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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-03-10 · N° 11. (10.3.1880) · p. Seite 99

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 11. (10.3.1880)
Date
1880-03-10
Page
Seite 99 (sequence 5)
Language
German
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selbst die Fehler der Deutschen, ihren exclusiven Geist (trotz seines unbestreitbaren weiten Gesichtskreises) ihre Vertrauensseligkeit, ihre Eigenheit, alles auf die Wege einer pedantischen Reflexion zu legen und ihre Antipathie gegen rasche Entschlüsse und rasche Handlung angenommen habe. Endlich erklärt Grätz mit Fichte, Schopenhauer. Feuerbach und vielen Anderen, daß das Christenthum zwischen sich und der Vernunft eine Kluft gehöhlt habe und indem er den jüdischen Deismus über jede andere Religion setzt, sieht er in den getauften Juden Ueberläufer, welche die lebendige Quelle verlassen hatten, um sich an stagnirenden Gewässern zu sättigen. Das sind im Großen und Ganzen die Verbrechen, welche einem Geschichtsschreiber, einem Gelehrten, einem Denker von höchstem Verdienste eingetragen haben. Ein nicht minder bedauernswerthes Faktum ist es nach meiner Ansicht, daß ein Mann von diesem Werthe fast ganz von seinen Glaubensgenossen selbst im Stich gelassen wird. Unter den israelitischen Broschüren kenne ich nur eine von Nadyr (Offener Brief an Herrn v. Treitfchke) welcher freimüthig die Vertheidigung dieses muthigen Schriftstellers gegen seine Ankläger übernommen hat. Louis Bamberger, welcher in der „Deutschen Revue" sehr geschickt die ganze Judenfrage auf eine deutsche Klopffechterei reducirt, glaubte sich auch verpflichtet seinen Bruder in Abraham mit so wenig politischem Allüren als einen excentrischen zubehandeln. Der Herr Professor in Marburg, selbst ein Freidenker, ein Schüler von Steinthal, Lazarus und auch von Grätz, treibt die Taktik des Verläugnens so weit, daß er in einer Broschüre „Ein israelitisches Bekenntniß" ausruft: „Es ist ein Unglück, daß ein jüdischer Geschichtsschreiber eine so schreckliche Perversität in Gefühle und Gedanken hat zeigen können!"*) Zur Ehre des autochthonen Publikums muß ich sagen, daß es ein gerechteres Urtheil über den großen Historiker des Judenthums fällt. Keiner hat mehr Verständniß und Geschmack, als der Deutsche von reinem Blute, für diese subtilen und ganz modernen Fragen der Völkerpsychologie. Ich sehe es in gleicher Weise lächeln zum oratorischen Uebermaß seines germanischen Kämpfers im Namen, und mit dem Wortschwall und der Physiognomie eines Slaven, wie zur zweideutigen Taktik der israelitischen Apologeten, wenn diese sich anstrengen, sich royalistischer als der König zu stellen d. h. deutscher als die Deutschen selbst. Streit mit den Juden zu suchen, aus reiner Rayenantipathie, ist eine zu schwierige Rolle, um sie für die Dauer würdig zu behaupten. Treitfchke, der sich offenbar unbesonnen und aus reiner Teutomanie in diese Arena des neuen Kulturkampfes gestürzt hat, sah sich bald gezwungen zu anderen Argumenten zu greifen, als zu denen der Völkerpsychologie, um seinen Lärmschrei: „Die Juden sind unser Unglück" zu rechtfertigen. Von Artikel zu Artikel ist er, der liberale Redner und Publicist, dahin gelangt, die Sprache der Klerikalen, Conservativen und der Christlich-Socialen zu sprechen. Noch ein wenig und er wird mit ihnen die Herstellung des christlich-germanischen Staates verlangen. — — — —- Nach Allem muß man vielleicht den Israeliten gratuliren, daß Einer es gewagt hat, das letzte Wort der antisemitischen Bewegung auszusprechen. Es ist nicht unmöglich, daß Treitfchke selbst, wenn er die Consequenzen seines Lärmschreis bemerken wird, zur Einsicht gelangt, daß er sich in eine Sackgasse verrannt hat, in welcher für einen Mann seinesgleichen es nichts weiter zu gewinnen giebt, als Gehässigkeit und Lächerlichkeit. Palästina. Jerusalem, 4. Februar. (Or. Corr.) Der Winter ist dieses Jahr sehr hart für die heilige Stadt. Vor vier Wochen hatten wir einen unerhörten Schneesall, der glücklicher Weise nur wenige Tage anhielt. Darauf fast fortwährender Regen! *) Der Herr Korrespondent überschätzt offenbar die Bedeutung Hermann Cohen's. In bekannten Kreisen gilt er als ein Wirrkopf, der anstatt Gedanken hohle Phrasen zu Tage fördert. Kant würde sich einen solchen Jünger verbeten haben. (Red.) Seit acht Tagen weht bei fünf Grad Tageswärme, die bei Nacht unter Null herabsinkt, ein schneidender Nordostwind, eine wahre Pein für eine armselig gekleidete und noch armseliger ernährte Bevölkerung. Von einer Erwärmung durch Oefen kann, natürlich nur bei Ausländern die Rede sein. Hier gestatten sich nur die Wohlhabenden ein kleines Kohlenbecken mit sehr problematischem Erfolge. Die Mehrzahl ist froh, wenn sie ihre arabischen Kochherde genügend versorgen können. Das sind thönerne Urnen, deren oberer, zum Aufsatze des Kochgefäßes bestimmter Rand mit Luftlöchern versehen ist, während der innere Raum die Feuerung aufnimmt. Da diese Gefäße selbstverständlich leicht transportabel sind, so wird jeder beliebige Platz, am liebsten der Hof als Küche benutzt. Aber jetzt handelt es sich leider nicht sowohl darum, was man in diesen primitiven Kochapparat hineinthut, als daß was man daraufstellt. In einem Lande, wo die Kartoffeln ein Luxusartikel sind, der Centner stellt sich jetzt auf 10—12 Mark, richten sich alle Preise mehr als anderswo nach denen des Getreides, und dies hält sich seit mehreren Jahren auf der dreifachen Höhe der Normaljahre. Dennoch bewährt sich die Mäßigkeit sowie die Wohlthätigkeit unserer Glaubensgenossen in diesem auf's beste verleumdeten Lande auf's Glänzendste. Denn auch der Aermere weist den Bittenden nicht ohne Gabe von seiner Thüre, und so lange der Nachbar noch einige Piaster in der Tasche hat, braucht der Nothleioende den Mangel nicht zu fürchten. Die deutschen Juden sind durch die ausländische Beisteuer vor Noth geschützt, die spanischen richten sich mit orientalischer Frugalität nach ihren Mitteln, die Russen unterhalten eine, zumeist durch Gaben aus ihrer Heimath gestützte Volksküche, in der täglich etwa 80 Personen gespeist werden. Der Preis ist Wochentags 1 Piaster (15 Pf.) und Sabbaths 2; dem Bedürftigen wird die Zahlung nachgesehen, den Kranken und verschämten Armen die Speise ins Haus geschickt. Leider sind die Mittel dieses Vereins, den Frau Hannah Jaffa mit großer Aufopferung leitet, nicht ausreichend, aber eS wird doch der äußersten Noth gesteuert; dagegen sind die Moghrabim oder Nordafrikanischen Juden zum Theil dem äußersten Elende preisgegeben. Die Moghrabim zählen zur Gemeinde der Sephardim, von denen sie, als ihren Antheil der ausländischen Beisteuer monatlich 1600 Piaster (ca. 240 M.) beziehen. Davon erhallen ihre Chachamim freilich den Löwenautheil (1350 P.) Außerdem gewährt man ihnen 1000 Frcs zu Mazzah. sowie unentgeltliche Beerdigung der Armen. Von extra-Gaben ist ihr Antheil 16 pCl., dagegen haben sie von den Erträgen ihrer eigenen afrikanischen Sendboten 10 pCt. zu entrichten. Diese Einnahme soll sich auf ca. 4000 Frcs. jährlich belaufen, wovon der größere Theil ohne Zweifel der Aristokratie zufällt. Da nur etwa ein Drittel von ihnen wohlhabend, der Rest zum Theil arm aber arbeitsfähig, zum Theil aus gänzlich mittellosen Greisen, Weibern und Kindern besteht, so erhellt, daß sie nicht im Stande sind, ihre Nothleidenden über Wasser zu halten. Nicht daß sich die Reicheren ihrer Pflicht entzögen. Einzelne, wie R. Mimon Amuel, steuern bis 5000 Frcs. jährlich bei; aber es handelt sich jetzt darum, an 400 Seelen täglich zu speisen. Ich habe ihr, von dem jüngst dahingeschiedenen David den Schimon, der mit Recht ein Vater der Armen genannt wurde, erbautes Pilgerhaus besucht. Ich habe sie in ihren dunklen Löchern ohne Feuer, ohne Licht kraftlos auf dem Stroh liegen sehen, ein herzschneidender Anblick, den ein schnell entzündetes und in tue düstere Behausung hineingehaltenes Schwefelholz gewährte. Und diese Leute waren mit hinreichenden Mitteln hergekommen, um ihre Tage in Frieden auf dem heiligen Boden zu beschließen. Aber sie ließen sich gleich ihren klügeren Völkern in Europa durch den hohen Zinsgenuß verleiten, ihr Geld in türkischen Fonds anzulegen, und sie sind jetzt rettungslos verloren; es sei denn unsere Brüder im Westen erbarmten sich ihrer noch rechtzeitig.*) Aber schon jetzt fordert der unerbittliche Tod zahlreiche Opfer aus ihren Reihen. *) Wir erklären uns bereit, Gaben für dieselben zu übermitteln. (Red.)

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