Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 11. (10.3.1880)
- Date
- 1880-03-10
- Page
- Seite 98 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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98 — den Charakter und die Verdienste des edlen Verblichenen, § Man merkte, daß der Redner selbst tief ergriffen war von ' dem Verluste, der von der ganzen Judenheit empfunden wird, und dieses machte auf die Zuhörer einen mächtigen Eindruck. Zum Schluffe wurde die Gemeinde aufgefordert, das Andenken Cremieux durch eine zahlreiche Betheiligung an deffen Lieblingswerk der „Alliance Jsraelite Universelle" für immer zu ehren und blieben diese Worte zu solcher Zit und zu solcher Gelegenheit gesprochen nicht ohne Erfolg. Am andern Tage ließen sich 12 neue Mitglieder in die Alliance aufnehmen und stehen weitere Anmeldungen in hiesiger Gemeinde in Aussicht. Dank darum den unermüdlichen Bestrebungen unseres verehrten Herrn Rabbiners, deffen Wirksamkeit seit Jahren darauf gerichtet ist, Sinn für Wohlthätigkeit in der Gemeinde zu wecken und Religiosität verbunden mit allgemeiner Menschenliebe in das Herz Aller zu pflanzen! Oesterreich. Wien. (Or.-Corr.) Der Abgeordnete Rabbiner Schreiber aus Krakau hat kurz vor Purim seine Gemeindemitglieder durch lithographite Cirkuläre verständigt, daß er mit Rücksicht auf den strengen diesjährigen Winter aus die Purimgaben zu Gunsten der Armen verzichte. Gewiß ein sehr schöner Zug, nur schade, daß er — erfunden ist. Ein Spaßvogel hat in feinem Namen die Cirkuläre, von welchen Einsender selbst eins gelesen, herumgescbickt und der Herr Rabbiner halte am Tage vor Purim, als er zu Hause eintraf und von der Sache hörte, die Hände voll zu thun, durch seine „Schamoffim" die Wiederherstellung des früheren Minhag zu bewirken. H. Aus Mähren, 12. Febr. (Or.-Corr.) Aus Kostet wird berichtet, daß dort drei orthodoxe Gemeindemitglieder sich confeffionslos erklärt haben, um von der Entrichtung der ihnen lästig gewordenen Cultussteuer befreit zu sein, welchem schönen Kidusch haschem verursachenden Beispiele noch andere zu folgen gedenken. Bemerkt muß werden, daß Kostet fast die einzige orthodoxe Gemeinde in Mähren ist, in der weder Choralgesang noch deutsche Predigt Eingang gefunden haben. Wir haben also eine neue Secte oder Fraction im Judenthume: „Confeffionslose Orthodoxen." Proßnitz, den 1. März. (Or.-Corr.) Der herbe Verlust, den das Judenthum durch das Ableben seines größten Vertheidigers „Crsmieux" erlitten, und dem Sie in den NNr. 8 und 9 Ihrer „Jsr. Wochenschrift" solch' warm empfundene Worte verliehen, hat auch in den Herzen der österreich. Juden einen lauttönenden Nachhall gefunden. In Pest fand ein erhebender Trauergottesdienst im schwarz drapirten Tempel statt, 12 Wohlthätigkeitsvereine nahmen mit ihren Trauerfahnen um das Almemor Aufstellung. Herr Rabbiner Dr S. Kohn hielt die Trauerrede, worin er geistvoll schilderte, was Crsmieux für die Franzosen und was er für die Juden gewesen. — Auch in unserer Gemeinde hielt Herr Rabbiner Dr. Hoff eine treffliche Gedächtnißrede, das Thema war ganz entsprechend dem von Ihnen gemachten Vorschläge: „Haman und Mordechai in der Vergangenheit und Gegenwart".*) — Gleichzeitig berichte ich, daß hier vor einigen Wochen eiu armer, aber würdiger Glaubensbruder im Alter von 10 8 Jahren starb. Der Verblichene, der ein Hausirer war, erfreute sich bis kurz vor seinem Tode des Wohlseins und war noch in seinem 104. Jahre sehr rüstig. Erstarb in demselben Hause, in welchem er vor 108 Jahren geboren wurde, und in welchem er immer wohnte. Frankreich. Paris, Februar 1880. Die französische Journalistik registrirt alle Thorheiten, welche die Judenfeinde in Berlin begehen und überhaupt edle Stimmen, die sich pro und contra in dieser Angelegenheit erheben und beleuchtet sie mit dem grellen Lichte ihrer Malicen. Mag Treitschke Frankreich zu einem Staate zweiten Rangesdegradiren, die Augen der ge- *) Auch aus Eibenschitz und Werschetz erhalten wir Berichte über Trauergottesdienst zum Andenken an CGmieux. (Red.) bildeten Welt sind doch auf Frankreich gerichtet. Während seine Diatriben kaum von Tausenden gelesen werden, zählen die Leser der französischen Presse in und außerhalb Frankreichs zu Millionen und vor den Augen aller dieser Leser wird Treitschke an den Pranger gebunden. Das gelesen sie französische Blatt: „La Republique Francaise“, welches von Gambetta Inspirationen empfangen soll, hat neulich einen glänzenden Artikel über die Erscheinungen der judenfeindlichen und judenfreundlichen Rührigkeit in Berlin veröffentlicht. Er ist überschrieben: „Lettres d’Allemagne, Berlin, 10. Fevr.“ Die Kraststellen dieses Artikels werden die Leser Ihres gegeschätzten Blattes in hohem Grade interessiren: „Der Hebreo-Germanische Streit wird bei den Debatten des CulturAmpfes und der Commentarien zum neuen Militairgesetz noch immer fortgesetzt. Seit meinem letzten Briefe ist ein Dutzend neuer Kämpfer für die Israeliten in die Arena getreten, unter ihnen ein dramatischer Dichter, Paul Lindau, welcher die Frage in das Königliche Theater hineingetragen hat, drei oder vier Rabbinen, ein Professor der Philosophie an der Universität Marburg, Herrmann Cohen, und einer der ersten Redner des Reichstages, Ludwig Bamberg er. Von deutscher Seite figurirt immer noch der Geschichtsschreiber und Deputirte Treitschke, allzubekannt durch seinen Franzosenhaß im ersten Rang der antisemitischen und judenfresserischen Schaar. Durch ihn hat übrigens diese Angelegenheit Proportionen und die immer lebhaftere Physiognomie agenommen, die man an ihr bemerkt. Der beredte Phrasenmacher hat sich auf die israelitische Frage geworfen mit jenem Ungestüm, welchen er bei allem anbringt, was er spricht und schreibt, und welcher mehr noch als sein Name in ihm das slavische Temperament verräth. Spaßhaft ist es, daß in diesem Raeenkampfe der glühendste Repräsentant des Germanismus und der Deutschthümelei nicht einmal von reinem deutschen Blute ist. Die Lektüre eines Buches, welches jeder Unparteiische ohne Rückhalt bewundern müßte, die „Geschichte der Juden von Grätz," hat, wie es scheint, Treitschke in diese Berserkerwuth versetzt, in welcher er seit drei Monaten zappelt. Hr. Grätz hat die Geschichte Israels von seinem Ursprung bis auf unsere Tage erzählt, erzählt mit der Lebhaftigkeit eines Zeugen, mit der exakten Wissenschaft eines Gelehrten, und mit dem moralischen Takt eines Mannes, der würdig ist, die akademische Gegend zu belehren. Als er in seiner Erzählung zu den Kämpfen gelangte, welche seine Glaubensgenossen in Deutschland zu bestehen hatten, glaubte er sich nicht verpflichtet, seine Empfindungen zu verheimlichen und die Partei der Verfolger gegen die Unterdrückten zu nehmen. Indem er vom Privilegium der überlegenen Schriftsteller Gebrauch machte, sagte er den Deutschen, seinen Landsleuten, in einer Sprache, welche beweist, daß er die Begabung dafür hat, unangenehm aber heilsame Wahrheiten, von denen die Geradsinnigen gewiß Nutzen ziehen werden. Rach seiner Ansicht hat ein deutscher Jude, besonders wenn er Börne oder Heinrich Heine heißt, ganz dasselbe Recht wie der Schwabe Menzel z. B. oder dieser und jener Hesse oder Baier, die j Jrrthümer und die barbarischen Urtheile eines Fichte, Kant ' oder selbst eines Goethe bezüglich einer Raee hervorzuheben, welche doch immerhin im Schooße des deutschen Reiches eine Rolle spielt. Nun dieses Recht macht ihm Treitschke streitig und den mannhaften Gebrauch den Grätz davon macht, nennt dieser in eigentümlichen Ausdrücken „beleidigende Vermessenheit, fanatische Wuth, Todeshaß gegen die reinsten und ruhmreichsten Repräsentanten des oeutschen Geistes, Grätz hat gewagt, gewisse Thatsachen zu constatiren 8- B. daß der Jude Moses Mendelssohn nicht weniger als der Philosoph Kant beigetragen hat, die Jdeeen der Toleranz und der Humanität zu verbreiten, deren erste Apostel in Europa englische und französische Denker gewesen waren. Grätz behauptet ferner, daß die deutsche Sprache selbst nach Lessing und Goethe an Schönheit, Klarheit und Geist unter Börne's und Heine's Feder gewonnen hat. Wie er von dem Juden Rieffer spricht, sagt Grätz, daß dieser sich so sehr germanisirt habe, daß er