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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-03-24 · N° 13. (24.3.1880) · p. Seite 114

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 13. (24.3.1880)
Date
1880-03-24
Page
Seite 114 (sequence 2)
Language
German
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— 114 — Wo immer sich die Gelegenheit in einer Gemeinde hierzu bietet, sollten es sich daher die Vorstände und die wohlhabenden Gemeindemitglieder derselben angelegen sein lasten, junge Leute durch materielle Unterstützung in den Stand zu setzen, ein Handwerk zu erlernen. Ganz besonders sollten die von Gott mit Glücksgütern gesegneten Männer, deren Wohlstand unleugbar Neid erzeugt, und wesentlich zu der jetzigen Mißstimmung gegen die Juden beigetragen hat, willig ein Opfer bringen, um uns in deren Bekämpfung zu unterstützen. Wir gestalten uns gerade jetzt, auf diesen wichtigen Gegenstand aufmerksam zu machen, weil die zum Schuljahresschluß bevorstehende Entlassung der Schüler vielleicht sofort Gelegenheit bietet, für die Ausführung der hier angeregten Ideen thätig zu sein." Sicherlich werden auch unsere Rabbiner und Prediger die während der bevorstehenden Feiertage sich darbietende Geleg enheit benutzen, um von der Kanzel zur Verbreitung und Beherzigung der in dem Circular ausgesprochenen Vorschläge beizutragen. Möge die Erinnerung an den „Schmelzofen des Elends" in Aegypten uns die Pflicht der Selbstläuterung von allen uns noch anhaftenden Schlacken besonders nahelegen, dann dürfte die soziale Judenfrage bald gelöst sein und wir feierten das herrlichste Erlösungsfest! 12122 2 JTH2 bl!) ttnbl&O bjf Die Debatte über die Theilrrng des jüdr Schulfonds im ungar. Abgeordnetenhaufe. Die Hyäne von Brescia, der Würgengel Ungarns, Haynau fluchwürdigen Angedenkens, hat es schwerlich geahnt, daß seine Bosheit durch die Strafe, die er der ungarischen Judenheit auferlegen wollte, dereinst in Zukunft segensreich wirken werde. Zwei Millionen und 300-Tausend Gulden sollten die armen jüdischen Gemeinden Ungarns als Bußgeld dafür bezahlen, daß sie in der Revolution mit dem Vaterlande gemeinsame Sache gemacht hatten und da nicht zurückgeblieben waren, wo die Begeisterung für die Sache der Freiheit alle Gegenden Ungarns wie ein Lauffeuer in Brand gesteckt hatte. Die unerschwingliche Geldsumme wurde nicht gezahlt, der König war gnädiger als sein Abgesandter und erklärte sich befriedigt, wenn die Juden eine Million zusammenbrächten, die er ihnen dann unter gewissen Bedingungen als Schulfond schenken wollte. Diese Bedingungen waren vor Allem die Errichtung einer Landes-Rabbinerschule und einer Landes-Lehrerbildungsanstalt in Verbindung mit Musterschulen, ferner sollten aus dem Erträgniß der Stiftung Blinde und Taubstumme unterrichtet und ausgebildet werden; der Rest der Zinsen sollte dann an arme jüdische Gemeinden zur Unterhaltung ihrer Volksschulen verwendet werden. Die Million wurde eingezahlt und wuchs von 1850 bis zum Anfang der sechziger Jahre, in welchem Zeitraum sie wenig oder gar'nicht in Anspruch genommen worden war, zur Höhe der doppelten Summe an. Während die Lehrerpräparandie längst besteht, auch die Unterstützung der armen Volksschulen lebhaft betrieben wurde, Ift die oberste Bedingung der kaiserlich-königlichen Schenkung, die Errichtung der Rabbinerschule, erst seit dem Jahre 1877 verwirklicht worden. Man weiß, was die Ursache dieser Verzögerung war. „Deine Verheerer und Zerstörer werden aus dir selbst hervorgehen," sagt der Prophet. Die unheilvolle Spaltung der ung. Judenheit in Orthodoxe und Congreßanhänger hat es verschuldet, daß das Seminar nicht schon längst ins Leben trat. Sowie die Orthodoxen die edle Schöpfung des ungarischen Unterrichtsminisiers Baron Josef Eötvös, den jüdischen Landescongreß, durch ihren Austritt um alle Wirkung brachten, so wußten sie durch allerhand Künste die Aufrichtung der ihren Gesinnungen widersprechenden Anstalt zu Hintertreiben. Aber das Bessere und j das Wahre lassen sich nur eine Zeit lang aufhalten; die Lüge kann nicht auf die Dauer herrschen. Mit schwerem Herzen mußten diese Lichtfeinde es erleben, daß am 4. Oktober 1877 in Gegenwart der höchsten Spitzen der Regierung und des Landes die von ihnen verfolgte Schule glanzvoll und feierlich eröffnet wurde, und schon am 15. November desselben Jahres besiegelte Franz Josef I. durch seinen allerhöchsten Besuch die That seines Ministers. Es war also alle Mühe umsonst, der ganze Sturmlauf vergeblich gewesen. — Mit dem Seminar mußte jetzt wie mit einer unabänderlichen Thatsache gerechnet werden. Das stolze Gebäude, eine Zierde der Hauptstadt, verkündete in fte'inerner Wirklichkeit den Sieg der lichtfreundlichen Bestrebungen. Aber das Wühlen und Jntriguiren ist unserer Frommen zweite Natur. Da wird keine Rücksicht darauf genommen, ob der Name und die Würde der Confession herabgesetzt wird oder nicht, laut und kühn verkünden sie es, daß es nicht ein Judenthum gebe, sondern zwei, und daß die Neologen nicht ihre Brüder, sondern ihre verhaßtesten Feinde seien. Bei solchen Extremen pflegt oft eine weitere Spaltung einzutreten, und diese sollte auch hier nicht ausbleiben. Bald fanden sich Gemeinden, die weder zu den orthodoxen noch zu den neologen sich zählen lassen wollten, sondern denjenigen Charakter für sich in Anspruch nahmen, den jede jüdische Gemeinde vor dem Congreß mit seiner unseligen Spaltung hatte, und so entstanden die Ltatcm-yuo-avte-Gemeinden, oder wie man der Kürze und der Unwissenheit im Latein zu Liebe hier sagt, die Ltatuo-guo-Gemeinden. Als viertes Judenthum treten noch die Sefardim auf, die jedoch nur den Ritus, sonst jedoch Nichts mit den echten Vertretern dieses Zweiges von Juden gemein haben. Nie hatte man von so viel Judenthümern reden hören, als jetzt hier in Ungarn, zum Gespötte der Fremden natürlich. Alle diese bestürmten mit Gesuchen den Minister; sie alle wollten den Landes-Schulfond vorzüglich für ihre Zwecke ausbeuten. — Nicht genug, daß man den Orthodoxen und den Congreßlern besondere Behörden, sogenannte Landeskanzleien errichtete, die direct mit dem Ministerium verkehren und diesem untergeordnet sind, und so bereits wirklich die innere Spaltung xine gefährliche äußere Bestätigung erhalten hatte, wollten es die Frommen durchaus bis zum Bruche treiben und den Fond theilen laffen. — Diese Bewegung nahm nun seit der Errichtung des Seminars besondere Heftigkeit an. Da diese Anstalt aus dem gemeinsamen Fonds erhalten wird, den Orthodoxen aber ein Greuel ist, der ihnen nur Kränkung und Gefahr, aber keinen Nutzen bringe, so sähen sie nicht ein, wie man von ihrem Gelbe eine feindliche und verderbliche Schule errichten und erhalten dürfe, und organisirten seit Jahr und Tag einen Sturmlauf auf das ung. Parlament, indem sie Hunderte von Gemeinden zu Petitionen um Theilung des Schulfondes bestimmten und zu zwingen wußten. Die öffentliche Verhandlung über diesen Gegenstand wurde von Jahr zu Jahr verschoben, wie die fabelhafte Seeschlange tauchte nur ab und zu eine Nachricht darüber aus dem Meer der Zeitungsnotizen an die Oeffentlichkeit. Für die Judenheit des Landes, die durch Parteiungen und Leidenschaften so alle Zeit in Aufregung erhalten wurde, war der Zustand unerträglich geworden. Es war höchste Zeit, daß das schleichende Gift einmal zum Ausbruch komme, die peinliche Frage endlich eine entscheidende Lösung erfahre. Dies ist nun zum Heile der ungarischen Judenheit in den Sitzungen des ungarischen Abgeordnetenhauses vom 9. bis zum 12. März, von Dienstag bis Freitag, also an vier aufeinanderfolgenden Tagen, glänzend geschehen. — Die Petitionscommission, welche den Gegenstand zu prüfen hatte, trat vor das Laus mit dem Berichte, daß der Fond und seine rechtliche Natur erst zur Zeit, wo alle öffentlichen Fonds geprüft werden würden, beurtheilt werden solle, und daß darum bis dahin nur provisorische Maßregeln getroffen werden können. Dieser Antrag enthielt eine schwere Gefahr für die Sache des Fortschritts, denn damit wäre nur eine Aufschiebung, nicht eine Entscheidung getroffen worden, die Aufregung und die Streitigkeiten im Schooße der Judenheit hätten in alter Weise fortbestehen müssen, es wäre ein Zustand des Hangens und Bangens in schwebender Pein eingetreten, der nur von schädlichen Folgen begleitet gewesen wäre. Diese Gefahr war um so größer, als merkwürdiger oder.

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