Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 14 u. 15. (7.4.1880)
- Date
- 1880-04-07
- Page
- Seite 127 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 127 — Weil wir das Alles wissen, haben wir die Juden, welche Einlaß begehrten bei unS, als vollkommen gleichberechtigte unter uns ausgenommen unter denselben Voraussetzungen und Bedingungen wie andere, die sich uns anzuschließen verlangten. ' Es haben viele Juden seit einem Menschenalter unter uns verkehrt als vollberechtigte Mitglieder unserer Gesellschaft: so können wir wohl ein gültiges Zeugniß über sie ablegen. Mir ist in 27 Jahren keine Klage über eins unserer jüdischen Mitglieder zu Ohren gekommen, der sich ein unfreimaurerisches Betragen habe zu Schulden kommen lasten, aber auch keine Klage, daß ein jüdisches Mitglied unter solchem Betragen zu dulden gehabt hätte. Wäre das gesellige Verhältniß zwischen Christen u. Juden überall dastelbe wie hier bei uns. so würde nie u. nirgends mehr von einer Judenverfolgung die Rede sein können. Es wird also nur darauf ankommen, daß der Geist der Zucht und der rechtschaffenen Liebe überall in der menschlichen Gesellschaft so zur Geltung komme wie bei uns; — dann wird Friede und Freude auf Erden sein und Freiheit in der Uebereinstimmung des menschlichen Willens mit dem Gotteswillen, aus welchem eben so das Sittengesetz wie das Naturgesetz hervorgegangen ist. Solche Uebereinstimmung mag ein jeder Mensch suchen und finden nach seiner ihm verliehenen Eigenart ohne Einspruch und Gewalt zu üben oder zu dulden, weil alle die, welche mit dem Willen Gottes im Einklänge stehen, auch unter einander harmoniren, wie sehr sie auch verschieden erscheinen mögen durch ihre äußerlichen Lebensverhältniste und Lebensbedingungen." _ Ich stehe noch unter dem Eindruck der großartigsten Bro» schüre, die jemals zur Judenfrage geschrieben wurde; ich habe die Megilla verlesen hören. Persien hatte seinen Haman, Ungarn hat seinen Jstüczy. Das Buch Esther müßte nicht das klastische Schriftchen sein, das die Naturgeschichte des Judenhasses vom Keim bis zum Absterben enthält, wenn es nicht auch für den neuesten Judenfrester ein Sprüchlein bereit hätte. Wie bei Haman geht auch noch bei seinen Nachkommen der Haß immer davon aus, daß ein einzelner Jude ihnen Etwas zu Leide gethan, und so braucht man denn in die alte Formel nur neue Namen einzusetzen und sie gilt auch für unsere Tage. Wir können darum in unserem Falle mit den Worten unserer alten Urkunde sprechen: „Und Jstoczy verschmähte es, sich an H. G., von dem man ihm sagte, daß er ein Jude sei, zu vergreifen, und trachtete daher alle Juden im ganzen Reiche auszurotten." Man sagt, daß diesen neuen Haman ein Jude einmal ausgewuchert habe, was darum noch nicht wahr zu sein braucht. Aber selbst wenn ein jüdischer Schurke ihn betrogen hätte, ist dies eine Erklärung für den Wahnwitz, mit dem I. die Juden verfolgt? Von dem Vater des Baron Josef Eötvös, des weltbekannten Dichters und Cultusministers, ist es bekannt, daß jüd. Hände an seiner Verarmung gearbeitet haben, so daß dem Sohne kaum ein Platz blieb, wo man im Tode sein müdes Haupt zur Ruhe betten konnte. Was that der Sohn? Er hielt eine der glühendsten Reden, die je von einem Andersgläubigen für die Emancipation der Juden gehalten werden. Wie ein Vater nahm er sich der verwahrlosten jüdischen Gemeinden an, berief als Minister den Congreß und was ähnlicher Racheakte mehr sind. Aber es kann nicht eben Jeder ein Eötvös sein. Jstüczy gleicht vielmehr jenem Schulmeisterlein, von dem Moritz Hartmann eine unübertrefflich schöne Geschichte erzählt hat. Es lebte einmal ein ehrsames Lehrerlein in einer Gegend Südfrankreichs. Der hatte ein einziges Kind, ein engelschönes Töchterchen. Da kam eines Tages ein Wolf und fraß das arme Kind. Seitdem ist aus dem harmlosen Menschen, der Kinder lehrte, ein Jäger geworden, der mit den Wölfen kämpft. Er hat den Bestien den Tod geschworen, Tag aus Tag ein streift er umher in den Schluchten der Gebirge, weit und breit giebt es keinen Wolf in der Gegend, der ihn nicht kennte, der Arme ist wahnsinnig geworden. Das ist mein Fall, müßte Herr Jstöczy sagen, wenn er von dieser Geschichte wüßte. Bei allen möglichen und unmöglichen Gelegenheiten verfolgt er die Juden, sie sollen an allem Unheil im Lande Schuld tragen, wenn die Kartoffeln mißrathen oder wenn der Pöbel im Club des Adels die Fenster einwirst, es stecken überall die Juden dahinter. „Cherchez la femme,“ wird es nicht mehr heißen dürfen, die neue Losung heißt: „Cherehez le Juif.“ Er hat lange geschwiegen, nachdem er vor vielen Jahren mit seiner Rede über den Panjudgismus für einige Tage eine traurige europäische Berühmtheit geworden war. Der Arme, er hatte den schrecklichsten Fluch auf sich geladen, die Lächerlichkeit. Was er fortan sprach, diente dem Gespötte, man nannte seinen Namen nicht, ohne zu lachen. Aber für jedes Ding kommt seine Zeit, sagt Koheleth. Es war im Jahre der Civilisation achtzehnhundert und siebenzig neun im gesegneten deutschen Reiche in der Hauptstadt der reinen Vernunft, daß aus einigen Bierkneipen und unsauberen Mäulern eine neue Frage auszog in die Welt, so genannt ward die Judenfrage. Und ein Verein bildete sich, dem da angehörten Arbeiter ohne Beschäftigung, Kaufleute ohne Kunden, verdorbene Journalisten und Menschen ohne Namen, kaum einhalbes Hundert an der Zahl, und damit die Komik eine vollständige sei, legten sie sich den tönenden Namen bei: Antisemitenliga. Da war es wieder Frühling geworden im Herzen des freudlosen ungarischen Abgeordneten und Jstoczy traute sich in Gesellschaft des übrigen Unkrautes wieder aus dem Boden hervor. Wohl war er älter geworden in den Jahren, da er geschwiegen, aber nicht weiser. Ehemals sprach er wie ein Mann, dem seine Einsamkeit ein gewisses Ansehen verleiht, er sprach im Feuer einer fixen Idee, jetzt aber, wo er Bundesgenoffen aus dem großen geeinigten Deutschland für sich anführen kann, jetzt hat er vollends den Verstand verloren und schiebt Dinge auf d.e Juden, daß ein Verzweifelnder darüber auflachen könnte. Sogar die Pariser Allianz muß ihm als Beweis für die Staatsgefährlichkeit der Juden herhalten. Aber man sollte ihm dankbar sein, dem harmlosen Narren. Es giebt noch Judenfeinde in Hülle und Fülle; nur halten sie fein stille, die Zeit hält sie zurück, sich offen auszusprechen. Darum ist es gut, daß solch ein Heißsporn das Geheimniß verrathen, wenigstens wird der Judenhaß dadurch lächerlich, in der Gesellschaft des Herrn Jstöczy mag Niemand offen auftreten, der somit sogar heimlich nicht bester denkt als dieser. Wohl droht der Arme mit fürchterlichen Dingen, er will vom Lande aus nach der Hauptstadt den Sturm leiten, bald soll ein Blättchen erscheinen, das auf die Juden zu wirken bestimmt ist, wie ein gewiffes wohlzubereitetes Papier auf die Fliegen, schon schreit er auch mitten in die Debatten des Abgeordnetenhauses hinein, daß man immerhin lachen möge, er habe doch das ganze Land hinter sich, er mag sich noch so gefährlich geberden, von ihm droht den ungarischen Juden keine Gefahr. Eine Kammer ist eine ernste Gesellschaft; in der besonders in Ungarn oft viel traurige Dinge zur Sprache kommen; vielleicht liegt es im Plane unserer nach undurchsichtlichen Zwecken aufgebauten Welt, daß es nirgends an der erforderlichen Erheiterung fehle. Man kann nicht läugnen, Herr Jstoczy ist für die ungarischen Abgeordneten ein vortreffliches Unterhaltungsmittel. D. K. Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Magdeburg, 1. April. Kaum sind die letzten Schollen auf das Grab Crümieux' gefallen, und schon wieder haben wir eine neue Lücke zu verzeichnen in der Reihe derer, die einst in erster Reihe mit gekämpft für ihres Volkes Befreiung, Schulter an Schulter mit Rießer, Auerbach und anderen Wackern. Es ist Dr. H. B. Oppenheim, dcr in den letzten Tagen in Berlin einem längeren Leiden erlegen ist. Er war ein treuer Genoffe Laskers, ein gründlicher, sehr