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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-03-17 · N° 12. (17.3.1880) · p. Seite 104

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 12. (17.3.1880)
Date
1880-03-17
Page
Seite 104 (sequence 2)
Language
German
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— 104 — Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Magdeburg. Ueber das jüngste skandalöse Auftreten Stöcker's schreibt die „Magdeb. Zeit." wie folgt: Bei den Christlich-Socialen war am vergangenen Freitag unter Vorsitz des Herrn Stöcker wieder einmal ein besonders anziehender Unterhaltungsabend. Das angekündigte Thema: „Der König Hiskias, die Berliner Volksschule und die Fortschrittspartei," konnte ja auch seine Zugkraft nicht verfehlen; war doch jeder einzelne Theil dieses dreifachen Menu's an sich schon dazu geeignet, eine solche auszuüben. Für Herrn Stöcker, der über Alles spricht, war es natürlich eine Kleinigkeit, dieses vielumfassende Thema in der kürzesten Zeit erschöpfend zu behandeln. Nachdem er es in gebührender Weise als sein Verdienst hervorgehoben hatte, den schon vergessenen König Hiskias seinen Zeitgenossen wieder in Erinnerung gebracht zu haben und längere Zeit bei der ausführlichen Schilderung der Krankheit des Königs und der demselben widerfahrenen Errettung verweilt hatte, wurde „das Berliner Volksschulwesen" in einigen wenigen, aber um so kräftigeren Sätzen erledigt, von denen wir als besonders charakteristisch nur den einen hervorheben: „Die Klassiker gehören nicht in die Volksschule." Glücklicherweise ist Herr Stöcker vorläufig noch nicht Cultusminister und darum steht ja zu hoffen, daß unsere Kinder in der Volksschule vorläufig außer vom König Hiskias und ähnlichen Wundererzählungen auch noch etwas von den Heroen unserer Literatur, von Schiller und Goethe, erfahren werden. Je schneller die beiden ersten Theile des Thema's erledigt wurden, um so eingehender verweilte Herr Stöcker bei der Fortschrittspartei, die er in ihren Bestrebungen als identisch mit dem Judenthum charakterisirte. Wir haben lange etwas Oberflächlicheres und dabei Anmaßenderes nicht gehört, als diese Tiraden, in denen Herr Stöcker über die judenfreundliche Gesinnung der Fortschrittspartei sich erging. Nebenbei boten ihm die in einer angeheiterten Fastnachtsgesellschaft vorgekommenen Ungehörigkeiten eine willkommene Veranlassung, über „die feinen Juden" und „feinen Jüdinnen" Berlins in geifernder Rede sich zu ergehen. Nachdem er selbst fast eine halbe Stunde den Zusammenhang und die Solidarität der Fortschrittspartei mit dem Judenthum erörtert hatte, entzog er einem Redner, der die gegen die „feinen Juden" erhobenen Anklagen mit der Bemerkung zu entkräften suchte, daß die von Herrn Stöcker berührte Verspottung der geistlichen Amtstracht in der erwähnten Fastnachtsgesellschaft nicht von einem Juden, sondern von einem Christen, und zwar einem katholischen, ausgegangen sei, das Wort, indem er sich darauf berief, daß „die Judenfrage" nicht zur Discussion stehe, ohne von der doch in der That erheblichen Berichtigung auch nur Notiz zu nehmen. Wenn ein Hosprediger aus einem unziemlichen und ungehörigen Scherz eines jungen Menschen Veranlassung nimmt, solche Urtheile, wie das folgende, zu fällen: „Nach jener Eulenspiegelei wird kein Mensch mehr im Zweifel sein, daß ein großer Theil des feinen, modernen Judenthums noch ordinärer ist als seine Presse" — wenn er für den puerilen Scherz eines Einzelnen eine ganze Klasse von Mitbürgern verantwortlich macht, so ist das eine so unverantwortliche Leichtfertigkeit, daß er sich nicht wundern kann, wenn grade durch solche Provocationen eine Erbitterung hervorgerufen wird, die sich dann leider nicht immer blos gegen die Person des Agitators, sondern gegen den ganzen Stand, dem er angehört, wendet. Wer so, wie er es thut, der liberalen Presse ohne Unterschied „Verlogenheit und Unredlichkeit" vorwirft, wer in seinen Ausdrücken über die Gegner so w.nig wählerisch ist, der hat kein Recht, sich zu beschweren, wenn ihm mit gleicher Münze gezahlt wird. Es unterliegt für uns keinem Zweifel, daß grade durch sein Auftreten, so weit es nicht d.r Lächerlichkeit anheim fällt, dem Christenthum und der Religion viel mehr geschadet als genützt wird. (Wie wir erfahren, hat der betreffende katholische Herr, der nunmehr auch selbst seiner Parodirung der Kanzelgebräuche wegen gerichtlich vernommen ist, seinerseits gegen Herrn Stöcker durch den Rechtsanwalt Herrn Munkel Strafantrag wegen öffentlicher Beleidigung stellen laffen und zwar wegen der vielfachen beleidigenden Aeußerungen, welche Herr Stöcker in der vorerwähnten Versammlung der christlich-socialen Partei gegen ihn wegen jener Affaire bei dem Fest des Vereins „Eulenspiegel" gethan hat. Red.) Neumark (W.-Pr.) Auf die Petition, die der Cantor und Lehrer Herr Rosenthal von hier an das Abgeordnetenhaus und den Cultusminister um Gleichstellung der jüd. Cultusbeamten mit den entsprechenden christlichen gerichtet hatte, erhielt derselbe von Letzterem und von Ministern des Innern folgenden — wie vorauszusehen „abschläglichen" — Bescheid: „Berlin, den 17. Januar 1880. Auf die Vorstellung vom 15. December pr. eröffnen wir Euer Wohlgeboren und den übrigen Unterzeichneten derselben, daß nach der, den landesgesetzlichen Bestimmungen zu Grunde liegenden Auffassung, die Synagogengemeinden nicht als Kirchengesellschaften, ihre Cultusbeamten daher auch nicht als Beamte von Kirchengesellschaften angesehen werden können und daß zur Herbeiführung einer Aenderung der gesetzlichen Bestimmungen, insbesondere der §§. 51 und 52 des Gesetzes vom 23. Juli 1847 (Ges.-S. S. 263) ein ausreichender Grund nicht vorliegt. Der Minister der geistlichen, Der Minister des Innern. Unterrichts- und Medicinal- In Vertretung: Angelegenheit. (gez.) Starke. (gez.) Puttkamer. Berlin, 10. März. (Or.-Corr.) Der Louisenstädtische Brüderverein Ahawath Reim hat auf Grund seiner Petition beim Vorstande der jüv. Gemeinde jetzt eine Subvention von 1200 Mk. p. a. (anstatt 600 Mk. wie bisher) bewilligt erhalten. Obwohl außerdem der Beitrag der Mitglieder von 18 Mk. auf 24 Mk. jährlich erhöht worden ist, wird man sich dennoch sehr knapp einrichten müssen. Auf den ständigen Prediger (Di*. Jotzl) wird der Verein verzichten und sich darauf beschränken, nur zu den hohen Festtagen einen Prediger zu engagiren. Zu diesem Zwecke hat Herr vr. Meyer (Redacteur der „Jüd. Presse") dem Vereine seine Dienste gegen billiges Honorar angeboten und wird derselbe, da er nicht so orthodox sein soll, wie er in seinem Blatte zu schreiben pflegt, nächsten Sabbath zu einer Probepredigt zugelassen werden. Auch im „jüdischen Frauenverein für die Louisenstadt" war viel Leven. Derselbe veranstaltete zu Purim eine Lotterie und sind in 14 Tagen 2000 Loose, ü 0,50 M.. abgesetzt, auch fast alle Gewinne geschenkt worden, so daß wir dadurch baare 800 M. eingenommen haben. Sperenberg, (Mark Brandenburg). Ueber das jüdische Leichen-Begängmß, welches kürzlich hier unter Theilnahme eines evangelischen Geistlichen stattgefunden hat, und wogegen unser Pastor Mücke eine „Erklärung" in der „Kreuzzeitung" erläßt, in welcher er dieses merkwürdige Beispiel von Toleranz tief beklagt, wird Folgendes mitgetheilt: Es handelte sich in dem vorliegenden Falle um die Bestattung des verstorbenen Ortsvorstehers R., welcher dreißig Jahre lang in Sperenberg gewohnt, lange Jahre das Amt des Ortsvorstehers bekleidet und sich stets der größten Achtung seiner Mitbürger erfreut hat. In wie hohem Maße das Letztere der Fall gewesen, geht daraus hervor, daß, nachdem Herr R. gestorben war und an anderem Orte auf einem israelitischen Friedhofe begraben werden sollte, an die Hinterbliebenen von der ganzen Stadtgemeinde die Bitte erging, den Verblichenen doch an jener Stätte zur Ruhe zu betten, wo derselbe so segensreich und unter so allgemeiner Anerkennung gewirkt. Als nun die Angehörigen diesem Wunsche nachgaben, folgte dem Sarge nach dem christlichen Friedhofe nicht blos die ganze Gemeinde Sperenberg, sondern auch eine Deputation der Militairbehörden vom Schießplatz bei Knmmersdorf. Der evan-

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