Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 10. (3.3.1880)
- Date
- 1880-03-03
- Page
- Seite 87 (sequence 3)
- Language
- German
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— 87 aus nicht theilen- Gerade Crämieux bewies durch sein ganzes Leben, wie man mit allen Fasern des Herzens an seinem Vaterlande hängen und zugleich das wärmste und regste Interesse für alle Glaubensgenossen haben könne. Gerade dies müßte natürlich bei der Gedächtnißfeier besonders betont werden, wofür sich besonders in der Megilla ganz treffliche Vergleichspunkte darboten. Wohin würden wir gelangen, wenn wir bei unseren Handlungen uns ängstlich umschauen und vor den Mißdeutungen Und Verdächtigungen von Leuten wie Marr und Stöcker uns fürchten wollten! Wir haben daher von dem wohlgemeinten aber einer allzugroßen Aengstlichkeit entsprungenen „deutsch-israelitischen" Rath, der dahin ging, „beschränken wir uns darauf, bei nächster Seelengedächtnißfeier (Haskaroth n’schamoth) unserer Trauer, wie unserer dankbaren Verehrung für den verklärten hochverdienten Glaubensgenossen einen würdigen, aber gleichzeitig bescheidenen Ausdruck zu geben" — den gewünschten Gebrauch nicht machen; die uns zugehenden Berichte aus vielen Gemeinden Deutschlands über abgehaltene Trauerfeierlichkeiten zu Ehren Cr6mieux' widerlegen vollends jene Befürchtungen. Magdeburg. (Or.-Corr.) Hier fand Mittwoch Abends im Gotteshause eine solenne Gedächtnißfeier unter reger Betheiligung der Gemeinde statt. Dieselbe wurde mit dem von Hrn. Cantor Winter unter Orgelbegleitung recitirten Ps. 16 eingeleitet, worauf vom Synagogen-Gesangverein das schöne Lied: „Mag auch die Liebe weinen" gesungen wurde. Es folgte sodann die Gedächtnißrede auf Cremieux von Rabbiner Dr. Rahmer, der in ^/.stüngem Vortrage die Hauptmomente aus dem Leben und Wirken dieses n^irrb „Größten unter den Juden" in erhebender Weise zeichnete. Die Parallele mit Mordechai war treffend nicht nur im Großen, in der Zeichnung des lautern unbeugsamen Charakters Beider, sondern auch im Einzelnen (auch Cremieux rettete einem Könige — Louis Philipp — das Leben. Mord, erzog eine Waise, Cremieux hat durch das von ihm organlsirte Rettungswerk für die Erziehung vieler Hunderte von russ. Waisen gesorgt.) Die Parallele gipfelte in der Anwendung der Schlußworte der Megilla: Crömieux war 21L2 ttHH „bestrebt für die Wohlfahrt seines (des französischen) Volkes" und oh '■oh „Fürsprecher und Förderer des Heils seines ganzen Stammes," aller seiner Glaubensgenossen auf dem Erdenrunde, darum gilt auch von ihm uniB rpD' üb ron „Sein Andenken wird nicht schwinden aus der Geschichte des jüdischen Volkes!" Ein ergreifendes deutsches Lied schloß diese Feier, die bei allen Anwesenden einen tiefen Eindruck zurückließ. 8. Stettiu, 25. Februar. (Or.-Corr.) Heute vor 8 Tagen traf Herr Rabbiner Dr. Vogeistein hier ein. Am Bahnhof wurde derselbe vom Vorstande erwartet, in seine auf das prächtigste geschmückte Wohnung geleitet, in welcher er vom Vorsitzenden der Repräsentanten herzlich begrüßt wurde. Am Donnerstag Abend fand die Amtseinführung im Gemeindefitzungsfaale, woselbst sich beide Behörden der Gemeinde, außerdem eine große Zahl der Rotabeln der Gemeindemitglieder, versammelt hatten, statt. Herr Dr. Meyer, der Vorsitzende des Vorstandes, richtete eine ebenso gediegene, als herzliche Ansprache an den Rabbiner, in welcher er, auf die beiden Vorgänger, Herrn Dr. Meisel und Dr. Treuenfels hinweisend, betonte, daß ein besonderes Hochgefühl die Brust des Herrn Dr. Vogelstein erfüllen müsse, der Nachfolger zweier solcher Männer klangvollen Namens zu sein, und er erwarte daher von ihm, daß er sowohl auf der Kanzel, in der Schule und im socialen Leben ihnen nachstreben und gleichzukommen suchen werde. Nachdem auch der Vorsitzende des Nepräsentantencollegiums, Herr Bernhardt Cohn^ eine recht sinnige Ansprache an Herrn Dr. Vogelflein gerichtet, erwiderte derselbe in einer längern, recht gelungenen Rede indem er gelobte, in allen von Herrn Dr. Meyer hervorgehobenen Punkten sein Möglichstes zu leisten und sich bestreben werde, allen Bedürfnisien der Gemeinde Rechnung zu tragen. Besonders feierlich war die Einführung am Freitag in die Synagoge. Während im großen Tempel Mincha gebetet wurde, versammelten sich sämmtliche Vertreter der Gemeinde in der Wochensynagoge und vor L’chu. neranno führten sie im feierlichen Zuge den Herrn Rabbiner auf seinen Sitz. Von einem vierstimmigen Chor mit oil X2N *]V“D begrüßt, erwiderte derselbe mit einer schönen, das: „Friede, Friede dem Nahen und dem Fernen!" zu Grunde legenden Ansprache. Nach Absingung des Ps. 121 folgte der Abendgottesdienst. Die am Sabbath -vßl 'S gehaltene Antrittsrede, die sich an die zwei Worte HIN' WK aus der Megilla anknüpfte und worin der Redner Mordechai als Ideal seiner Wirksamkeit hinstellte, hatte sich eines ungetheilten Beifalls zu erfreuen, und wird im Drucke erscheinen. Indem ich schließlich noch erwähne, daß Herr Dr. Vogelstein am Purim-Abend in seinem Vortrage auch deS vor kurzer Zeit verstorbenen Adolph Cremieux in recht würdiger Weise gedachte, wünschen wir, daß der neue Rabbiner hier, wie seine bedeutenden Vorgänger, segensreich wirke und sich die Liebe erringe, wie er sie in der Gemeinde, aus der er kam, genosien. Vom Harz. (Or.-Corr.) So hat denn auch das „Braunschweiger Tageblatt", welches vor seinem Entstehen die Vie« weg'sche „Deutsche Reichszeitung" erst aus dem Weg zu räumen hatte, wobei dasselbe bekanntlich in der Wahl der Mittel nicht sehr scrupulöS zu Werke ging, die sg. Judenfrage in 2 Leit- oder bester Hetzartikeln in Nr. 30 u. 31 erörtert. Ueber die darin ausgesprochenen Judenverleumdungen können wir hinweggehen, sie sind gar zu alt und schon tausendfach gründlich widerlegt. Daß aber der weise Leitartikelschreiber den Juden mit anderen Waffen droht, wenn sie ihn widerlegten, zu empfindlich sich zeigten, und es abzulehnen wagten, seine abgeschmackten, gehästigen Anschuldigungen ruhig hinzunehmen, daß er zuletzt den Braunschweiger Juden Honig um den Mund streicht, das Alles hat in der am 8. d. M. stattgehabten jüd. Gemeindeversammlung eine solche Indignation hervorgerufen, daß man zu dem Beschluste kam, die Sache mit stillschweigender Verachtung zu übergehen, da das Ganze als ein Ausfluß allzu großer Gemeinheit zu betrachten sei. Ob dieser weise Beschluß recht angebracht, läßt doch manchen Zweifel zu, unsere Gegner könnten am Ende glauben, wir vermöchten uns nicht zu rechtfertigen, oder man gebe die andern Glaubensgenossen allen Angriffen preis, wenn nur die Braunschweiger ausgeschlosten seien. Wo bleibt da die vielgepriesen gegensektige Verantwortlichkeit? Einzelne gute Juden haben ja alle unsere Gegner immer als Ausnahmen anerkannt. So hat auch Professor v. Treitschke dem Schreiber dieser Zeilen auf sein Sendschreiben an ihn geantwortet : „Ich habe sehr gute Freunde unter Ihren Glaubensgenossen, ich werde der Letzte sein, welcher eine Judenhetze billigt", dennoch entblödete er sich nicht zu sagen: „Die Juden sind ein Unglück für Deutschland." Gehört nicht unmittelbar nach solchem Aufruf: Schlaget alle Juden tobt?*) „Es giebt aber nichts Neues unter der Sonne, es war von jeher so und wiro noch lange so bleiben!" sagte mir mein Freund St. in Seesen (der für seine beiden durch Abschrift vervielfältigten Sendschreiben an Treitschke und Stöcker ein ehrenvolles Dankschreiben vom Vorstand der jüv. Gemeinde in Berlin und ein Zustimmungsschreiben von einem wahrhaft frommen christl. General-Superintendenten erhalten.) Glauben Sie denn, daß es anders werden würde, wenn die Juden sich über Kurz oder Lang dem Ackerbau zuwenveten? Dann würden sie sicher auch diesen durch Gründlichkeit der Bearbeitung zu einem höheren Ertrag bringen und durch Sparsamkeit und Ordnung gewiß auch zu Vermögen gelangen. Der Neid bliebe alsdann aber auch nicht aus. Wie wird man sie alsdann der Aussaugung des Bodens beschuldigen, und wenn man ihnen hierbei wieder die Vortheile abgelernt haben wird, dann gehen die Anschwärzungen aufs Neue los. Bisher war ihnen blos der Handel als einzige Erwerbsquelle geöffnet, nachdem sie diesen zur Blüthe gebracht und den *) Ob man dann die Braunschweiger ausnehmen wird? Red.