Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 10. (3.3.1880)
- Date
- 1880-03-03
- Page
- Seite 90 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 90 — (Major) und Ritter der Ehrenlegion, 1863 Oberstlieutenant und 1868 Oberst. In dem Deutsch-Französischen Kriege von 1870—1871 trug ihm seine Haltung an der Spitze eines Regiments in dem Ausfallsgefechte von Le Bourget bei Paris den Brigadegeneralsrang ein. Als am 18. Juli 1876 seine Ernennung zum Commandeur der Ehrenlegion erfolgte, war in dem betreffenden Decrete mit angemerkt, daß er neun Feldzüge mitgemacht habe und viermal verwundet worden fei. General S6e entstammt einer der geachtetsten Familien Frankreichs, von deren Mitgliedern gegenwärtig auch eines als Prüftet, ein anderes als Unterpräfect und ein drittes (Camille S6e) Äs Deputirter thätig ist, während ein viertes (Germain S6e) zu den namhaftesten Professoren der medicinischen Facultät von Paris gehört. — „L'Un. isr." veröffentlicht ein Antwortschreiben des in der Nacht zum 22. Januar im Alter von 67 Jahren nach lljähriger Amtirung verstorbenen Chacham Baschi von Jerusalem Abraham Aschkenasi an Herrn Netter (vom 22. Dec. v. I), in welchem Alles unwahr genannt wird, was Herr N. behauptet. Dieser bleibt in kurzen Bemerkungen bei seinen früheren Angaben. England. Loudon. Ei» Bild, welches das jüdische Gemeindeleben Londons beim Beginne dieser Jahres darbietet, zeigt einige recht erfreuliche Parthien, denen mit der Zeit eine noch größere Bedeutung wird beigelegt werden können. Das ist erstens die Thätigkeit der seit 1870 bestehenden Centralverwaltung der Londoner Synagogen in der United Synagogue. Diese, ein rein finanzieller Verband, hat ihren Jahresbericht veröffentlicht, aus dem hervorgeht, daß sehr gesunde finanzielle Grundsätze zur Anwendung gebracht wurden, so daß die einzelnen Anstalten gefördert wurden. Das gesammte Grundeigenthum ist mit 142,470 Pfd. versichert, die Fonds betragen 127,955 Pf. 11 fh. 11d. und die jährlichen Einnahmen 518 Pf. 2 sh. 5 d. Einen zweiten sehr befriedigenden und gewiß sehr förderlichen Erfolg zeigt die Annäherung der portugiesischen Synagoge, in welcher Dr. H. Adler eine Gastpredigt gehalten hat, während Dr. Mendes in der BaySwater Synagoge an Stelle Dr. Adler's sprach. Ist zwar dieser Annnäherungspunkt nicht der erste, so ist er doch ein Zeichen des ungestörten Fortgangs der innigeren Beziehungen, in welche die portugiesischen Juden mit den rein englischen getreten sind. Unserem greisen M o n t e f i o r e, den Gott erhalte, ist wieder ein neues Zeichen der großen Hochachtung zu Theil geworden, welchen die Bürger feines Ortes seinem humanen Wirken entgegenbringen. Von den working men vom St. Luke Kirchspiel ist ihm am 23. Januar eine prachtvoll gebundene Copie des alten Testamentes in Englisch und Deutsch mit einem sehr anerkennenden Schreiben des Pfarrers Whiting übergeben worden. Besonderes Aufsehen erregt eine literarische Forschung, welche Dr. Lee in den „The Gentlemans Magazine“ über Shylock veröffentlichte. Lee glaubt nämlich das Original für diese so vielseitig besprochene poetische Schöpfung Shakespeare's gefunden zu haben; er nennt einen eonrs physician der Königin Elisabeth Namens Noderigo Lopez, der mit einem Antonio anfangs befreundet war und später ein Todfeind desselben wurde. Durch Jntriguen in Verschwörungen verwickelt, wurde er ein Opfer derselben. Rußland. Petersburg. Am 8. Schwat fand ein Gedenkgotterdienst für den vor 2 Jahren an diesem Tage verstorbenen Baron Josef Ginzbürg statt. Sein Sohn (Naftali Herz) vertheilte aus diesem Anlasse bedeutende Almosen und gab 10,000 Rubel als Fonds für eine Handwerksschule. Ein projectirtes jüd. Hospital wird deswegen nicht gegründet, weil alle städtischen Krankenhäuser jüd. Kranke aufnehmen und ihre Verpflegung mit koscherem Essen gestatten. Odessa. Die Gemeindevorsteher haben den Beschluß gefaßt zur Erinnerung an das 25jährige Regierungsjubiläum des Kaisers eine Altersversorgüngsanstalt für 62 Männer (nach den Jahren des Kaisers) zu errichten. 100,000 Rubel sind als Bau- und Betriebsfonds bewilligt. (Leider stammt dieses Geld wie die 90,000 Rubel zum Synagogenbau aus der Fleischsteuer, durch welche der Preis des Fleisches sehr gesteigert wird.) In I e k a t e r i n o s l a w hat die Chewra kadischa einem reichen Manne für die Beerdigung seiner Frau 5200 Rubel für sich allein abgezwungen, obschon dieser die verschiedenen Vereine und Anstalten der Gemeinde hatte reichlich bedenken wollen. Zur Unterstützung der zum Heere Ausgehobenen und damit nicht die Armen und fromm Erzogenen den Dienst unter der Waffe aus Angst vor den Entbehrungen und der Verletzung der Speisegesetze fliehen, hat die Gemeinde Bassian 1500 Rubel gesammelt und jeden Ausgehobenen 100 Rubel gegeben. — Ein jüdischer Knabe von 11 Jahren wurde zum Militär ausgehoben und in der Kantonistenschule getauft. Nachdem er 1875 vom Militär entlasten worden, kehrte er zum Judenthum zurück und fälschte dahingehend seine Militärpapiere, um sich mit einer Jüdin verheirathen zu können. Nach 7monatlicherUntersuchungshaft wurde er freigesprochen. Ein für Rußland bedeutender Fortschritt. (Hazephira.) — Eine Corresp. der Arch. isr. aus Rußland schildert treffend, wie die ruff. Preffe früher den Juden Unwiffeuheit und Unkultur, jetzt ihr zu großes Bildungsstreben vorwirft, wie mit Unrecht die Juden gedankenlos des Nihilismus beschuldigt werden und das die Marr-, Stöcker- Treitschke'schen Broschüren dem Judenhaffe und dem Drucke neue Kraft verleihen. — Tröstet Euch, arme Brüder! Das eben gefeierte Purimfest lehrt noch heute, daß die Haman und ihre Anschläge nicht bestehen und daß die Charbona's bei anderer Zeitrichtung auch wieder anders schreiben werden. Vermischte und neueste Nachrichten. Berlin. Die Saat, welche die Herren Stöcker und Genoffen ausgestreut, hat doch manche böse Frucht getragen. Hier ein paar Beispiele dafür. In der letzten Woche besuchte die Kaiserin das Charlottenburger Gymnasium und bei dieser Gelegenheit sollten Vorträge von einzelnen Schülern gehalten werden. Bei der Wahl derjenigen Schüler, welche hiermit betraut wurden, sagte ein Lehrer unter Anderem zu dem Sohne des Abgeordneten W., welcher sonst bei Vorträgen zu brilliren pflegte: „Dich kann ich diesmal nicht brauchen, Du siehst zu jüdisch aus." Wie muß ein solches Wort aus dem Munde eines Lehrers, also mit der ganzen Autorität eines Mannes ausgesprochen, der zum Bildner der Jugend bestellt ist. auf die kindlichen Gemüther wirken! Jntereffant ist es dabei, daß der junge W. gar kein Jude ist. — Ein anderer Fall: In einer höheren Töchterschule, warnte die Klaffenlehrerin jüngst die Tochter eines namhaften hiesigen Künstlers, welche die Schule besucht, vor dem Umgänge mit der Tochter einer geachteten Banquier, welche ebenfalls Schülerin der obigen Schule ist, indem sie hinzufügt, daß überhaupt jeder Umgang mit Jüdinnen ein schlechtes Licht auf sie werfen würde. Wir unterlassen es, an die einfache Mittheilung dieser bedauerlichen Fälle, umso bedauerlicher, da sie eine sittliche Verwirrung in jugendliche Gemüther zu tragen geeignet sind, weitere Betrachtungen zu knüpfen. Berlin, 27. Febr. (Or.-Corr.) Am Sonnabend, 21. d. M. fand in der zahlreich besuchten Synagoge der Gemeinde „Schochare hatob" eine angemessene Erinnerungsfeier für Cr^mieux durch Predigt und Gebet des Rabbiners Dr. Nascher statt. Der verewigte Präsident der „Alliance israelite universelle" war seit dem Jahre 1869 Ehrenmitglied der Gemeinde. Aus Dresden wird uns geschrieben: Das Geschäft der Judenhetze hat in den letzten Tagen wieder einen kräftigen Aufschwung bei uns genommen. Am letzten Dienstag fühlte sich Herr Dr. Mehnert berufen, im hiesigen conservativen