüdischen Gottesacker begraben zu werden, mit einer Majorität von vier Stimmen angenommen wurde, weil der Bestand der Gemeinde dadurch in Frage gestellt würde. Denn leider sind es nicht die schönen Institutionen und wohlthätigen Anstalten der Gemeinde, welche viele zu dem nicht mehr obligatorischen Beitritte veranlassen, sondern der Anspruch auf den Begräbnißplatz war es häufig, welcher so Manchen wider Willen bestimmte, der Gemeinde beizutreten. Hoffentlich wird der Senat auf diestricte Ausführung des Vertrags, worüber er lange mit der Gemeinde verhandelte, bestehen und die kleine Majorität von vier Stimmen, welche jüdische Mitglieder der Bürgerschaft herbeigeführt, bei der zweiten Lesung zu überwinden sein. Aus Eisenach. (Or.-Corr.) Heute, am 6. April, siedelt der Lanvrabbiner Herr Dr. Kroner wieder von hier nach seinem früheren Wohnsitze, Stadtlengsseld, über, da ihm das Wohnen allhier nur zeitweilig wegen des vor etwa l4/a Jahren ia Stadtlengsfeld stattgefundenen Brandunglückes gestattet worden, die gewünschte definitive Verlegung des Rabbinatssitzes hierher aber von hoher Regierung nicht zu erlangen war. In hiesiger Synagogengemenide herrscht hierüber allgemeines Bedauern, da Herr vr. Kroner während seines 1*/,jährigen Hierwohnens, trotz der Verschiedenheit seines religiösen Standpunktes von dem eines Theiles der hiesigen Gemeindeangehörigen, alle Herzen zu erobern und allgemeine Liebe und Verehrung zu erwerben gewußt hat. Dieses gab sich besonders auch noch durch die vielen, zum Theil sehr werthvollen Geschenke zu erkennen, welche demselben dieser Tage aus seiner Gemeinde überreicht worden. Obgleich Viele nun schon im Einzelnen auf diese Weise ihren Gefühlen Ausdruck gegeben hatten, so entstand bei einer großen Zahl der Gemeindeangehörigen doch der Wunsch, dieses auch noch in einem gemeinsamen Schritte zu thun. Es that sich deshalb die größte Mehrzahl der Gemeinde zusammen und ließ dem Herrn Dr. Kroner gestern durch den Schriftsteller Herr n B. Hause, den Lehrer Herrn Heivungsfeld und Herrn P. Rothschild einen kostbaren Regulator, einen Frützstückslisch und eine Obstschaale überreichen, bei welcher Gelegenheit Herr B. *) Leider wird dieser echtjüdische Grundsatz in manchen Gemeinden nicht mehr streng beobachtet. (Red.)