Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 12. (17.3.1880)
- Date
- 1880-03-17
- Page
- Seite 105 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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105 —??;v“-- gelische Geistliche aber, welcher sich bei diesem, des confessionellen Gepräges ganz entbehrenden Leichenbegängniß betheiligte, wnr ein langjähriger Hausfreund des Verblichenen, der, indeni er dein Dahingegangenen die letzte Ehre erwies, nur eine Freundespflicht erfüllte. Ihm aus diesem Liebesdienste einen Vorwurf zu machen, konnte nur Jemand im Stande sein, bei welchem der Lärm des wüsten Parteihaders der Gegenwart die Stimme der reinen Menschenliebe übertönt hat. Hamburg, 12. März. (Or.-Corr.) Schon seit längerer Zeit spricht man im Publikum davon, der Synagogenverband beabsichtige einen Prediger anzustellen und brachte man damit, wie ich seiner Zeit erwähnt?, den Vortrag in Verbindung, welchen Dr, C. aus F. kürzlich hier in der Synagoge hielt. Jetzt wird dieser Herr auch als der für die Talmud-Thora-Schule designirte Talmudlehrer bezeichnet, dem gleichzeitig eine Stellung, ähnlich der eines Directors ertheilt werden soll. Es ist nicht unmöglich, daß obige Pläne existiren und man auf diese Weise zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen hofft. Zu bedauern wäre nur, wenn man wieder einmal, wie das in Hamburg leider so oft vorgekommen ist, aus Sparsamkeitsrückfichten oder auch der Vetterschaften wegen, diese Aemter einem Manne anvertrauen sollte, der einer solchen Aufgabe nicht gewachsen wäre. Einer großen Beliebtheit scheint der Betreffende sich übrigens in seiner jetzigen Stellung nicht zu erfreuen, wenn man den Klagen der ihm untergebenen Beamten Glauben schenken darf uud es wahr ist, daß man demselben am jüngsten Purimfeste offenen Widerstand leistete. Viel Kopfzerbrechen macht unserem geistlichen Hirten die Concurrenz der neuen Synagoge; man möchte deren Rabbiner so gern etwas am Zeuge flicken, hat aber trotz aller Verhandlungen mit unserer obersten Staatsbehörde nicht vermocht, denselben in seiner Thätigkeit zu hemmen, namentlich ihm die Vornahme von Copulationen zu verbieten. Der wohlweise Senat hütete sich wohl weislich und ging nicht in die Falle, in welche er schon einmal bei der bekannten Schächteraffaire gerathen war, die ihn in Conflict mit dem Collegium der Bürgerschaft brachte und ihm eine Entschädigungsklage zuzog, welche noch nicht erledigt ist und nächstens zur entgültigen Entscheidung an das Reichsgericht nach Leipzig gelangen wird. — Der kürzlich neugewählten Bürgerschaft gehören achtzehn jüdische Mitglieder an, eine dem Procentsatze nach sehr hohe Zahl; manche von ihnen werden uns mehr Schaden als Vortheil bringen. So wird einer von ihnen bei der demnächst stattfindenden Verhandlung über die Kirchhofsfrage gegen die Bewilligung eines eigenen Begräbnißplatzes an die israelitische Gemeinde sprechen und gestützt auf die Verhältnisse in Belgien bestreiten, daß das Religionsgefitz eine Trennung verlange. Es ist zu erwarten, daß die Mehrheit sich dennoch zu Gunsten der Vorlage im Sinne der Commission erklären wird, allein das Wort des Propheten Jesaias bleibt ewig wahr: IKr *|ÖÖ ‘■pT'-in&l "pDiniÖ Stuttgart, 8. März. (Or.-Corr.) Am 24. v. M. trug die bekannte Frau Lina Glitz-Hohenfels das neueste Schauspiel von Paul Lindau: „Gräfin Lea" in hiesigen Kunstkreisen vor, ein Drama mit apologetischer Tendenz. Dasselbe geißelt in schönen Zügen de Vorurtheile der aristokratischen Gesellschaft gegen die Bekenner des Judenthums und bildet in Anbetracht des sich mehr und mehr verbreitenden Antisemitenthums eine Apologie des Judenthums. Das Zusammentreffen beider Parteien wird natürlich durch eine Mischehe zwischen einem Adeligen und der Tochter eines jüd. Gläubigers veranlaßt, und repräsentirt diese Gräfin Lea einen ächt weiblichen und schönen Charakter, welcher alle anderen Personen durch ihren Edelmuth beschämt. Die Aufführung des Drama's in größeren Theatern dürfte die besten Folgen für unsere sociale Besserstellung haben. In der Preffe Württembergs wurde von judengehässiger Seite eine kleine Broschüre: „Vampyre und das Wucherjudenthum" oft und eingehend empfohlen, die schon große Verbreitung gefunden und den israel. Geschäftsleuten schon manche Unannehmlichkeiten bereitet hat. Dieselbe enthält besonders große Fälle von Wucher, der durch Juden verübt worden sein soll, und wendet sich auch gegen das vom israel. Gemeindebund herausgegebene Flugblatt: „Hat das Judenthum dem Wucher Vorschub geleistet?"*) Der Verein „Schochartob" in Niederstetten beging vor einigen Woch.n die Feier seines 10jährigen Bestehens. Der Verein stellt sich zum Zweck, bildendes Wissen, insbesondere religiöse Erkenntniß in aufgeklärtem Sinne mit der Parole: Tugend, Moral und Sittlichkeit zu verbreiten. Der Stifter des Vereins ist der in so unrühmlicher Weise bekannt gewordene Rabbiner in Buttenhausen, mit dem der hies. iSr. Oberkirchenrath sich wiederholt beschäftigen mußte. Oesterreich-Ungarn. Oz. Krakau, 7. März. (Or.-Corr.) Der geehrte Herr Korrespondent aus C 0 b l e n z hat im Interesse der Alliance in Rr. 10 Ihrer gesch. „Wochenschrift" den Wunsch ausgesprochen, es möchte sich irgend eine befähigte Persönlichkeit der Aufgabe unterziehen, die auf jüdische Verhältniffe Bezug habenden Reden Cremieux', sie seien juridischen oder politischen Charakters, zu ediren, wodurch der Alliance die Möglichkeit zur Beschaffung einer Cremieux-Stiftung entwachsen könnte. Ich bin nun in der erfreulichen Lage den Lesern dies. Bl. mittheilen zu können, daß dieser wohlgemeinde Wunsch durch unseren und auf literarischem Gebiete wohlbekannten Rabbiner Herrn Dr. Duschak zur Erfüllung gelangen dürfte. Dieser hat nämlich am 15. v. M. unmittelbar nach abgehaltenem feierlichen Trauergottesdienste für den sel. Cremieux der versammelten Gemeinde im Tempel einen Cyclus von Vorträgen in Aussicht gestellten über drei das Judenthum betreffende Reden Cremieux' rc. 1) Die Aufhebung des Eides Nore juäaieo 2) Die Emancipation der Juden. 3) Die Emancipation der Frauen betreffend. Tags darauf ließ auch unser löblicher Vorstand an die Gemeinde die öffentliche Einladung ergehen, dieselbe möge sich zum Zwecke des ersten Vortrages am Sabbath KiPD ■’D Nachmittags im Tempelsaale einfinden. Herr Rabbiner Dr. Duschak hat durch diesen Vortrag die Erwartungen sdes zahlreich erschienenen Auditoriums übertroffen. Namentlich interessirte die wissenschaftlich und talmudisch gebildeten Zuhörerschaft die dieser ersten Rede vorausgeschickten Einleitung, in welcher Herr D. reiche talmudische und altgefchichtliche Quellenstudien verrieth. Wie wir vernehmen, soll nächsten Samstag (ttHinn 'S) die zweite Rede (über Emancipation der Frauen) für wohlthätige Zwecke zum Vortrage gelangen. Ich erlaube mir daran den Wunsch zu knüpfen, die Alliance möge durch materielle Mittel Sr. Ehrwürden Rabb. Dr. Duschak zur Drucklegung der erwähnten drei Reden Cremieux' mit den dazu gehörigen kritischen Anmerkungen und der vortrefflichen gelehrten Abhandlung als Einleitung verhelfen. Budapest. Im Abgeordnetenhause kam diese Woche die Angelegenheit des „Ungarisch-Israelitischen Landschulfonds" zur Verhandlung. (Wir berichten darüber in nächst. Nr.) Es dürfte von Interesse sein, daran zu erinnern, daß dieser Fonds sein Entstehen einer Strafcontribution verdankt, welche der grimmige Haynau den beiden Judengemeinden in Pest und Altofen wegen „ihres wahrhaft schändlichen und gesetzwidrigen Benehmens im Allgemeinen, insbesondere aber durch mehrere Unterstützung und Begünstigung der Rebellen" am 19. Juli 1849 auferlegt hatte. Die Strafrequifition hatte zu bestehen in: 40,000 Stück Infanterie-Mänteln, 8000 Stück Cavallerie-Mänleln, 40,000 Stück Jnfanterie-Pontalons, 16,000 Stück Cavallerie-Pantalons, 12,000 Stück Cavallerie-Ueberzughosen, 60,000 Paar deutschen Schutzen, 20,000 Paar ungarischen Schuhen, 15,000 Paar Halbstiefeln, 60,000 Stück Hemden, 60,000 Gatyen, 20,000 Stück Halsbinden, 16,000 Halsflören, sämmtlich im fertigen Zustande. Ferner in 16,000 Ellen graumelirtem Tuch, 30,000 Ellen weißem Tuch, 8OO Centner Solenleder, *) Sollte da nicht wieder eine jüdisch »denunciatorische Hand im Spiele sein? (Red.)