Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 14 u. 15. (7.4.1880)
- Date
- 1880-04-07
- Page
- Seite 126 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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126 — die Juden werden für alle Fehler und Thorheiten verantwortlich gemacht, welche mehr oder weniger alle abwechselnd dominirenden Parteien der Neuzeit sich haben zu Schulden kommen laffen und sollen' nun deren schlimme Folgen auf ihr Haupt nehmen. Von allen Seiten ertönt aus dem Munde der Unbesonnenen und Sittenlosen der Parteien, die ihre Unfähigkeit zur Führung der Menschheit bewiesen haben: „Die Juden sind an allem Schuld; sie haben die Menschen verführt zu allen Schlechtigkeiten; sie haben geerntet, wo wir gesäet haben; diese Semiten haben durch den übertriebenen Beifall, welchen sie den Vorkämpfern im Streben nach Fortschritt enlgegengebracht, zu verderblichen Uebereilungen verlockt; sie haben da» Volk angesteckt mit ihren Lastern: mit der Sucht nach unredlichem Gewinne, mit dem hartherzigen Eigennutze, mit der an Nichts glaubenden, Nichts hoffenden, Nichts liebenden Gottvergeffenheit, welche die Menschheit dem Untergange entgegentreibl!" — O Wahnsinn über Wahnsinn! Wodurch sind die Juden gerettet worden bei dem Untergange der alten Welt? gerettet worden trotzdem, daß sie durch die gewaltthätigen Römer aus ihrem Lande vertrieben und über alle Völker der bewohnten Erde zerstreut wurden. Weil das, was die alten Culturvölker der Griechen, Römer und Aegypter zu Grunde gerichtet hat, nicht bei ihnen sich eingenistet hatte: die lasterhafte Genußsucht. Und was hat sie vor dieser behütet? Ihr weiser Gesetzgeber Moses, welcher anknüpfend an den schlichten Glauben an Einen weisen, gerechten und starken Gott, der die Welt geschaffen aus Nichts und den Menschen nach seinem Bilde gemacht hat, das geistige wie das leibliche Wohlbefinden fördernde Satzungen aufgestellt hat, welche in allen Wandlungen der Geschichte sich erprobt haben, und eben darum allzeit von denen, welche ihnen nachlebten, geachtet und von den Vätern den Söhnen empfohlen worden. Die Juden haben unter allen den verschiedenen Völkern, unter welche sie zerstreut wurden, sich conservirt, weil sie bei ihren Satzungen sich wohlbefanden, aber auch darum, weil sie um dieser ihrer Satzungen willen verhöhnt und verfolgt worden sind. Die Heiden haben die Juden verfolgt, weil diese die unwürdigen Vorstellungen der Heiden von ihren Göttern und die Laster der Heiden verabscheuten, was diese in ihrem Stolze nicht sich wollten gefallen laffen. Und die Christen, auf welche allmählich die Weltherrschaft bei der Zerbröckelung des römischen Reiches überging, haben die Juden gehaßt und verfolgt, weil diese den als Messias nicht gelten ließen, welchen die Christen als den Heiland der Welt verehrten. Aber schon längst ist unter gesitteten Menschen anerkannt, daß aller Haß und alle Verfolgung um des Glaubens willen nicht nur überhaupt unsittlich, sondern auch speziell unchristlich ist. Während des Druckes, unter welchen die Juden Jahrhunderte lang zu dulden hatten, indem sie von der sich herausbildenden Organisation der Gesellschaft ausgeschloffen blieben und gezwungen wurden, im sclavischen Dienste den Gewalthabern durch die Aufbringung von Geldsummen, deren diese bedürftig waren, sich nützlich zu machen, zogen sich die Verfolgten und Gemißhandelten in sich selbst zurück und pflegten namentlich ein inniges und ehrbares Familienleben und eine immer bereitwillige W oh lthätigkeit gegen die Armen unter den Stammesgenossen. Freilich verhinderte die stete Furcht vor ihren Peinigern und Verfolgern lange eine zutrauliche Annäherung an diese, bis nach und nach im Volke, in welchem sie zu leben genölhigt waren, das sittliche Bewußtsein so weit entwickelt war, daß ihnen (anfänglich nur zögernd und widerwillig) die Gleichberechtigung im staatlichen und socialen Leben gleich andern Glaubens- und Stammesgenossenschaften zuerkannt und gesetzlich festgestellt wurde. Inzwischen hatten die Juden doch schon unter allen Völkern an der geistigen Entwickelung der Menschheit auf den Gebieten der Künste und Wissenschaften den allerregsten und einflußreichsten Antheil genommen, wie sie auch, begünstigt durch ihre Zerstreuung unter allen mehr oder weniger civilisirten Staaten, den wirthschaftlichen und Handelsverkehr in die Hand nahmen und überall da als Vermittler eintraten, wo andere Angehörige des Staats- und Gemeindelebens aus Vorurtheil oder Trägheit sich zurückhielten, selbst Abhülfe der Roth zu schaffen. Mit dem in Folge dessen ihnen zufließenden Reichthume haben sie aber nicht bloS denen sich dienstbar gemacht , welche mit Gewalt sie dazu zwangen, sondern auch freiwillig die industrielle Thätigkeit eifrig gefördert, deren allmähliche Emancipation, d. h. Befreiung aus den Fesseln deS Vorurtheils und des Privilegiums, mit ihrer eigenen gesellschaftlichen Erlösung Hand in Hand ging. Sie haben daher auch an dem Gewinne, welcher aus dem Aufschwünge der Industrie sich naturgemäß ergab, in rechtlichster Weise sich betheiligt. — Während der langen Zeit des Druckes, der auf den Juden lastete, war rhnen von all den Privilegien, welche als Freiheiten galten und unter die Menschen damaliger Zeit vertheilt waren, nur Eines verliehen worden, das gefährlichste und von jeher verhaßteste, nämlich das: Geld auf Zinsen auszuleihen. Dieses Privilegium stand im grellen Widerspruche gegen die jüd. Satzungen, welche alle Art von Wucher und Zinsnehmen auf's strengste verbieten; aber sie wurden gezwungen, deffelben sich zu bedienen und den Fluch der Verachtung, der damit verbunden war, auf sich zu nehmen. Wenn nun daraus folgte, daß die Geknechteten nach dem trachteten, auf welchem ihre Anerkennung in der menschlichen Gesellschaft, in welcher sie lebten, einzig und allein beruhte, nach Reichthum, ist daraus den Geknechteten ein Vorwurf zu machen, oder denen, welche ihnen in brutalster Weise Gewalt anthaten? — Aber in dem Maße, in welchem die Bedeutung des den Juden schmachvoll ertheilten Privilegiums sich abschwächte, weil es von den Nichtjuoen nicht mehr respeklirt wurde, Zinsnehmen aufhörte für unehrenhaft zu gelteu, und mehr und mehr alle Welt deffelben sich befleißigte, sowie in dem Maße, in welchem allmählich die Gleichberechtigung der Juden im Staats- und Gemeindeleben zur Anerkennung gelangte, ganz in dems elben Verhältnisse haben die Juden in den Culturstaaten den übrigen Bewohnern sich affunilirt, haben aufgehört als Fremdlinge im Lande zu wohnen, haben mit Gut und Blut dem Vaterlande gedient und haben in allen Berufskreisen, die ihnen zugänglich wurden, sich durch Fleiß und Geschicklichkeit hervorzuthun gesucht. Ist oas tadelnswerth oder lobenswerth? Ich meine das letztere; aber freilich die Faulen undUngeschickten Haffen und verfolgen die Fleißigen und Geschickten, welche ihnen Concurrenz machen; und die Armen hassen die Neichen; und die Dummen Haffen die Klugen; und die Fanatiker Haffen jeden, der auf andere Weise se lig zu werden sucht als sie selbst, und Fanatiker giebl es nicht nur auf religiösem Gebiete, sondern in allen Kreisen der Gesellschaft, im Tröffe derjenigen, welche nicht selber denken, sondern Andere für sich denken laffen, hinter denen sie schreiend und tobend herlaufen. Wehe dem Staate und jeglichem Gemeinwesen, in welchem das blinde Wüthen des Haffes zur Geltung kommt, das Verderben ist sem Loos; darum sehe ein Jeder zu, daß der Haß niedergehalten werde und helfe der ihn überwindenden Liebe zum Siege. Ich habe aus gewissenhafter Ueberzeugung eine Zeichnung entworfen von den Juden, gegen welche jetzt der verderbliche Haß losstürmt in widerwärtiger Weise, aber ich habe dabei nicht bestreiten wollen, daß es auch unter den Juden schlechtes Gesindel aller Art giebt wie unter Christen, Mohamedanern und Heiden auch, und überhaupt in allen Schichten und Klaffen der Menschen. Aber für dieses Gesindel sind die Juden nicht verantwortlich zu machen, so wenig wie die Christen für Gauner und Bösewichter, die unter ihnen sich herumtreiben. Eine jede Genossenschaft hat am meisten selbst zu leiden durch die schlechten Gesellen, die sich für ihre Zugehörige ausgeben. Wir die hier Versammelten kennen das alte Testament so gut wie das neue und wissen wohl, daß das Judenthum keine andere Sittenlehre hat als die, zu der alle edlen Menschen von jeher sich bekannt haben, und dazu kommt noch für die Christen unter uns, was der Stifter unserer Religion, der selbst ein Jude war, gesagt hat: „ich bin nicht gekommen aufzulösen das Gesetz und die Propheten, sondern zu erfüllen."