Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 12. (17.3.1880)
- Date
- 1880-03-17
- Page
- Seite 106 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 106 — 400 Centner Oberleder, 300 Centner Brandsohlenleder im Material. Und um die Gemeinden zum pünktlichen Einhalten der Lieferungs-Termine anzufeuern, verhängte derselbe Erlaß über die saumselige Gemeinde für jeden Tag der Säumniß eine Pönale von 500 Gulden „in klingender Münze", das nach einer gewissen Zeitfrist verdoppelt und verdreifacht werden konnte. Als trotzdem es mit den Lieferungen nicht recht gehen wollte, wurden die Häupter von „zwanzig der reichsten und angesehensten Judenfamilien" im October desselben Jahres als Geiseln ausgehoben. Im nächsten Jahre wurde sodann die Strafcontribution gegen Erlag einer Million nachgesehen, welche zur Bildung eines Fonds für jüdische Unterrichtszwecke von sämmlichen Israeliten in Ungarn zu entrichten war. * Frankreich. Paris, 6. März. Ueber Pariser Zustände bringt die „Voss. Zeit." einen ausführlichen Artikel, der sich über die jüd. Verhältnisse wie folgt ausläßt: Daß es bei den Juden mit dem Aufbringen von Geldsummen zu religiösen und wohlthätigen Zwecken am allerbesten steht, darf als bekannt vorausgesetzt werden. Die Rothschild, Königswarter, Bifchoffsheim, Goldschmidt, Weisweiler, Günzburg, Garfunkel, Hirsch, Seligmann, Comondo, Pereire, Thurneissen, Halphen, Siegfried, Hentsch, Cremsel, Fould, Bamberger, Schnapper, Stern, Cahen, Leoy, Grieninger, Cremieux, Lippmann, Sde u. s. w. sind sämmtlich mehrfache Millionäre. Von den Oppenheim, Erlanger, Fould, Barsche und einigen anderen sind 'war mehrere zum Christenthum übergegangen, aber es bleiben der israelitischen Millionäre doch noch genug. Der Rothschilde giebt es allein wenigstens ein halbes Dutzend hier, von denen jeder im Durchschnitt zwei oder drei Paläste besitzt. Das Haupt der Familie, Gustav von Rothschild, hält einen eigenen Rabbiner, hauptsächlich um seine Privatwohlthätigkeit zu besorgen, die täglich einlaufenden Unterstützungsgesuche zu prüfen und danach zu verfahren. Es stehen ihm dabei noch einige Schreiber zur Seite. Der Rabbiner hat 50,000 Fr. Gehalt, der Oberkoch des Barons 40,000 Fr. In früheren Zeiten, bis 1840—1848, war das Hans Rothschild die Hauptstütze der hiesigem hilfsbedürftigen Deutschen. Die jüdische Gemeinde besitzt entsprechend zahlreiche Wohlthätigkeitsanstalten und Vereine. Es mag befremden, daß die Zahl ihrer Hilfsbedürftigen gar nicht unbedeutend ist. Besonders in der Umgegend des Stadthauses und einigen alten Stadtvierteln leben zahlreiche jüdische Kleinhändler und Geschäftsleute, die bei zahlreicher Familie oft ihre liebe Roth haben. Viele davon durchziehen mit ihrem Kasten, Tragschemel oder Karren die Stadt, um Seifen, Schwämme, Nadeln, Bänder, Zwirn, Knöpfe, Hauben, Mützen und Aehnliches, oder auch Obst und Gemüse zu verkaufen. Nicht selten wird derjenige, welcher äußerlich leicht als Deutscher zu erkennen ist, von ihnen mit einem „Landsmann, kaufen Sie mir doch was ab" angeredet. Denn merkwürdiger Weise behalten auch die in Paris gebornen Juden die deutsche Sprache bei, was bei den christl. Nachkommen germanischen Stammes meist nicht der Fall ist. Es besteht ein eigener Verein zur Unterstützung dieser kleinen Händler; derselbe giebt denjenigen, welche ein solches Geschäft anfangen wollen, 50 bis 150 Franken zur Beschaffung der Einrichtung und des ersten Waarenstockes. Die beste, sicherste Einnahme haben die Pariser Cultusgemeinden durch die Beerdigungen. Letztere sind einer Gesellschaft — Socid'.d des Pompes fundbres — verpachtet, welche, außer verschiedenen sonstigen Abgaben, den Cultusgemeinden (1876) 2,162,016 Frcs. jährlich zu zahlen hat. Diese Summe vertheilt sich, je nach der Zahl und dem Luxus auf den stattgehabten Beerdigungen. Die resormirte Pfarrie erhielt (1876) davon 46,940, die augsburgische 32,202, die jüdische Cultusgemeinde 27,091 Franken. Hieraus ergiebt sich, daß die Juden am wenigsten Prunk bei ihren Beerdigungen entfalten. Betreffs der Heirathen dagegen dürsten sie obenan stehen. Ich weiß einen Fall, wo 16,000 Frcs. für eine Trauungsfeierlichkeit gezahlt wurden, wovon freilich der größte Theil auf die Ausschmückung der Synagoge, Musik und Gesang kam. Dabei ist dies noch lange nicht das Kostspieligste. Holland. Amsterdam, März. (Or.-Corr.) Am 27. v. M. starb hier Hr. I. Josephus Jitt a, Mitglied der deulsch-isr. Gemeinde, und vermachte folgende Legate: 1) Dem niederländischen isr. Knabenwaisenhaus f. 1000; außerdem dem Waisenknaben, welcher für den Verstorbenen das übliche Kadischgebet durch's ganze Trauerjahr verrichten wird f. 1000, wie auch f. 10 wöchentlich auf Lebenslang. Nur muß dieses glückliche Waisenkind, das durch das Loos zum Kadischsagen, resp. zu dieser theilweisen Adoptirung gekommen ist, solange es im Waisenhaus verbleibt, die ebengenannten wöchentlichen f. 10 mit den übrigen Waisen, die zur Zeit des Dahinscheidens des Hrn. Jitta im Waisenhause sich befanden, theilen. Die Zahl der Letzteren beläuft sich auf 73. 2) Dem niederl. isr. Mädchenwaisenhaus f. 1000; 3) dem niederl. isr. Asyl für alte Männer und Frauen f. 1000; 4) dem niederl. isr. Krankenhause f. 1000; 5) dem niederl. isr. Wöchnerinnencollegium f. 1000; 6) der niederl. isr. Armenbewahrschule f. 1000; 7) dem Blindeninstitut f. 500; 8) der Krankenverpflegung f. 500; 9) dem Taubstummeninstitut zu Groningen f. 500; 10) dem Central- (isr.) Waisenhaus zu Utrecht f. 500; 11) dem Verein Charitas (zur Unterstützung mittelloser Studirenden) f. 500; 12) der großen Synagoge der niederl. isr. hochdeutschen Gemeinde f. 500; 13) dem Wohlthätigkeitsvereine f. 1000; 14) dem Waisenfonds der Diamant-Arbeiter f. 1000; 15) dem portugiesischen isr. Asyl für alte Männer und Frauen f. 500; 16) dem port. isr. Knabenwaisenhaus f. 250; 17) dem port. isr. Mädchenwaisenhaus f. 250. Ferner bedachte der Dahingeschiedene sein sämmtliches Dienstpersonal, das den verschiedenen Confessionen angehörte, mit bedeutenden Geldsummen und Geschenken. — Unlängst meldeten sämmtliche hiesige politischen Zeitschriften Folgendes: Ein vor einiger Zeit verstorbener pensionirter Hauptofsizier der Cavalerie zu Zwolle, gab vor seinem Tode seinen Wunsch zu erkennen, daß bei feinem Begräbniß ein protestantischer, israelitischer und rönusch-katholischer Seelsorger zugegen sein mögen, um dadurch einen Beweis von religiöser Toleranz, die gegenwärtig nicht wenig zu wünschen übrig läßt, zu geben. Diesem Wunsche wurde Folge geleistet, und haben die Seelsorger sämmtlicher hier herrschenden Religionen, wie man sagt, jeder 1000 fl. für diesen Gang bekommen. (Schluß folgt.) Rußland. Wilna, 7. März (Or.-Corr ) Es wird wohl die Leser Ihres gesch. Blattes Wunder nehmen, wenn sie hören, daß in der hiesigen Gemeinde noch kein Waisenhaus für Mädchen existirt. Diese auffallende Erscheinung hat aber nicht ihren Grund in dem Mangel an Wohlthätigkeitssinn. Vielmehr wird hier im Einzelnen sehr viel gespendet und gegeben. Leider aber geschieht es nur in jener herkömmlichen Weise, der augenblicklichen Roth einige Linderung zu verschaffen, ohne etwas Bleibendes zu stiften. In Sachen der Wohlthätigkeit lassen sich un'ere hiesigen Glaubensgenossen mehr von der leichten Aufwallung des Mitleids, als von dem modernen Bestreben bestimmen, der immer mehr zunehmenden Armuth durch Gründung von Waisenhäusern und sonstigen Versorgungsanstalten die Wurzel abzuschneiden. Daher die traurige Erscheinung, daß die Bettelei gefördert und vermehrt wird und daß verwaiste Mädchen, ohne Schutz und Obdach, auf milde Gaben angewiesen sind und ohne tue geringste Elementarbildung und Erziehung aufwachsen. Als einen Schritt zum Besseren können wir die Thatsache konstatiren, daß es den Bemühungen des hiesigen Rabbiners Hrn. vr Gordon gelungen ist, zur Erinnerung an das 25jährige Regierungsjubiläum des Kaisers einen Frauenverein in's Leben zu rufen, dessen Tendenz es ist, für die Armen weiblichen Geschlechts überhaupt und besonders durch die Errichtung eines Waisenhauses für jüdische Mädchen für dieselben in moderner Weise