Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 9. (25.2.1880)
- Date
- 1880-02-25
- Page
- Seite 78 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 78 mehr faßbar. (Große Heiterkeit.) Das ist ja factisch eine so leere Redewendung, daß ich fast sagen muß. Herr Stöcker kann ernsthaft darin keine Vertheidigung finden, sondern er hat hier offenbar hinter eine allgemeine Anschauung sich verkrochen, ein Verstecken, welches vielleicht in irgend einer Volksversammlung irgend welchen Eindruck Hervorrufen könnte, aber doch wahrhaftig nicht in einer Versammlung solcher »Männer wie sie hier sind! Meine Herren, er ist dann fortqefahren: ja, wenn er auch auf diesem großen historischen Hintergrund die Judenfrage habe, so habe er sie doch zuspitzen muffen zu einer ethischen Frage, und zwar zu einer ethischen Frage gegen das jüdische Großkapital, gegen das jüdische Literatenlhum, gegen den jüdischen Wucher. Er soll mir einmal die Sittlichkeit erklären, er soll mir einmal die ethischen Grundsätze entwickeln, die dahin führen, zwischen jüdischem und nichtjüdischem Großkapital zu entscheiden, zwischen jüdischem und nichtjüdischem Literatenthum, zwischen jüdischem und nichtjüdischem Wucher. Er war vielleicht berechtigt, gegen Wucher, Großkapital und Literatenthum überhaupt zu eifern, das will ich von seinem socialistischen Standpunkte aus ihm nicht bestreiten (Heiterkeit), aber daß er das Jüdische hineinzieht und gerade dres als eine ethische Rechtfertigung seiner Angriffe hinstellt, — (Sehr gut! links) ja, meine Herren, ich muß wirklich sagen, das ist eine Verwirrung aller ethischen Begriffe. (Sehr richtig! links) Meine Herren, der Herr Stöcker ist dann übergegangen dazu, das Berliner Schulwesen zu kritisiren. Auch hier hätte ich erwartet, daß Herr Stöcker uns einigermaßen thatsächliche Vorhaltungen machte, die etwa auf die nicht genügenden Leistungen des Berliner Schulwesens hinwiesen. Ja, meine Herren, von dem allen gar nichts. Ich muß Ihnen sagen, die Anführungen, die Herr Stöcker gemacht hat, beweisen alles möglicherweise gegen seinen Geschmack, aber gar nichts gegen die Berliner Schulverwaltung! Meine Herren, wenn in einem Lehrbuch des Herrn Bohm nur dies gerügt werden kann, daß drei Gedichte von Herrn Löwenstein, dem Redacteur des Kladderadatsch, darin stehen, dann beruht das eben auf der Unkenntniß des Herrn Stöcker, der nicht weiß, daß Herr Löwenstein allgemein anerkannt ist für einen Autor, der gerade Kinderlieder mit einer Innigkeit und Zartheit gedichtet hat, daß sie in ihrer Weise eine Zierde unserer Literatur sind. Es mag ein Uebelstand sein, daß der Mann Löwenstein heißt (Heiterkeit), daß er Redacteur des Kladderadatsch ist; allein, meine Herren, gerade diesen Liedern gegenüber, meine ich, sind jene anderen Qualitäten doch selbst für Herrn Stöcker entschuldbar zum Mindesten; ich glaube kaum, daß er die Gedichte gelesen hat; er hat eS auch nicht gewagt, sie hier vorzulesen, denn er würde sonst nur allgemeine Billigung für die Ausnahme in das Lesebuch gefunden haben u. s. w. Nein, Herr Stöcker, sehen Sie sich wirklich nach besseren Argumenten um. (Heiterkeit.) Herr Stöcker hat dann mit allgemeinen Redewendungen in Bezug auf daS Berliner Schulwesen gesprochen, daß die Realien eine zu starke Betonung in diesem System fänden. Ja, meine Herren, man muß doch wirklich wiederum sagen, wer kann da diese allgemeinen Redewendungen des Herrn Stöcker controliren? Man hätte dafür schlagende Beispiele anführen sollen, und was war das einzige schlagende Beispiel? Die Geschichte eines alten jüdischen Königs, von der ich, wie ich gestehe, allerdings kein Wort weiß. (Große Heiterkeit.) Wenn ich das Geständniß mache, so möchte ich wiffen, wie viel Herren hier im Saale sitzen, welche, die Hand ans Herz, sagen können, was sie von der Krankheit und von der Genesung des Königs Hiskias wiffen. (Große Heiterkeit.) Und gegenüber der Unkenntniß dieser Geschichte, gerade in der Gegenüberstellung dieser Geschichte betonte es Herr Stöcker, daß die Lebensbeschreibungen. wenn ich nicht irre, von Schiller und Göthe, ihre Gedichte und ihre Werke in den betreffenden Schulen zur Geltung kommen. Ja, meine Herren, ich muß wirklich sagen, Jemand, der von irgend welchem Standpunkt aus nicht etwas fanatisirt ist, der muß es in Wahrheit sehr natürlich und bester finden, daß die Kinder 1 ' etwas von Schiller und Götbe wissen, als daß sie etwas i von dem kranken König Hiskias wissen. (Große Heiterkeit.) j Herr Stöcker darf doch wahrhaftig nicht, wenn er die Ber-! liner Schulverwaltung kritisirt, anstatt zu zeigen, wie er eS bester gemacht hätte, nur einen allgemeinen selbstverständlichen Satz aussprechen. Meine Herren, das war keine Kritik, das war wirklich ganz gewöhnliche agitatorische Redewendung. (Große Unruhe.) Meine Herren, diese agitatorischen Redewendungen sind nicht ungefährlich, denn es glaubt doch vielleicht irgend Jemand,' es könne dies oder jenes Tiefgedachte und Tiefersahrene dahinter sein. Meine Herren! Auch ich habe meine religiösen Empfindungen, auch ich besitze gewiffe ethische Grundanschauungen, dre, wenn sie nur angetastet werden, mir allerdings das Blut etwas rascher in Umlauf bringen. Und wenn der Herr Abgeordnete Stöcker vorhin gesagt hat, Gott habe über das liberale System gerichtet, so war das eine Anmaßung, (Oh! Oh! rechts) Sehr richtig! links) Große Unruhe) die mir allerdings das Blut in Wallung brachte. 'Ist denn der Herr Stöcker der Mann, der hier zu richten berufen ist im Namen Gottes? (Sehr richtig! links) Das ist er nicht, und ich muß sagen, einem Standpunkt, der solche falsche Redewendungen und Aeußerungen hier führt, — dem gegenüber habe ich den Verdacht der Heuchelei und der Ueberhebung! (Lebhafter Beifall links.) (Große Unruhe rechts.) Breslau. (Or.Corr.) Die in Ihrem Blatt gerügte Haltung unserer „Schles. Zeitung" in der Judenfrage besonders in Betreff der Kundgebungen des Kronprinzen ist, wie es scheint, hier nicht ganz ohne Wirkung geblieben. Wenigstens tft die fast unmittelbare Aufeinanderfolge des betreffenden Artikels in Ihrem Blatte und der Abwendung der „Schl.Ztg." von dem in diesem Artikel charakterisirten System der Jgnorirung von Kundgebungen, die zu Gunsten der Juden geschehen, em zu auffallendes post laoe, um nicht den Schluß eines proptor hoc als berechtigt erscheinen zu lassen. D:e Reüaclion der „Schles. Ztg." ist um eine kleine Kleinigkeit loyaler geworden. Nach ihrem beharrlichen Schweigen gegenüber den vtelbe'prochenen Aeußerungen des Kronprinzen bei Gelegenheu des Synagogenconcerts, die ja offenbar mit dem Wunsch, in möglichst weiten Kreisen gehört zu werden, gethan waren, hat sie ihren Lesern den Inhalt des anerkennenden Schreibens, welches von derselben Seite an den Pastor Gruber in Reichenbach aus Anlaß seines Schriftchens „Jnoenlhum und Christenthum" gerichtet worden ist, nicht vorenlhalten zu sollen geglaubt. Aach ein Bericht über das Lelchenvegängniß von Adolphe Cr6>nieux aus der „Köm. Ztg." ifi m demselben Blatte ohne jede hämische Bemerkung abgedruckt. Wer sich darüber wundert, daß wir das mit Genugthuung constatiren, der kennt die bisherigen Gepflogenheiten dieser Zeitung nicht. Haben doch seiner Zeit die boshaften Bemerkungen über den Juden D'Jsraeli während des Berliner Congreffes allgemeine Entrüstung erregt. — Beiläufig ein Beitrag für die Wahrheit der Behauptung »on dem jüdischen Einfluß auf die Presse: In der Stadtverordneten-Vers. vom 13. d. M. wurden auf Antrag des Magistrats der Redacteur der „Schles. Volkszeitung" Constantin N o w a k, auf sechs Jahre der Ausübung des Bürgerrechts verlustig erklärt und der Beschluß gefaßt, ihn um ein Viertel stärker zu den directen Gemeinde-Abgaben heranzuziehen. Grobe Fahrlässigkeit resp. Rücksichtslosigkeit in seiner Eigenschaft als Waisenrath soll ihm diese Verurtheilung zugezogen haben. Diejenigen hies. Zeitungen, welche in dem B atte des Hrn. Nowak vorwiegend als Judenblätter titultrt werden, haben von diesem für Hrn. N. so ehrenvollen (!) Beschluß ihren Lesern keine Mittheilung gemacht. Diese unberechtigte Zartheit der Rücksicht auf den ultramontanen Collegen bedarf keines weiteren Commentars. G. Aus Westpreußeu. (Or. Cor.) Die „Wochenschrift" kam in einer Correspondenz „aus Süddeutschland" (in I Nr. 43 vor. Jahrg.) auf das Pamphlet „Wucher und Jnto-