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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-03-24 · N° 13. (24.3.1880) · p. Seite 118

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 13. (24.3.1880)
Date
1880-03-24
Page
Seite 118 (sequence 6)
Language
German
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m — 118 — H. S. Solingen, 12. März. (Or.-Corr.) Der Cultusrninister von Puttkamer hat bekanntlich in seiner Rede über den verderbten Volksschullehrerstand dem Herrn v. Treitschke im Geiste ein Denkmal gesetzt wegen dessen Auslastungen g eg e n Simultanschulen. Fürwahr ein seltsames Motiv zu Errichtung einer Statue! (Zwischen den Zeilen liest man aller« dings ein anderes Motiv heraus, denn sonst hätten den Cullusminister gewiß Männer von anderen Charakter und gewichtigerer Stimme in dieser Frage zu Gebote gestanden.) Bald darauf hat Prediger Knörke den Nachweis geführt, wie Tr. in einem andern Essay das Gegentheil behauptet. Es ist das bei dem Forschen nach Wahrheit und dem überzeugungstreuen Gelehrten nichts Neues; er wechselt eben auf ollen Gebieten seine Farbe wie ein Chamaeleon. Hören wir Treitschke über Lefsing, diesen wahren Kämpen der Humanität, in den: „Historische und politische Aufsätze", Leipzig 1871 Band I. Seite 592 f. Tr. aus seinen eigenen Schrifter zu überführen, ist ein interestanter Gesichtspunkt, den die meisten Schriften gegen ihn übersehen haben. Er schreibt: „Auch die Dichtung, welche diesen Kämpfen (für die freie Forschung der Theologie) entsproß, ragt hinaus über das Verständniß seiner und — soll ich nicht auch sagen: unserer Zeit. (Selbst bei vielen Gelehrten unserer Zeit.) Denn wohl in lausend Herzen lebt jenes Evangelium der Duldung Nathans des Weisen. (Schöne Worte ohne praktische Bethätigung!) Wie man auch denken möge über den Inhalt von Lestings theologischem System — in einem mindestens ist er schon jetzt (sio) der anerkannte Lehrer unseres ganzen Volkes (vicke: sollte), er hat die sittliche Gesinnung verzeichnet, daraus alle wistenschaftliche Forschung entspringen soll, (viäv: hosenverkaufende Jünglinge!) Er sagte: „Ich weiß nicht, ob es Pflicht ist, Glück und Leben der Wahrheit zu opfern. Aber das weiß ich, ist Pflicht, wenn man Wahrheit lehren will, sie ganz oder gar nicht zu lehren." So schreibt in der That Treitschke 1871; wenn man es nicht Schwarz auf Weiß sähe, würde man es nicht glauben, wie die Ironie des Schicksals so arg seinen Gesinnungen mitgespielt hat. Wenn Tr. demnächst vielleicht ein Votum für die Juden einlegt, braucht man sich nicht zu wundern. Birnbaum, 15. März. (Or.-Corr.) Dieser Tage wurde hier ein Mann zu Grabe gebracht, der ein Alter von 104 Jahren erreicht hat. Es ist dies Herr Jsaac Tietz, Vater der Inhaber der allbekannten Firma „Gebrüder Tietz" in Berlin. Bis vor Kurzem war der Verstorbene noch in vollem Besitz seiner geistigen Kräfte und hat noch am letzten Versöhnungstage bis zum Schluß des Gottesdienstes gefastet. Er gehörte zu dem leider in unseren Tagen immer seltener werdenden alten Schlage der Orthodoxen, die die Liebe zur Thora und die aufrichtige, ungeheuchelte Frömmigkeit mit Toleranz gegen Andersdenkende vereinigen. Hr. Tietz bekundete trotz seines hohen Alters ein sehr warmes Interesse für die Erscheinungen der Gegenwart; besonders aber war er während seines langen Lebens nach Kräften bemüht, das Studium der Thora zu fördern. So interesiirte er sich, um nur ein Beispiel anzusühren, noch sehr eifrig für den vom Unterzeichneten zu Beginn dieses Winters ins Leben gerufenen Ahawath-Thora-Verein, der aus der Verschmelzung mehrerer in früheren Jahren in hiesiger Gemeinde bestandener ähnlicher Chewroth entstanden ist. Dieser Verein, der sich's zur Aufgabe stellte, durch allsabbathlich zwischen Minchah und Maarib vom Unterzeichneten abgehaltene populäre Vorträge über die laufenden Sidrah's, über Midrasch, Schulchan-Aruch rc den Sinn für die Thora in hiesiger Gemeinde zu wecken und zu erhalten, zählt nach kaum fünfmonatlichem Bestände bereits 48 Mitglieder. Der Verstorbene stellte dem Verein nicht nur seine hebräische Bibliothek zur Verfügung, sondern nahm mit jugendlicher Begeisterung den regsten Antheil an den Vorträgen und folgte ihnen mit einer Aufmerksamkeit und mit einem sichtbaren Verständnisie, die sämmtliche Theilnehmer in Verwunderung versetzten. Friede seiner Asche! Rabbiner vr. S. Dankowitz. Oesterreich-Ungarn. Pest, 12. März. Die durch 4 Sitzungen sich hinziehende Debatte über die Verwendung des isr. Landesschulfondes fand heute dadurch ihren Abschluß, indem der Beschlußantrag Molnar's mit bedeutender Majorität angenommen wurde. Derselbe lautet: Das Erträgniß des israelitischen Landes-Schulfonds ist im Sinne der Fundation zu Unterrichtszwecken der gesammten vaterländischen Judenschaft zu verwenden, und zwar so, daß die aus diesem Fonds unterhaltenden gemeinsamen Institute, wie das Rabbiner-Seminar und die Lehrer- Präparandie, den Interessen der gesammten vaterländischen Judenschaft dienlich seien, und daß bei der Unterstützung des Blinden- und Taubstummen-Jnstituts ohne Bevorzugung der einen oder andern Partei vorgegangen werde, die materielle Lage der betreffenden Cultusgemeinde, die die Aufrechthaltung der Schule rechtfertigende culturelle Nothwendigkeit und jene Regel maßgebend seien, daßnur solche Schulen unterstützt werden sollen, welche entweder auch sonst oder durch die zu gewährende Unterstützung den gesetzlichen Anforderungen entsprechen." — Kultusminister Tr 4 fort, der mit dem heute in Angelegenheit des israelit. Landes-Schulfonds gefaßten Beschlüsse der Abgeordnetenhauses vollständig übereinstimmt, gedenkt, wie wir vernehmen, schon nächstens eine Konferenz einzuberufen, au welcher auch Mitglieder beider Parteien der Israeliten theilnehmen sollen, um mit diese n die Modalitäten der Durchführung des BeschluffeS zu besprechen. Krakau, 15. März. (Or.-Corr.) Am jüngsten Purim gab es hier einen dunkeln düstern Tag. Nach dem Talmud (Sucka) verdunkeln sich die Lichter im Himmel -iptt? DPI? 'Ttfü Dar war hier der Fall. Wie man ihnen aus „Wien" bereits berichtete, kam der Colomaär Abgeordnete nach Krakau, um für das Seelenheil seiner Gemeinde durch die Aufrechthaltung des Gebotes vom nuö zu sorgen. Da traten falsche Zeugen auf, daß er diese an die Armen abtrete. Wohl liefen die Schamoßim, wie Hans-Dampf in alle Gaffen, um die falschen Zeugen zu entlarven; doch das genügte nicht, es erschien auch an allen Straßenecken ein papierenes Pflaster unter ernster Ermahnung, um Gotteswillen keinen Minhag zu brechen. Gottlob, die Sonne leuchtet wieder. Aber darüber, daß man hier in fanatischen Kreisen über den unsterblichen Cr4mieux den Stab gebrochen, weil er nicht genug fromm war, verhüllt in der Thal die Sonne ihr leuchtendes Antlitz. Frankreich. Paris. In seiner Sitzung vom 3. März faßte das Central-Cornits folgende Beschlüsse: In Erwägung, daß es Pflicht der Israeliten ist, das Andenken Adolphe Cr6mieux's zu ehren und sein Gedächtniß zu verewigen, und überzeugt, daß dieses Gefühl von den Israeliten aller Länder getheilt wird und daß Alle dazu beitragen wollen, um diesem großen Vertheidiger des Judenthums ein Zeichen der Dankbarkeit zu geben, beschließt das Central- Comit6: 1) „Zur ersten Jahresfeier des Sterbetages von Adolphe Cr^mieux wird auf Veranstaltung des Central-Comitss eine Gedächtnißfeier in Paris gehalten werden. 2) „Alljährlich am genannten Tage wird das Central- Comits der Gedächtnißfeier beiwohnen, welche im israelitischporttugiesischen Tempel zu Paris begangen werden wird, gemäß dem Ritus, welchem Adolph Crsmieux angehört hat. 3) „Eine Subscription wird auf dem Secretariat der Alliance Jsraslite eröffnet, um auf dem Grabe von Adolphe Cr^mieux ein Denkmal zu errichten; der Ueberschuß dieser Subscription wird zu einer den Namen Adolphe Cr6mieux's führenden Stiftung verwandt werden." (Die Redaction dieses Blattes erklärt sich zur Empfangnahme und Uebermittelung von Beiträgen bereit.)

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