Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 12. (17.3.1880)
- Date
- 1880-03-17
- Page
- Seite 107 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 107 — Sorge zu tragen. Dieser Frauenverein, der bereits über 100 Mitglieder zählt, verfügt nunmehr über ein Grundkapital von circa 4000 R. S. und über eine ansehnliche Summe jährlicher Beiträge, wodurch die Eröffnung des Waisenhauses in der nächsten Zeit zu erwarten ist. Es darf dabei betont werden, daß die Gaben von Seiten der intelligenten Frauen in einer sehr freigebigen Weise geflossen sind, so daß auch Spenden von 150, 100, 75, und 50 zu verzeichnen sind. Freilich erhob sich bereits von Seiten der Feinde alles Modernen eine heftige Opposition gegen diese moderne Stiftung, da diese Herren in jedem Neuen, wenngleich es lediglich Humanes und Wohlthäliges bezweckt, etwas Schädliches und Verwerfliches erblicken. Zum Glücke liegt diese neue Stiftung bereits dem Herrn Gouverneur, der sich in humaner Weise darüber sehr anerkennend ausgesprochen, zur Bestätigung vor, und ist somit nicht zu befürchten, daß die bisherige rege Theilnahme an derselben durch die Hintertreibungen der Gegner geschwächt würde. Berauschte und neueste Nachrichten. Magdeburg. Wir registriren aus der Reichstags-Debatte über die Sonntagsheiligung (am 12. März) eine Aeußerung Windthorst's, über Laster, der ebenfalls für die Sonntagsheiligung das Wort genommen: „Wenn es auf große sittliche Prinzipien ankommt, so haben wir den Abg. Lasker mehr als Andere auf unserer Seite. Gerade der Umstand, daß auch College Lasker der Meinung ist, der Sonntag soll geheiligt werden, ist von großer Bedeutung." Es ist interessant zu sehen, wie der von der eigenen Partei, der nationalliberalen, deren Gründer er war, so schmählich behandelte jüd. Abgeordnete — & ist aus derselben ausgetreten — von dem Führer der Katholiken hochgeschätzt wird. Berlin. Eine Privatanklagesache aus Anlaß einer Unterhandlung über die Stöcker'schen Reden wurde am 1. d. vor dem dritten Schöffengericht hiesigen Amtsgerichts I. verhandelt. Privatkiäger war der Kaufmann S., der Angeklagte Cigarren- * Händler B. Beide gericthen in einer Restauration wegen der Berechtigung der Stöcker'schen Aeußerungen gegen die Juden in Differenzen. B. trat auf die Seite Stöckers und hob hervor, daß es viele Juden gäbe, die man ob ihrer schlechten Charaktereigenschaften verachten müsse. Hiergegen kämpfte S. an, indem er geltend machte, daß es in jeder Religionsgesellschaft, auch in jeder Nationalität gute und böse Menschen gäbe, und daß man diese nicht wegen ihrer Religion oder Nationalität angreifen, sondern nur nach ihrem sittlichen Werth beurtheilen dürfte. Hierauf hat der Angeklagte nach Aussage der Zeugen gegen den Privatkläger folgende beleidigende Aeu- Herung gethan: „Damit Sie beurtheilen können, wie ich meine Aeußerung aufgesaßt wiffen will, so erkläre ich Ihnen, daß Sie zu denjenigen Juden gehören, die man verachten müffe." Der Gerichtshof verurtheilte den Angeklagten zu 50 Mark event. 5 Tagen Haft. Berlin. Die Alterversorgüngs-Anstalt der jüdischen Gemeinde versendet ihren 50. Jahresbericht. Nach demselben befanden lich im Jahre 1879 durchschnittlich 88,l8 Hospitanten in der Anstalt, deren Erhaltung 53,315,„ Mk. kostete. Das Kapital-Vermögen vermehrte sich um 28,800 Mk. durch Stiftungen, Legate und Geschenke zum eisernen Fonds. Anfangs dieses Jahres befanden sich 94 Hospitaliten in der Anstalt, welche jetzt bis auf den letzten Platz gefüllt ist. und da keine neue Ausnahme möglich ist, so ist der Ban einer neuen Anstalt dringend geboten. Doch ist zuvor die Existenz der alten Anstalt sicher zu stellen, da 40 Procent ihrer Einnahmen unregelmäßige sind. Der Anstalts-Vorstand wendet sich daher mit der Bitte an das wohlthätige Berlin, durch Stif- : tungen, Geschenke und Jahresbeiträge die alte Anstalt in ihren! Einnahmen sicher zu stellen um den Bau einer neuen Au- : fialt zu ermöglichen. Die Festreden, welche Justizrath Makower und Rabbinats-Assor Dr. Frankl bei der 50jährigen Jubelfeier der Alter-Versorgungsanstalt am 5. Oktober 1879 gehalten, bilden einen werthvollen Anhang des Jahresberichts. Berlin. Nm das Andenken des verstorbenen Ober-Vorbeters der jüdischen Gemeinde, Lichtenstein, zu ehren und daffelbe auch für die Zukunft lebendig zu erhalten, sind eine Anzahl Gemeindemitglieder in der Absicht zusammengetreten, einen Fonds unter der Bezeichnung „Lichtenstein-Stiftung" zu gründen, aus deren Erträgen invalide gewordene jüdische Vorbeter unterstützt werden sollen. Die bei der Beerdigung des Verstorbenen von dem Rabbinats-Affor Dr. Ungerleider gehaltene Grabrede soll zum Besten dieser Stiftung herausgegeben werden. Lissa, 5. März. (Or.-Corr.) Das im Ministerium der geistlichen Angelegenheiten herausgegebene Centralblatt für die gesammte Unterrichtsverwaltung bringt im Januarheft d. I. das Verzeichniß der mit Bewilligung des Ministers an den preuß. Gymnasien und Realschulen eingeführten Schulbücher; darunter auch.- „Bäcks Geschichte des jüd. Volkes und seiner Litteratur und desselben Verf.'S „Erzählungen und Religionssätze der h. Schrift." Es ist eigen 1H ümlich, schreibt man uns, daß Herr Dr. Philippson, in der bezüglichen Mittheilung in seinem Bl. nur seines Buches Erwähnung thut. (Dergleichen ist PH. allerdings ganz eigenthümlich, er denkt *111? '22X1 '2X und hebt man das Gute bei Andern hervor, dann erblickt er darin sofort einen Eingriff in seine Rechte, oder er schreit, man thue ihm Alles nach; wozu hat Hr. Bäck nun auch ein Religionsbuch geschrieben, welches das Ministerialblatt approbirt; nichts als Nachthuerei!*) (Red.) Leipzig. Dem Deutsch-Jsr. Gemeindebunde sind wieder mehrere Gemeinden als Mitglieder beigetreten: Aschenhausen, D o r st f e l d, Osterode in Pr. unv Schmieh eim. In der jüngsten Ausschußsitzung (am 2. März) wurde u. A. berathen: Ueber die Ueberweisung der Schleiven'schen Schrift rc. „Die Bedeutung oer Juden rc." an die Bibliotheken der höhern Lehranstalten in Deutschland. (Wir möchten hierzu erinnern, daß ganz besonders die an den meisten dieser Anstalten bestehenden Lehrer-Blbltotheken mit derartigen apologetischen Schriften — z. B. auch Stein's „Lehrsätze"— zu bedenken wären. Red.) Ferner: Ueber Bildung eines Broschürenfonds, wozu von hervorragenden, jüdischen Glaubensgenossen Mittel zu erwirken wären**) Auch wurde beschlossen, ein Circulär, die Ausbildung zu Handwerkern betreffend, zu erlassen. (Dasselbe liegt uns bereits vor und werden wir es in nächster Nr. zur weiteren Verbreitung abdrucken. Red.) Berent (W/P.), 9. März 1880. Die traurige Kunde von dem Tode Cr6mieux' veranlaßte auch unfern Rabbiner, demselben am Sabbath '2 in der hies. Synagoge einen "122kl in beredten Worten zu halten. — Ein Gleiches wird aus Pase walk berichtet. Kassel, 4. März. Im Beamtenverein hielt gestern Abend Herr Landrabbiner Dr. Adler einen Vortrag über den Essäerbund und deffen Bedeutung in der fortschreitenden Kulturentwickelung der Menschheit. Trotz des ungünstigen Wetters hatte eine zahlreiche Zudörerschaft, worunter viele Damen, sich eingesunden. Redner führte seine Zuyörer in das der Laienwelt nur wenig bekannte Gebiet des alten Judenthums und schilderte in fesselnder Weise die Grundsätze der Pharisäer, aus welcher Partei die Essäer hervorgingen, und der Sadducäer, die Effäer als diejenige Knospe am Baume des *) Hr. G Wolf, dessen jüngste „Erklärung" in der „A. Z. d. I" dem Red. derselben zu obigem Ausruf willkommene Veranlassung giebt, sollte es nur einmal versuchen, auch ein Religionsbuch für höhere Schulen zu schreiben, dann werden alle noch so devoten Erklärungen ihn doch nicht vor dem Vorwurf schützen, daß er's Ph. nach gethan! (Red.) **) Der Vorschlag kommt etwas spät, wahrscheinlich hatte man — aber vergeblich — abgewartet, ob unsere durch Vermögen „hervorragenden Glaubensgenossen" nicht unaufgefordert dem Gemeindebund zu obigem Zwecke Mittel zur Verfügung stellen würden; an Anregungen dazu hat es in uns. Bl. nicht gefehlt. .(Red.)