Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 11. (10.3.1880)
- Date
- 1880-03-10
- Page
- Seite 100 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 100 — Vermischte und neueste Nachrichten. Magdeburg. Wohl selten haben wir die Bezeichnung „getaufter Jude" mit solcher Genugthuung gelesen, als in der Depesche aus „Petersburg" über dar Attentat auf Loris- Melikoff. Wir haben dabei an den Midrasch gedacht, der die Gegenüberstellung der 10 Gebote auf den beiden Tafeln deutet: „Wenn das „Ich bin der Herr Dein Gott" nicht heilig ist, dann gilt auch daS gegenüberstehende: Du sollst nicht morden! nichts." Berlin. Die Vertretung der hiesigen jüdischen Gemeinde läßt gegenwärtig bei Gelegenheit der Beilragseinziehung eine statistische Aufnahme ihrer Mitglieder nach den verschiedenen Berufszweigen vornehmen. R. Gotha. Die Toleranz ist groß geworden — der Jude kriegt den Christusorden. — Der (nochisraelitische) Bankier Stephan Lenheim hier hat vom König von Portugal das Commandeurkreuz des Christus-Ordens — Witzbolde sagen, es wird wohl der „Erlöser-Orden" sein — mit dem Stern erhalten. Die Regierung hat ihm laut Regierungsblatt gestattet, sein Kreuz zu tragen; was aber wird Stöcker sagen? Buttenhause«, 29. Febr. In einer Note zu meiner Berichtigung in Nr. 9 der „Jsr. W." heißt es, daß drei der verhafteten hiesigen Israeliten gar nicht vor der Synagoge gestanden seien und sich daher unschuldig in Untersuchungshaft befunden hätten. Es ist aber nunmehr durch Zeugen nachgewiesen, daß auch die drei, welche bald nach der Verhaftung entlaffen wurden, außerhalb der Synagoge standen und schrien. Auch sind dieselben nicht ganz freigegeben worden, sondern nur aus der Untersuchungshaft entlasten worden. Von einer falschen Denunciation kann daher keine Rede sein. Rabbiner Stern. (Ist denn aber selbst eine u n f a l s ch e Denunciation eine eines Seelsorgers würdige Handlung? Red.) Brandenburg. Bei dem hiesigen Amtsgericht wird in der nächsten Zeit ein recht curioser Prozeß zur Verhandlung kommen. Es hat nämlich bei einem Streit Jemand einen Anderen „Sie Stöcker" genannt. Dadurch erklärt sich, wie wir dies ziemlich begreiflich finden, der Kläger für beleidigt. Ems. Am Sabbath vor Purim hat der hiesige Bezirksrabbiner Or. Hochstädter in einer Predigt auf die humane Wirksamkeit des ffel. Cremieux hingewiesen, er war gleich Mordechai „bei den meisten seiner Glaubensbrüder beliebt," (JYiK 2T"6 '12^) wenn auch eine gewiste orthodox sich nennende Clique nicht damit übereinstimmte. Brünn. Die Generalversammlung der Delegirten zur Verwaltung des mährisch-jüdischen Landesmastafonds wird Montag den 23. März im Locale der jüdischen Cultusgemeinde in Brünn stattfinden. In Mieletz (Galizien) starb dieser Tage die Frau Rebecka Storch in dem seltenen Alter von 120 Jahren, nach nur Zlägiger Krankheit. Sie war bis dahin recht rüstig, bei klarem Verstand, ging nicht gebückt, trug keine Brille, und hatte einen guten Appetit; man sagte schon seit Jahren, der Todesengel müßte sie ganz vergesten haben. Paris. Am 16. Februar starb hier, 67 Jahr alt, Dr. Handvogel, der aus Polen als Bocher eingewandert, ein tüchtiger, beliebter Arzt geworden und vom Consistorium zum Inspektor des Mohelim ernannt worden war. Als tüchtiger Schachspieler war er oft Partner eines Advokaten — des jetzigen Präsidenten Grsvy. (Arch. isr.) Venedig. Herr David Cutti fu Guiseppe Vita, der am 10. December gestorben ist, hat sein Vermögen, mehr als 1I3 Million Lires, der Stadt Venedig hinterlaffen, mit der Bedingung, daß 1ja der Summe zur Unterstützung armer Israeliten verwendet werde. (Arch. isr.) Algier. Während des am 13. Februar in der großen Synagoge zu Ehren Crsmieux's gefeierten Trauergottesdienstes, zu welchem die Civil- und Militärbehörde erschienen waren, waren die Geschäfte der Israeliten geschlosten und trugen an den Thüren eine Karte, die schwarzgeändert den Namen Cremieux zeigte. Der Trauerfeier in Bona wohnten mehr als 400 Personen bei. Am selben Tage wurde in den Synagogen Oran's und der zugehörigen Gemeinden daS Andenken des großen Todten gefeiert. — Wegen durch 30 Jahre bethätigter Wohlthätigkeit, ist der Municipalrath Algier's, Herr Haim Cohen Solal, zum Ritter der Ehrenlegion ernannt worden. (Arch. iSr.) In Rumänien ist eine neue Qual für die Juden ersonnen worden. In kleineren Städten hat man ihnen verboten, daS trefe Fleisch zu verkaufen, und macht ihnen so das koscher Schlachten fast unmöglich. (Hazefira.) Konstantillopkl. Hier wurde zum Andenken an Cr 6mieux ein feierlicher Trauergottesdienst abgehalten. Bei demselben waren die beiden Großrabbiner und bei dreißig Rabbiner der Spanisch-Jüdischen Gemeinde anwesend, welche abwechselnd die Gebete und Trauergesänge verrichteten. Der Chor wurde von der Schuljugend besorgt, welche, von ihren Lehrern begleitet, vollzählig erschienen war. Der Französische Gesandte Monsieur Fournier war mit zwei Attaches erschienen, außerdem war die Crsme der französischen Colonie, sowie der Spanisch-Jüdischen Gemeinde und fast alle Mitglieder Alliance Isra41ite zugegen. Jerusalem. Das hebr. Blatt „Habazeleth" behauptet ganz trocken, daß der Widerstand des Hauses Holländer et Lehren im Amsterdam gegen Schulen in Palästina in der Furcht begründet ist, daß sein Handel dorthin dadurch Einbuße erleiden würde. Wir nehmen die Notiz auf, um Bekämpfung ev. Begründung hervorzurufen. — Die in ihrem Feuilleton gebrachte Erzählnng „Der Rabbi und der Vagabond" findet viel Anerkennung. Ein in Jerusalem erscheinendes Blatt übersetzt es ins Hebräische. Feuilleton. Rabbi und Vagabond, oder: Schuld und Sühne. Historisch-romantische Erzählung von Ad. v. Zemlinszky. „In einem kleinen Städtchen fern von Fl orianow, jenseits der Grenze, lebte ich nur wenige Zeit glücklich mit Deborah. Ein Töchterchen, ganz ihr Ebenbild, erhöhte unser Glück, das nicht von Dauer sein sollte, weil es auf Sünde sich aufbaute. Eines Tages, während ich über Land war, traf ein Brief von Fl orianow ein. Deborah meinte, er käme aus ihrem Elternhause, der Vater habe vielleicht verziehen, sie dürfe heimkommen: Sie öffnete ihn hastig, aber o weh, er war von meiner Frau, die meinen Aufenthalt ausfindig gemacht hatte. Sie bat mich, ihr etwas Geld zur Fristung ihres und ihres Kindes Leben zu senden, sie litten bittere Nolh und lebten von den Gaben der Gemeinde, die der Rabbi Josua ihr wöchentlich bringe. Deborah war, nachdem sie den Brief gelefen, ohnmächtig geworden. Als ich Abends heimkam, fand ich sie ganz verändert, ja abstoßend gegen mich. Sie reichte mir stumm den Brief hin und erklärte mir mit fester Stimme, daß sie im Hause eines „Verbrechers" nicht länger weilen könne. Ich war starr vor Schrecken und sah des Himmels Strafgericht über mich hereinbrechen. Deborah verließ mich mit ihrem, mit unserem Kinde. Wohin sie sich wandte, wollte sie mir nicht verrathen, sie sprach nicht mehr mit mir, schrieb mir auch nie. Ich weiß nicht, was aus ihr, was aus unserem Kinde geworven. Ich litt unsäglich. Ein Ausweg blieb mir noch. Ich schrieb an Rabbi Josua; ich wollte zu ihm kommen, er solle den Scheidungsacl von meiner Frau vornehmen, ich könnte ohne Deborah nicht leben. Er wollte von dem „Mörder" seines Familienglücks nichts wissen. Da erfaßte mich Verzweiflung. Ich ging nach Florianow, verlangte Einlaß beim Rabbi. Ich wurde abgewiesen. Rachedürstend