Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 13. (24.3.1880)
- Date
- 1880-03-24
- Page
- Seite 115 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 115 — wie sich zeigen läßt, natürlicher Weise die Partei des rücksichtslosen Fortschritts und der schrankenlosen Freiheit, die Linke, in dieser Frage für die Sache der Orthodoxen einzutreten Miene machte. Diese Partei hat die Bekämpfung der Regierung zu ihrem Losungswort erhoben, und so galt es denn auch hier den Minister zu bekämpfen, der das Seminar errichtet hat und die Unheilbarkeit des Schulfonds als Princip ausspricht. — Man konnte erwarten, daß das Haus dem Gegenstände eine gründliche Besprechung widmen würde, aber die Dauer von vier Tagen hat die kühnsten Erwartungen übertrosfen, da ein gleicher Zeitraum den obersten Landesfragen nicht eingeräumt zu werden pflegt. — Gleich der erste Tag brachte die Entscheidung. Schon das gründe liche Referat des Abgeordneten, Univerfitätprofessors Thomas Veesey, zeigte für Jeden, der Augen hatte zum Sehen, daß der Schulfond seiner rechtlichen Natur nach untheilbar, und daß er selbst in dem Falle, daß dies rechtlich möglich wäre, in der P r a x i s aus Mangel an jedem Einteilungsprinzip unmöglich getheilt werden könnte Besonders wohlthuend mußte hier auch die Hervorhebung des glühenden Patriotismus berühren, den der Bericht den Juden nachrühmte. War es doch in der That nur ihre Haltung während der Revolution, die sie in den Augen der österreichischen Regierung und ihres Haynau „compromittirte". Aber alle Freundlichkeit und alles Wohlwollen vermochten nicht über die Gefahren hinwegzutäuschen, die in der Annahme dieses Antrages lagen. Darum war es eine verdienstvolle That des Abgeordneten AladLr MolnLr, daß er den Antrag stellte, den Fond als ohne Frage untheilbar darzustellen und die daraus erhaltenen Anstalten, wie das Rabbinerseminar und die Lehrerpräparandie, als der gesammten vaterländischen Judenheit dienend anzusehen und zu leiten, die Ausführung dieses Beschlusses aber dem Minister zu überweisen.— Wohl hatten ApLthy und MocsLry, aus verschiedenen Gründen freilich, den Antrag des Petitionsausschusses mit mehr oder minder bedeutenden Modificationen .».ngenommen und als besondere Anträge eingebracht, wohl hatte Ladislaus Hegedüs am Entschiedensten die Orthodoxen vertreten und die Theilung beantragt, aber alle diese Versuche zeigten sich sofort aussichtslos, als MolnLr in einer mehr als einstündigen Rede seinen Standpunkt darlegte. Die Sachlichkeit der Ausführungen, die Vertrautheit mit dem Stoff, die sichere Sachkenntnis; und treffliche Beredsamkeit des Mannes konnten nicht verfehlen, den tiefsten Eindruck selbst bei den Gegnern hervorzurufen. M. hob die Frage besonders dadurch, daß er sie als einen Gegenstand von oberstem nationalem und Culturinteresse darstellte. Auf der Seite der Orthodoxen war in seiner Rede, wie in Wahrheit, Nacht und Feindschaft gegen Fortschritt und alle Verbrüderung mit der Nation, auf Seiten der Neologen Licht und Bildungsstreben, neunzehntes Jahrhundert. Schlag auf Schlag zertrümmerte er das Gebäude der feindlichen Einwände, Beschwerden und Anklagen. Es gebe nur ein Judenthum, dieses kenne keine Consessionen, da seine Bekenner höchstens durch rituelle, nicht durch dogmatische Streitigkeiten zerfallen seien. Nachdem bereits vor ihm der Unterrichtsminister sich für glücklich erklärt hatte, das Seminar errichtet zu haben, war es Molnär nunmehr ein Leichtes zu erklären. Alles, was die Orthodoxen über das Seminar verbreitet haben, sei Lüge und Täuschung. Seine Schüler, in diesem Jahre an vierzig, gehören allen Gegenden des Vaterlandes an, auch frommen und orthodoxen Eltern, hätten doch selbst die Söhne der orthodoxesten Rabbinen zur Ausnahme sich gemeldet, doch mußten sie aus Mangel an Vorbildung zurückgewiesen werden. Es sei nicht wahr, daß die Anstalt das Deutsche allein pflege, also germanisirend wirke. — Er selber habe durch einen Besuch der Schule von ihrem vaterländischen Geiste wie von dem ungarischen Unterrichte an derselben sich überzeugt. Von den zwei Professoren, die aus Mähren berufen wurden, sei der Eine (Bloch) zu bejahrt, als daß man von ihm fordern könnte, das Ungarische zu erlernen, der Andere (Kaufmann) habe jedoch diese Sprache sich so weit angeeignet, daß bereits manche Abgeordnete an Correktheit der Aussprache hinter ihm zurückstehen. Es sei in der Vortragsweise des Talmud kein Unterschied zwischen der alten Jeschiba und dem Seminar, nur daß hier auch durch den Unterricht in den Wissenschaften, Bildung und Cultur ihr Recht fänden. Eine Theilung sei aus einer Reihe von Gründen unmöglich. Einmal darum, weil es eine königliche untheilbare Schenkung an die gesammte Judenheit Ungarns sei. Wollte man aber auf die Gesinnung derer, die den Fond zusammengebracht, eingehen, so wäre er erst recht untheilbar, da nur in diesem Sinne vom ganzen Lande die Summe gesteuert wurde. Die Orthodoxen hätten dann aber am Wenigsten Aussicht, da es gerade ihre Gemeinden waren, wie Preßburg und Temesvsr, die nichts zu dem Gelde beigetragen haben, weil es ihrer österreichischen Loyalität wegen ihnen erlassen wurde. Da nun obendrein die Anzahl der ungarischen Judenthümer schwankend sei und viele Gemeinden von einem Namen zum andern überzugehen pflegten, so fehle es vollends an jeglicher auch nur äußeren Möglichkeit, eine gerechte Theilung durchzuführen. Zahlreiche jüdische Gemeinden haben den Abgeordneten telegraphisch zu dieser That beglückwünscht, die Rede wird in deutschen und ungarischen Separatabzügen über das ganze Land verbreitet und wird nicht verfehlen der Cultur und dem Seminar Freunde zu werben. Der zweite Tag brachte die Männer der Gegenpartei ins Treffen. Es waren zumeist nur kleine Plänkeleien mit MolnLr, den sie in Einzelheiten zu widerlegen trachteten. Das alte Paradepferd der Gewissensfreiheit wurde wieder vorgeführt, die es dem Hause verbiete, in die inneren Angelegenheiten des Judenthums sich zu mischen. Man hörte es deutlich heraus, es muß eine schlechte Sache sein, die da vertheidigt wird, denn es fehlten die rechten Herztöne, die Wärme und die überzeugende Kraft. — Aber es gab da auch einzelne Abgeordnete der Linken, die mit Wärme für die Sache der Wahrheit eintraten und in anerkennendster Weise über das Judenthum und seine neuen Bestrebungen in Ungarn sich unverhohlen aussprachen. Der dritte Tag sollte nicht vorübergehen, ohne das Gespenst des Hauses Jstoczy, erscheinen zu lassen. Man hatte ihn nicht in Ruhe gelassen, es ist wahr, von allen Seiten wurden seine Bemerkungen gegen die Juden zur Zielscheibe des Witzes, oft auch zum Gegenstand ernster Angriffe gemacht, so daß er länger nicht schweigen mochte. Hatte doch Einer sogar seinen Judenhaß auf rein persönliche Motive zurückzuführen gewagt. Was er sprach, war Wahnsinn wie immer. Nicht als ob er ungeordnet und ohne Vernunft spräche, er ist sogar ein hervorragender Sprecher, ein gebildeter Redner, aber man kann von ihm nur mit Polonius sagen: Es steckt Methode in dem Wahnsinn. Denn eine fixe Idee bleibt es, die Judenfrage zu einer Christenfrage, zu einer Machtsrage künstlich aufzubauschen. Ich bin es nicht gewiß, ob es eine Art von schleichendem Judenhaß, der nicht zu läugnen ist, oder einfach die Freude am Skandal, an der lachfreudigen Heiterkeit war, was das Haus bestimmte, den wüthenden Jstoczy bis zu Ende reden zu lassen, gegen den Willen des Präsidenten, der ihn darauf aufmerksam machte, daß er nicht zur Sache spreche; sicher ist, man hat ihm mit mehr Andacht zugehört, als er eigentlich werth ist. Man darf sich aber auch dagegen nicht verschließen, daß es an scharfen und ernsten Bemerkungen gegen seine Rede nicht gefehlt hat und daß sein neuester Wuthansall wieder nur wie eine lustige Episode vorübergegangen ist. Der vierte Tag brachte die volle Entscheidung. Die Reden der Antragssteller, wie lichtvoll und bedeutend sie immer auch gewesen sein mochten — so besonders die Rede Geza MocsLry's — wurden wiederum alle in den Schatten gestellt durch MolnLr's Schlußrede. Die Orthodoxen werden von den Hieben, die er ihnen hier vor der Oeffentlichkeit austheilte, sich zu erholen haben. Dem Treugesinnten mußte das Herz bluten, daß hier so viel schmutzige Wäsche vor aller Welt Augen gewaschen wurde, denn es waren traurige Aeußerungen jüdischer Verblendung, die da vorgelesen wurden, aber es mußte geschehen; es galt einen hohen Zweck. Was man von seiner ersten Rede zu erschüttern versucht hatte, daß wußte er glänzend zu befestigen, alle Positionen wurden schnell mit stürmender Hand zurückerobert, und es war nicht zu verwundern, daß unter der Wucht seiner Argumente alle Anträge fielen und nur der seine mit überwiegender Majorität von Mitgliedern aller Parteien angenommen wurde. — Ein Blick auf das Ganze lehrt uns eine Reihe erhebender Thatsachen kennen. Obwohl in den vier Tagen der Debatte das Wort „Jude" und „jüdisch" fast alle Minute im Hause zu hören war, ließ sich außer den rohen Ausfällen Jstoczy's keine gehässige Stimme gegen Juden und Jüdisches vernehmen. Einige Aeußerungen Mohcar's konnten allerdings falsch gedeutet werden, aber es war nur die Verdammung des schroffsten jüdischen Partikularismus, was ihm mitunter harte Worte eingab. Die Bedeutung der Landes-Rabbinerschule geht aus diesen Debatten mit siegreicher und ausgezeichneter Anerkennung hervor, da Freunde und Gegner in dem Lobe ihrer Bestrebungen sich begegneten. Es ist endlich gegründete Hoffnung geschaffen worden, daß mit der Verstopfung einer Hauptquelle die Streitigkeiten selber allgemach sich beruhigen und mit der Zeit völlig Nachlassen werden. Das ungarische Judenthum hat vollen Grund mit Befriedigung auf den Lauf dieses Debatte zurückzublicken. Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Magdeburg. (Or.-Corr.) Der Winter ist die Zeit der