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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-03-10 · N° 11. (10.3.1880) · p. Seite 97

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 11. (10.3.1880)
Date
1880-03-10
Page
Seite 97 (sequence 3)
Language
German
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— 97 — „Noch eine Thatsache haben wir zum Schluffe aus dem vergangenen Jahre zu verzeichnen: Alt Vorstand eines wissenschaftlichen Instituts haben wir dem berühmten Historiker Herrn Prof. Dr. H. Gr ätz in Breslau, zu deffen 25jähriger Lehrthätigkett am jüdisch-theologischen Seminar im Namen unseres Vereins unsere Glückwünsche in einer Adreffe dargebracht. Je mehr derselbe in neuester Zeit in schroffen, oft kränkenden Worten von eigenen Glaubensgenossen angegriffen wurde, desto größer ist unsere Genugthuung, daß wir Gelegenheit gefunden hatten, dem unermüdlichen Forscher, der die Geschichte unseres Volkes in so glänzenden Farben dargeftellt und die Sache desJudnthumS so muthig vertreten hat, die Ver» ehrung eines Kreises von Männern in Wien auszudrücken." Der Vorstand des Bet Ha-Midrasch-Vereins. Di*. A. Jellinek. S. Apfel. A. Cohn. E. Baumgarten. Wilhelm Ritter v. Gutmann. Aus dem Elsaß. (Or.-Corr.) Wehmuth überkommt den Leser der fanatischen Artikel im „Israelit", die dahin zielen, Zank und Streit auch bei uns zu stiften und die Einheit der Gemeinde zu zerreißen. Es empört sich jedes jüdische Gefühl über die Hetzartikel „vom Oberrhein", die eine altehrwürdige Gemeinde, in der jeher Frieden herrschte, zur Trennung reizen. Aber sie galten doch Lebenden, die sich des Störenfrieds erwehren können, aber daß der finstere Fanatismus sich auch über Tobte erstrecke, ist himmelschreiend. Es hat uns, wie auch jeden rechtlich Denkenden in Erstaunen gesetzt, als wir im „Israelit" Nr. 7 den Bericht über das Hinscheiden Cremieux' y'j lasen. Wenn aus irgend einem Dörfchen über den Tod einer alten Frau, oder eines unwiffenden frommen Mannes, von deffen Existenz die Welt keine Ahnung hatte, berichtet wird, so wird dem Verblichenen ein großer Nachruf gewidmet, Schmerzensrufe ertönen über den Verlust eines solchen Mannes, es werden ihm so viele Lobeserhebungen und Segnungen gespendet, während in dem Bericht über des weltberühmten Er6mieux' Tod, diesem Großen in Israel nicht einmal das Wörtchen oder y'j „seligen Andenkens" gegönnt wird. Der Berichterstatter zählt ihn zu den politischen Berühmtheiten Frankreichs, stellt ihn als Republikaner einem Jules Favre gleich, aber von seiner Begeisterung und Opferfähigkeit für das Judenthum schweigt der Verfaffer ganz. Sollte denn wirklich dem Schreiber jenes Berichtes die unvergeßlichen berühmten Thaten Crsmieux' für Juden und Judenthum ganz unbekannt geblieben sein? Oder versteht er sie nicht zu schätzen? — Der Talmud sagt: Wer eine Seele am Leben erhält, dem wird es angerechnet, als hätte er eine ganze Welt am Leben erhalten, und Cr6mieux hat doch Tausende am Leben erhalten. Von ihm gilt auch das Prophetenwort (Jesaias 49,3): „Mein Knecht bist du, Israel, an dem ich mich verherrliche." Dem Correspondenten des „Israelit" aber genügten solche Thaten nicht, weil, wie einer seiner Gesinnungsgenossen uns wegwerfend sagte: „Er war doch nicht frumm." So lange die Helle Leuchte des uns theuren Mannes strahlte, hielt der Verfaffer jenes Berichtes es sich zur Ehre, wenn es ihm gelang, mit dem großen Manne ein paar Worte zu wechseln und nun, da der Löwe nicht mehr unter uns weilt, zollt er ihm so viel Achtung, wie einem der geringsten seiner Gesinnungsgenossen. O! Fanatismus! Posen. Der jetzt von Sr. Majestät dem Kaiser zum Kaiserlichen Negierungsrath ernannte Dr. Löw enherz wurde hier 1847 geboren. Er besuchte die hiesige Realschule und verließ dieselbe, nachdem er ein Jahr in Prima war, da sein Vater, der verstorbene Steinhamr Löwenherz, ihn für den Kaufmannsstand bestimmt hatte. Nach einer achttägigen kaufmännischen Thätigkeit gab er diese Laufbahn, die ihm nicht zusagte, wieder auf, mußte aber nun in das väterliche Geschäft eintreten und wurde Steinhauerlehrling. Auch diese Thätigkeit behagte ihm nicht, es drängte ihn zu den Wissenschaften. Auf die Fürsprache und dar Drängen seiner früheren Lehrer gab der Vater endlich nach, und gestattete dem Sohne den ferneren Besuch der Realschule. Er bestand glänzend die Abiturientenprüfung und ging nach Berlin, um Mathematik zu studiren. Allein die Pforten der Universität öffneten sich ihm nicht, er war ja — Realschüler. Nach Posen zurückgekehrt, bestand er nach einem sechswöchentlichen Besuch des Mariengymnasiums auch hier das Abiturientenexamen und bezog nun die Universität in Berlin, wo er sich den mathematischen Wiffenschaften widmete. Schon während seiner Studienzeit wurde die Aufmerksamkeit der Behörden auf ihn gelenkt, so daß er wenige Tage nach seinem Staatsexamen als technischer Hülfsarbeiter bei der Normal-Eichungs- Kommiffion eine Anstellung fand. Von Dr. Löwenherz find bereits mehrere Schriften erschienen und eine größere Arbeit befindet sich unter der Preffe. Regierungsrath Dr. Löwenherz ist noch Israelit. — Der neue israelitische Verein für Krankenpflege und Leichenbestattung veranstaltete am 9. Februar, wie alljährlich an diesem Tage, eine Gedenk- und Seelenfeier, der Erinnerung an seine verstorbenen Mitglieder gewidmet, im Tempel der israelitischen Brüdergemeinde. Durch ein Orgel-Präludium, Chorgesang und Gebet eingeleitet, sprach dann der Rabbiner der Brüdergemeinde, Herr Dr. Bloch, in Herz und Gemüth erhebenden Worten. Das Verlesen der Namen der Verstorbenen, Gesang, Gebet und Orgeltöne schloffen die würdevolle Feier. — Die Generalversammlung deS Vereins fand am 23. Februar statt. Nach dem vorgelegten Rechenschaftsbericht betrug die Einnahme im Jahre 1879 M. 3439,59, der eine Ausgabe von M. 2766,69 gegenübersteht. Es verblieb also ein Kassenbestand von M. 672,90. DaS Grundvermögen des Vereins betrug M. 3000 in Posener Pfandbriefen, hierzu kommen nun M. 300 Posener Pfandbriefe, aus obigem Kaffenbestand gekauft. Wie wir bereits früher mitgetheilt, hat der verstorbene Geheime Kommiffionsrath Mendel Cohn testamentarisch ein Legat von M. 900 für den Verein festgesetzt. Diese sind nun jetzt von der Hinterbliebenen Wittwe gezahlt und ebenfalls in Posener Pfandbriefen angelegt worden. Das Grundvermögen des Vereins beträgt also jetzt M. 4200. Breslau. Uns liegt der jüngst erschienene 12. Bericht der von Herrn Rabb. Dr. P. Neustadt mit achtenswerthestem Erfolge geleiteten hebr. Unterrichtsanstalt „Ez Chajim" über das letze Schuljahr vor. Dem Rechenschaftsbericht voran geht eine größere Abhandlung des Herrn Dr. N. „Zur jüdischen Feindesliebe," welche, wie gleich einleitend hervorgehoben wird, nicht etwa eine theoretische Erörterung über die Lehre von der Feindesliebe des Judenthums sein soll, sondern mehr zur Bestätigung der jüd. Ethik und zum Beweise, daß diese Lehre nicht Theorie war und nicht als solche verblieb, sondern dem Volke wie seinen früheren Führern in Fleisch und Blut übergegangen ist, dienen soll. (Diese recht lesenswerthe Abhandlung ist für 30 Pf. auch separat zu beziehen.) Der Rechenschaftsbericht selbst weist eine Einnahme von rund 2600 M. nach, dem eine gleiche Ausgabe gegenüber steht. Der Anstalt sind trotz Ungunst der Zeit erfreulicherweise auch in dem erwähnten Schuljahre viefache Spenden an Geld und Büchern zugegangen. Möge es ihr auch in Zukunft daran nicht fehlen, auf daß es der wirklich segensreich wirkenden und auf kräftige Unterstützung von Außen angewiesene Anstalt an den erforderlichen Mitteln dazu nicht mangle. An dem hebr. Unterricht der Anstalt haben im verfloffenen Jahre 79 Schüler theilgenoprmen. D. Schm ieheim (in Baden), 2. März. (Or.-Corr.) Ihr Aufforderung in Nr. 8 dies, gesch. Bl., am Vorabende des Purimfestes vor dem Lesen der Megillah eine Gedächtnißfeier für den hingesch iedenen Adolph Crsmieux zu veranstalten, hat auch hier in Baden einen lebhaften Wiederhall gefunden. Zu gedachter Zeit bestieg unser verehrt. Herr Rabb. Dr. Ra wicz ' die Kanzel und schilderte mit kurzen aber kräftigen Worten

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