Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 10. (3.3.1880)
- Date
- 1880-03-03
- Page
- Seite 86 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 86 — gemacht? Etwa die Juden? Oder nicht die christlichen Deutschen aller Klassen und Parteien, Regierungen und Volksvertretungen, und nicht am wenigsten auch die Herren Nationalöconomen, Politiker und Publicisten vom Fach? Kommt nun diese überstürzte liberale Gesetzgebung der letzten 12 Jahre unverhältnißmäßig den klugen und rührigen Juden zu gut, nun wohl, so klage man über die e i g e n e Kurzsichtigkeit, über den Doctrinarismus und die Uebereilung der Gesetzgebung der letzten Zeit, aber nicht über die, welche davon den meisten Nutzen hatten. Ja, in sich zu gehen, seine eigenen Jrrthümer einzugestehen, unsittliche Principien, wie sie das Manchester-System ganz unleugbar in hohem Grade enthält, als solche verurtheilen und zur principiellen Umkehr von demselben zu mahnen und zu dringen — das wäre unseres Erachtens ein wirklich mannhaftes und verdienstvolles Werk. Aber statt dessen die Juden zu Prügelknaben machen, auf die man alle Unterlassungs- und Begehungssünden der letzten Aera frischweg abwälzt, das ist weder weise noch gerecht, weder des Germanen noch des Christen würdig! Doch kommen wir nach dieser Abschweifung auf die uns hier vorzugsweise interessirende religiöse Seite der Judensrage. Da stoßen wir nun sogleich auf die wunderlichsten Widersprüche zwischen den verschiedenen Ansichten und Wünschen, die bei den Einen und Anderen der Judengegner, ja auch in den verschiedenen Kundgebungen eines und desselben Gegners laut werden. Auf der einen Seite versichern „Kreuzzeitung, Reichsbote" unb andere Blätter dieser Farbe, daß ihr Kampf nur dem modernen Reformjudenthum gelte, keineswegs dem an seinem ehrwürdigen altväterlichen Glauben streng festh altenden orthodoxen Judenthum. Herr v. T r e i t s ch ke dagegen verlangte (in seinem ersten Artikel) von den Juden vor allem, daß sie wahre und volle Deutsche werden und als solche sich fühlen sollen, wobei er es ihnen zu überlassen scheint, wie sie es mit ihrem religiösen Glauben halten wollen. Dieser Artikel wurde von jenen Blättern sofort aufs wärmste begrüßt und gepriesen. Aber gerade die von Urzeit her so wesentliche Particularität und Exclusivität des echten Judenglaubens ist es ja gewesen, was die Verschmelzung dieses Volkes mit andern von jeher gehindert, seine auch sociale und physiologische Eigenart so streng und rein conservirt hat. Sollten also die jetzt unter uns wohnenden Juden die Forderung Herrn von Treitschke's erfüllen und gute echte Deutsche in seinem Sinne werden, so ist dies nur möglich durch eine sehr weit gehende Reform ihres altjüdischen Glaubens, womit sie ja aber gerade unter das Verdiet unserer Orthodoxie fallen. Entweder also gute, strenggläubige Juden und dann schlechte (?) Deutsche, oder gute Deutsche und dann reformgläubige Juden: nur eins von beiden ist hier möglich und doch trifft sie in jedem der beiden Fälle die Ungnade eines Theils ihrer christlichen Kritiker. Mit Recht könnten sie verlangen, daß die Tadler erst unter sich darüber klarer werden möchten, was sie denn nun eigentlich im Ernst von ihnen haben wollen. Doch die Verwirrung wird noch räthselhafter, wenn wir Herrn von Treilschke mit sich selbst vergleichen,- nämlich seinen letzten (dritten) Artikel mit dem ersten. Hatte er zuerst verlangt, daß die Juden gute Deutsche werden unbeschadet ihres religiösen Glaubens, so legt er in seinem letzten Artikel allen Nachdruck auf das untrennbare Verwachsensein des deutschen Volksthums mit dem christlichen Glauben und zwar (so scheint es) in seiner confessionell dogmatischen Form, denn die Conscrvirung derselben durch die Confessionsschule scheint ihm eine Lebensfrage der deutschen Station *u sein. Wie sollen wir dann aber mit dieser neuesten Kundebung jene frühere Forderung zusammenreimen? Gehört zum vollen Deutschthum auch das Bekenntniß des kirchlichen Dvgma's und sollen die Juden vor allem gute Deutsche werden, so scheint der Schluß unvermeidlich zu sein, daß sie also, um sich als Deutsche zu nationalisiren, zugleich zum christlichen Glaubensbekenntniß übertreten müssen. Sollte dies wohl wirklich die Meinung Herrn von Treitschke's sein? Die einfachste und radicalste Lösung der Judenfrage wäre es freilich, wenn die Juden alsbald sammt und sonders Christen würden. Allein mit derartigen frommen Wünschen wird eine practische sociale Frage eben nicht gelöst, im Gegentheil führen derartige Extravaganzen von ihrer wirklichen Lösung nur immer weiter ab. Zum Schluß noch ein Wort über das harte Urtheil: „Die Juden sind unser Unglück". Wir haben oben schon gesagt, wie entschieden wir dies bittere und verbitternde Wort verwerfen. Aber fragen wir nun doch auch noch, was denn der Stimmung, die es ausdrückt, und die wir für eine ziemlich weit verbreitete allerdings halten müssen, als eigentliches Motiv zu Grunde liege? Ohne Zweifel ist dies ein Gefühl des Unbehagens, welches daraus entspringt, daß die Juden durch ihre wachsende Zahl und Bedeutung uns nöthigen zur unablässigen Anspannung unserer Kräfte, zur sieten Selbstkritik und Correctur unserer Fehler, zur rastlosen Arbeit an unserer eigenen Vervollkommnung und an der Förderung unserer menschheitlichen Cnlturaufgabe. Solch einen Mabner und Treiber stets zur Seite zu haben, hat ja gewiß etwas Unbequemes und wird doppelt empfindlich gerade der deutschen Natur, bte nun einmal unleugbar einen Hang zum behäbigen Sichgehenlassen hat, auf errungenen Lorbeeren gerne ausruhen, in überkommene Zustände sich cinspinnen möchte. Aber gerade um dieser unserer übergroßen vis inerfciae willen ist die Beimischung einer ungewöhnlich starken Dosis semitischen Quecksilbers, so unbequem sie uns zur Zeit erscheinen mag, in Wahrheit gerade zu unserem Heil. Sie behütet uns vor der Gefahr der Versumpfung auf materiellem wie auf geistigem Gebiet; sie rüttelt unsere Schläfrigkeit auf; sie nötyigt uns zur Entwickelung unserer besten Kräfte, um der Concurrenz gewachsen zu bleiben. Und dies sollte unser „Unglück" sein? Lernen wir, statt so kindisch zu klagen, doch lieber die Unannehmlichkeit und Unbequemlichkeit, die in der „Judenfrage" für unser deutsches Volk liegen mag, als ein providentielles Mittel zu unserem Besten verwerthen! Eignen wir uns die wirthschaftlichen Vorzüge unserer jüdischen Mitbürger, ihre Rührigkeit, Findigkeit, Sparsamkeit, Mäßigkeit, eben auch an! Wenden wir die scharfe, rücksichtslose Kritik, durch welche ihre Publicisten uns oft lästig werden, eben auch selber ehrlich an auf die mannigfache Pathologie unserer öffentlichen Zustände, unserer Gesetzgebung, unserer Tagespresse und ihrer stereotypen Phraseologie." Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Magdeburg, 27. Februar. Auf unseren in No. 7 mitgetheilten „Vorschlag", die Crsmieux-Gedächtnißfeier betreffend, erhielten wir vom Central-Comitö unterm 22. d. Mts. ein freundliches Dankschreiben, aus dem wir den die Gedächtnißfeier betreffenden Paffus hier mitzutheilen uns verpflichtet halten: „.... Was nun Ihren Antrag betrifft, so wurde derselbe einer Commission mitgetheilt, welche nächstens über alle Anträge dieser Art deliberiren wird. Jedenfalls konnte keine Feier an „Esther-Fasten" veranstaltet werden, es war schon zu spät. Ob wir überhaupt eine solche Feier decretiren können, ist fraglich. Dazu kommt, daß in Deutschland einige unserer Correspondenten es fürchten, bei dem jetzigen Judenhetzen eine Crsmieux-Feier zu veranstalten. Jedenfalls danken wir Ihnen sehr für den freundlichen Antrag u. s. w." Den einen Grund, daß das Centralcomits eine derartige Feier nicht decretiren .könne, vollständig würdigend, begreifen wir den andern von deutscher Seite ausgehenden umsoweniger. Wir haben inzwischen von anderer Seite die näheren Motive jener bedächtigen deutschen Correspondenten erfahren. Man meint: „Die Böswilligkeit wird nicht säumen, unsere Verehrung für den „G l a u b e n s g e n o s s e n" Cr6mieux in eine Huldigung für den französischen Senator Crsmieux umzudeuten, für ihre infernalen Zwecke auszubeuten und also unsere deutscheGesinnung zu verdächtigen." Wir gestehen offen, daß wir diese Bedenken durch-