Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 10. (3.3.1880)
- Date
- 1880-03-03
- Page
- Seite 91 (sequence 7)
- Language
- German
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— 91 — Verein eine Rede gegen die Juden von Stapel zu lassen, worin er natürlich auch den „Wucher", den dieselben nach seiner Ansicht treiben, gründlich zur Sprache brachte. Nun, ganz Dresden ist darüber einig, daß Herr vr. Mehnert competent ist, ein Urtheil über die Verwerflichkeit des Wuchers abzugeben. Derselbe ist Syndicus der hiesigen landwirthschaftltchen Creditbank, als deren Director sein Vater, der conservalive Abgeordnete Mehnert, fungirt. Von letzterem behauptete im letzten Sommer die hiesige „Abendzeitung" in einer Reihe geharnischter Artikel, daß er mit sogenanntem „Baug'eld" die allerschlimmsten Geschäfte getrieben habe, und daß bei den „Schiebungen" des Herrn Papa das Söhnchen sich zum Helfershelfer gebrauchen ließe. Diese Artikel, welche in Dresden das größte Aufsehen machten, sind bis heute Seitens der Bezichtigten ohne Antwort geblieben. Wenn nun ein solcher Mann es wagt, dir Volksleidenschaften gegen die „wucherischen Juden" zu schüren, muß man sich da nicht unwillkürlich an den Ruf erinnern, den gewisse Jndustrieritter ausstoßen, wenn sie die sie verfolgende Polizei von ihrer Spur ablenken wollen? Coblenz. (Or.-Corr.) Am Samstag P. Sachor widmete unser Rabbiner dem verewigten Crdmieux eine Gedächtnißrede. Er hob hervor, wie er als ehrenhafter treuer Sohn seine Laufbahn begonnen, indem er die Schulden tilgte, welche auf das Andenken seines Vaters ungünstige Schatten werfen mochten, Und wie er die gleiche Sohnespflicht dem Judenthum gegenüber erfüllet hat, überall die dunkeln Schatten abzuwehren und zu mindern, welche sich in Folge des Druckes über seine Glaubensgenossen gebreitet. Sodann wurde erwähnt, was wir erst im Necrolog der „Arch isr." wiederfinden, wie er als junger Advokat eS bewirkt, daß der Eid more judaico als ungesetzlich in Frankreich verboten wurde. (1827 bis 1837 isr. 8ermeut Nore judaico, Plaidoyers de Mr. Crdmieux, Advocate Paris 1839. 83 S.) Daran knüpfen wir den Wunsch, es möchte eine befähigte Persönlichkeit sich der Aufgabe unterziehen, die auf jüd. Verhältnisse Bezug nehmenden Reden Crsmieux' (sowohl juristischen, als politischen, als in der Alliance gehaltenen) zu ediren! Es dürfte dies der Alliance einen Cremieux-Fonds verschaffen. Coblenz, 18. Febr. Meine Bemerkungen in No. 5 d. Bl. über die eigenthümliche Weise, in welcher die „Arch. isr." über die Essrogimfrage berichtet hat, gaben dem Ben-Moschs Anlaß zu Propos humoristiques, welche zweifeln lasten, ob im heutigen Zeitungsfrqnzösisch das „humoristisch" oder „Gallenerguß" bedeutet. Doch über den Corr. wundere ich mich nicht. Es ist keineswegs angenehm, so dem Publikum vorgestellt zu werden. Ich habe ihm nur die Wahl gelassen, sich als unwiffend oder unehrlich zu bekennen. „Mosaist" mag er vielleicht sein, „Talmudist" ist er so wenig, daß er die Aufsätze in Nr. 47—49 des Literaturblattes 1879 „Unterliegen die aus Palästina bezogenen Essrogim der Zehnten- und Hebe-Abgadepflicht," — selbst wenn er sie gelesen, nicht verstanden hat. Daß er arm von Geist ist, gestehe ich ihm willig zu, denn nicht allein sein Einverständniß, sondern der „gewiffe Rabbiner von Wiesbaden", der „Süßkind oder S a u e r k i n d", auf den ehrwürdigen, greisen und gelehrten Collegen in W. angewandt, zeigen, weß Geistes Kind der Corr. ist. Diesem antworte ich weiter nicht. Der Redaction der „Arch. isr.", welcher ich stets Achtung gezollt habe, aber lege ich hiermit die Frage vor, ob eS nicht eine Entstellung und Verdrehung der Thatsachen ist, wenn ihr Berichterstatter Herrn vr. S. gegen Kaufleute zu Felde ziehen läßt, während dieser in dem Artikel: „Ein frommer Schwindel" äußerte, daß der Herr vom „Israelit" die falsche Angabe gemacht hat, daß von diesem Essrogim Truma und Maasser gegeben würde! Man soll Kleinigkeiten nicht Gewicht geben — daher unterdrücke ich alles Andere, was ich noch zu bemerken hätte. Rabb. vr. Lew in. Marburg, 18. Febr. (Or.-Corr.) Wollen Sie wissen, was man hier zum neuesten OpuS des Herrn Professor Cohen sagt: Man schüttelt eben die gelehrten wie die ungelehrten Köpfe. Ich selbst wurde vor einigen Tagen von einem Collegen CohenS, einem Mitglieds der philosophischen Facultät, gefragt, was ich von dem „Bekenntnisse" desselben halte, ich meinte, eS habe der Herr die Gelegenheit vom Zaune gebrochen, seine Entschuldigung, daß er noch Jude und seine Rechtfertigung, daß er nicht getauft sei, an den Mann zn bringen. Dm. Nordhausen. 32. Febr. (Or.-Corr.) Am verflossenen "HK 'T feierte wie alljährlich unser Wohlthätigkeitsverein sein Stiftungsfest im Saale des Riesenhauses. 50 Mit^ glieder unserer Gemeinde nahmen Theil. Mit dem Abendgebete wurde begonnen, hierauf bestieg unser Rabbiner Herr vr. Leimdörfer die Trauerkanzel und hielt eine Rede über die Befestigung des Vereins, über die Verdienste und Leistungen der Mitglieder, die im abgelaufenen Jahre ein so reiches Feld für ihre humanen Bestrebungen fanden. Daran schloß sich ein *7SDn für den Gründer des allergrößten Wohlthätigkeitsvereins, der Alliance Jsraelite Universelle, für Adolph Cremieux. Redner schilderte dessen Thätigkeit seit 1840 (Damascus) in ergreifender Weise und forderte, selbst tief ergriffen, alle Hörer auf als Zeugen der Theilnahme und Mittrauer sich zu erheben, einzustimmen in die Worte: "127,. "TDp^2£ und sprach den Wunsch aus, was Israel in dem unersetzlichen Einen verloren, durch Zusammenwirken Aller, vor allem aber durch zahlreichen Beitritt zur Alliance, ersetzen zu streben. Es traten zu den 22 Mitgliedern der Alliance an diesem Abende noch 18 neue Mitglieder hinzu. — Hr. Dr. Leimdörfer hat soeben in schlagfertiger Weise „eine Lection für den Redacteur deS Jlfelder Wochenblatts", der einen Hetzartikel gegen die Juden gebracht, veröffentlicht, wvrin er den Haman-Jünger recht derb abfertigt. Der Ertrag ist „für die barmherzigen Schwestern unserer Stadt". Schneidemühl, 25. Februar. Sonntag, den 22. d. M., Abends 5 Uhr fand in der hiesigen Synagoge eine Trauerfeier für den gottseligen Adolph Cremieux statt. Die Feier bestand in einer Predigt von unserem Rabbiner Brann und den hier bei 51*121.-1 üblichen Gesängen, und machte auf die zahlreichen Theilnehmer einen sehr tiefen Eindruck. Im Unterelsaß wurden von Staats wegen 1879 an 3 isr. Gemeinden 4500 M. zum Bau von Synagogen und an Kirchendiener und ihre Hinterbliebenen — isr. — an 59 Personen 5860 Frcs. gegeben. (Elf. I. in Un. iSr.) 8. K. Budapest. Das Budget der hiesigen israelitischen Cultusgemeinde pro Anno 1880 ist festgestellt. Der Bedarf stellt sich für dieses Jahr auf mehr als eine Viertel Million Gulden heraus. ES wurden folgende Auslagen prämilinirt und war für Cultus 42,883. 88, für Schulen 29,737, für Wohlthätigkeiten 56,508, Gehalte für das Centralpersonal 36,480, Pensionsbeitrag 4459, Schuldentilgung 8200, diverse Ausgaben 9496. — Das Einkommen der hiesigen israelit. Cultusgemeinde beläuft sich auf 172,766 Gulden pro Anno, dagegen die Ausgaben auf 177,513, sonach hat die Gemeinde ein Deficit von 4746 Gulden. Der Vorstand giebt sich der H,ffnung hin, durch die in Aussicht gestellten bessern Revenüen der Gemeinde und Ersparungen anderer bisherigen Auslagen letztere Summe decken oder begleichen zu können. — Das Ungar. Ministerium hat die Petition, nur Aerzte als Mohlim zuzulassen, zurückgewiesen. In Krakau hat Rabb. vr. Duschak einen Trauergottesdienst für Crdmieux gehalten, in Przemysl vr. Auerbach, in Lemberg vr. Löwenstein, in Brünn vr. Placzek, in BäyS-Topolya (Ungarn) vr. Golbfahn u. a. m. Bukarest, 27. Febr. Das amtliche Blatt veröffentlicht die von den Kammern votirten Gesetze über die Naturalistrung einer großen Anzahl von Israeliten. Dieselben haben fast sämmtlich Dispens von der zehnjährigen Anwesenheit erhalten. — Nach der „Nowosti" sind in Bukarest 1488 christl. und 3 40 7 jüd. Handwerker. (Fortsetzung in der Beilage.)