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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-03-03 · N° 10. (3.3.1880) · p. Seite 88

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 10. (3.3.1880)
Date
1880-03-03
Page
Seite 88 (sequence 4)
Language
German
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— 88 — Nationalwohlstand gehoben haben, wird dieses als ihr größtes Verbrechen betrachtet. Nun treiben gar viel Christen schon seit vielen Jahren auch den Handel, aber ihnen macht man den Vorwurf nicht, daß sie Hausirer und Schacherer seien, obgleich der Hausirhandel und Schacher — wenigstens hier am Harz, im größten Theil von Hannover, Oldenburg und Mecklenburg — in den Händen der Christen ruht. Worin besteht aber der Unterschied zwischen dem jüd. und christl. Hausirer und Schacherer? Hauptsächlich darin, daß der ungebildetste Jude mit den verdienten Groschen gut wirthschaftet, nur an seinem Sabbath gönnt er sich und seiner Familie einige Lebensfreuden, der christl. Handelsmann hingegen läßt über das, was er verdient, die Sonne nicht wieder aufgehen, und niemals reicht der verdiente Heller bis zum Sonntag. Schreiber dieses hat sich auch davon überzeugt, daß der christl. Handelsmann in der Zudringlichkeit und den anderen damit verbundenen Untugenden dem jüd. es weit, weit zuvorthut; denn wenn man nichts bei ihnen kauft, wird man angebettelt oder beschimpft. Doch auf das unziemliche Benehmen der christl. Hausirer und Schacherer achtet Niemand, der Name Christ schützt sie vor allen Schmähungen, während der Jude wegen des geringsten Unrechts, welches er sich in seinem Gewerbe zu Schulden kommen läßt, der Verachtung und allen Angriffen ausgesetzt ist. Daffelbe Geschick wird der Jude haben, welchem Berufe er sich auch zuwenden wird. Holzminden. Die Schmäh- und Schandblätter des Berliner Antisemitenvereins sind in letzter Zeit auch bei uns in zahlreichen Exemplaren verbreitet und hielt es der Vorstand dehiesigen „Bürgervereins" für durchaus nothwendig, dem Gebühren einer die christliche Liebe zwar predigenden, aber Haß und Verachtung säenden Partei gegenüber Stellung zu nehmen. Nach einer eingehenden Besprechung des Gegenstandes wurde die nachstehende Resolution „einstimmig" angenommen und zugleich die Bekanntmachung derselben durch das hiesige Kreisblatt zum Beschluß erhoben: „Der hiesige Bürgerverein hat in seiner Sitzung vom 33. dieses Monats die in jüngster Zeit wieder angeregte Judenfrage und die auch an hiesigem Orte betriebenen Agitationen der Antisemiten- Liga in den Kreis seiner Besprechungen gezogen. Der Bür - ger-Verein hält dafür: 1) daß es ungerecht ist, die Schuld an dem zu Tage getretenen beklagenswerthen Materialismus und Sittenverfalle, über welchen in anderen Staaten in demselben Maße wie in Deutschland geklagt wird, gerade in letzterem Lande den Juden zuzuschieben, und daß es ein schlechter Anfang der Befferung ist, die eigene Schuld von sich abwälzen und Anderen aufbürden zu wollen; 2) daß es unpatriotisch ist, zu den vielen, in dem eben erst erstandenen Reiche bereits vorhandenen Gegensätzen noch neue bervorzurufen oder vorhandene noch zu schärfen und so die auf der Eintracht beruhende Kraft des Reiches zu schwächen; 3) daß die Jnscenirung der Judenfrage nur ein plumper Schachzug reactionärer und orthodoxer Parteien ist, um die liberalen Parteien in den Augen der urtheilslosen Maffe zu diskreditiren, daß aber die begonnene Agitation um so gefählicher für den öffentlichen Frieden ist, als die letzten Zwecke und Ziele verschleiert bleiben und die Lösung der Frage den Massen überlasten wird, und hegt zu dem gesunden Sinne der Einwohner unserer Stadt das Vertrauen, daß die hier versuchten Agitationen ohne Erfolg bleiben, daß vielmehr die Bekenner verschiedener Religionen und Confessionen wie bisher friedlich neben einander leben und einmüthig zusammen wirken, zum Wohle unserer Stadt. Ick. Darmstadt, 12. Febr. (Or.-Corr.) Wohl noch nie haben es die Israeliten so wie jetzt empfunden, wie nöthig eine ganz der Sache des Judenthums sich widmende Preffe thut. Daß in der Jetztzeit die Preffe eine Macht bildet, ist eine nicht zu^ leugnende Thatsache. Was würde man nun zu den von Stöcker und Genoffen in den öffentlichen Blättern gegen das Judenthum erhobenen und verbreiteten Anklagen gesagt haben, wenn nicht eine jüdische Preffe. vorhanden gewesen, welche dieselben entkräftet, als irrig und falsch, als einen Ausfluß des Vorurtheils und der Bosheit dargestellt hätten? Würde man sie nicht jener gehäffigen Anklagen als den Ausdruck der öffentlichen Meinung und als pure Wahrheit angesehen haben? So aber, da eine jüdische Preffe bestand, war eS ihr möglich, die einschlägigen Fragen sofort gründlich zu erörtern, ungerechte Angriffe abzuwehren, insbesondere aber darzuthun, daß die Ansichten Stöckers und Cons. nicht die der Mehrheit des deutschen Volkes, nicht die des gesunden vorurtheilsfreien Menschenverstandes, sondern die einer kleinen Minderheit Verblendeter und Böswilliger seien. Demnach muß es rühmend anerkannt werden, daß die Vertreter der jüdischen Preffe, so sehr sie auch in ihren Religionsanschauungen divergirten, einmüthig und beharrlich auf der Zinne des Kampfes standen, die Angriffe der Feinde nach Kräften abwehrten, die Jntereffen des JudenthumS wahrten, aber es auch nicht an Ermahnungen an ihre Glaubensgenossen fehlen ließen, daß diese einerseits sich einer immer strengern Redlichkeit und Rechtlichkeit in Handel und Gewerbe befleißigen, und andererseits nicht ermüden möchten in ihrem Wohlthun gegen Arme und Nothleidende ohne Unterschied der Glaubens. Die jüdische Preffe hat also ihre Schuldigkeit gethan, und es läßt sich daher erwarten, daß ihr von Seiten der Begüterten und Reichen in Israel 'von nun an mehr Theilnahme zugewendet werde, als dies bis jetzt der Fall war. Bislang pflegte man in den meisten Häusern derselben Zeitschriften des verschiedensten Inhalts, auch Rischus Zeitungen, anzutreffen, nur keine jüdischen. Und doch würde eine Beschränkung der Rechte der Juden gerade sie am empfindlichsten getroffen haben. Hoffen wir, daß die jüngsten Vorgänge ihre Ansicht über die jüdische Presse geändert haben und sie es fortan für ihre Pflicht halten werden, die jüd. Blätter, die muthvoll für sie euigetreten sind, mehr als bisher zu unterstützen, für ihre Verbreitung Sorge zu tragen, vor allem aber sie selbst zu lesen, um sich über die jüdischen Verhältniffe, die innern und äußern, zu informiren.*) G. Aus Westpreußen. (Or.-Corr.) (Schluß.) Die eine von Herrn Schreiber zur Mißcreditirung des Talmuds angeführte Stelle in Synhedrin 66 b, (nicht in Baba kama) ist nicht halachischer Natur, sondern eine Agada, aus der aber auch ebensoweig ein Verbot, Verlorenes einem Heiden wieder zuzustellen, herauszulesen ist, wie ein Verbot, ein junges Mädchen mit einem alten Manne zu verheirathen, was doch dort in die gleiche Kategorie gestellt wird; es ist lediglich der Ausdruck augenblicklichen Unmuthes, aus dem der Talmud wenigstens keine halachischeu Consequenzen zieht, und das giebt ja auch der oben erwähnte Freund und Gesinnungsgenoffe das Herrn Schreiber in einer anderen Schrift („Die Frau im Talmud" p. 41) zu, daß es „bei der Beurtheilung der Talmud wichtig ist, zwischen bloßen Stimmungsworten, welche in oberflächlicher Conversation oder in der erregten Debatte einem Gelehrten entschlüpfen, und festen Ansichten scharf zu unterscheiden." Was aber die weitere Stelle anbetrifft (Baba mezia 24 a), so kann eben nur der, welcher die Worte in den Sprüchen der Vater mxö ."NN1V,"k "rn« nnp rm mit „wer ein Gebot erfüllt, kauft sich einen Palast" übersetzt, — d. h. also ein des talmudischen Idioms Unkundiger es fertig bringen, hierin eine Gehässigkeit gegen Nichtjuden zu erblicken. Es wird *) Am wichtigsten ist natürlich die Verbreitung und zwar auch in nichtjüdische Kreise durch Auslegen in vielbesuchten Localen u. dergl.; denn was nützt eS, wenn die Abwehr- und Widerlegungsartikel nur in jüd. Familien gelesen werden! Wir haben in den letzten Monaten gar oft zu hören bekommen: Schade, daß diese Artikel nicht auch Christen zu Gesicht bekommen! Wir haben dagegen nicht gehört, daß unsere „Reichen" etwas für die Verbreitung gethan, daß sie etwa dem Gemeindebund eine Summe Geldes zur Verfügung gestellt hätten, um jüd. Schriftsteller zur Herausgabe von Widerlegungsschriften zu animiren, oder eine größere Anzahl guter Abwehrartikel massenhaft gratis zu vertheilen, oder ein Preisausschreiben für eine gute und erschöpfende Schrift zur Widerlegung der Anklagen und Vorurtheile gegen Juden und Judenthum zu veranlassen. Die jüd. Preffe hat ihre Schuldigkeit gethan über die jüd. Bankiers und Commerzienräthe? — (Red.)

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