Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 9. (25.2.1880)
- Date
- 1880-02-25
- Page
- Seite 77 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/5369809-9583817-9583907--3987-9583910- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Der verstorbene Dichter Friedrich Hebbel, der seiner Zeit von der Kritik viel angefeindet wurde, sagte mir einmal: eine abfällige Kritik kann einem einen Tag verderben, am andern Tage ist, vorausgesetzt, daß die Kritik unberechtigt war, alles vergessen. Und so ist es. Grätz Geschichte gehört zu den hervorragendsten Leistungen aus dein Gebiete der allgemeine» historischen Literatur, und es werden Jahrzehnte, wenn nicht ein längerer Zeitraum vergehen, bevor sie durch ein anderes ähnliches W^k verdrängt wird. Christen wie Juden, die dieser Geschichte feindlich gegenüberstehen, werden zu derselben greifen, wenn sie sich eben über die Geschichte der Juden webden belehren wollen, und immerhin wird sie auch ferner unter den Juden selbst Propaganda für die Geschichte ihrer Ahnen machen. Nach all dem, was geschehen ist und unterlassen wurde, glaube ich behaupten zu können, daß Grätz, respective seine Geschichte heute das ist, was sie war, ein Denkmal tüchtiger wackerer Arbeit, die wie jedes menschliche Werk auch ihre Fehler hat. Grätz braucht keinen andern, der für ihn eintritt, denn „der Starke ist am mächtigsten allein"***) und sein Werk ist sein bester Fürsprecher.^) Wien, 9. Februar 1880. G. Wolf. Ein kurzes Wort der Erwiderung an Dr. L. Philippfon. AuS Rücksicht auf sein Alter unterlasse ich es, die Art zu charakterißren, wie Dr. Philippson in Nr. 6 der Zeit. d. Judenth. mein gewiß nicht unberechtigtes und von ihm provocirtes Schreiben an ihn eommentirt hat. In der Sache selbst will ich lieber für seine von der Wahrheit abweichende Darstellung den Grund in seiner Gedächtnißschwäche, als in der Absicht zu entstellen suchen. Das Sachverhältniß hat sich einfach folgendermaßen historisch zugetragen: 1) Nur bei der ersten Anknüpfung mit dem Literaturverein zur Erwerbung des 3. Bandes meiner Geschichte habe ich das Manuicript dem Leiter desselben zugeschickt. Bei den nachfolgenden sechs Bänden dagegen wanderle das Manuscript direkt von meinem Pulte in die Druckerei, öfter noch ehe das Ganze vollendet war. Ich pflegte nur dem Leiter die Anzeige zu machen, daß der Lileraturoerein in der und der Zeit aus einen' neuen Band von mir rechnen könne. Wenn es noch eines Beweises dafür bedürfte, so läge er ja in dem Umstande selbst, daß Herr Philippson das Manuscipt des 11. Bandes vorher zur Durchsicht verlangt hat, wie er selbst berichtet. Wozu das? Er hätte ja warten können, bis das Manuscript in seine Hände gelangte, wenn seine Behauptung richtig wäre, daß ich ihm jeden Band vor dem Drucke vorgelegt hätte! Es ist aber durchaus unrichtig. Nur vor der Vollendung des 11. Bandes verlangte Dr. Vh. Einsicht in das Manuscript, und ich bin dieser befremdlichen Zumulhung — da, wie männiglich bekannt ist, der Literatur- Verein sich nur durch meine Geschichtsbände erhalten hat — mit gebührender Nichtachtung begegnet. Also ich habe abgelehnt, den 11. Band dem Verein zu überlassen, nicht umgekehrt. 3) Die Einsicht in das Manuscript des 11. Bandes verlangte Dr. PH., wie sein damals an mich gerichtetes Schreiben lautete, einzig und allein, weil er — mit Recht oder Unrecht — eine ungünstigeBeurtheilung der ***) Seinem offenen christl. Gegner Trei tschke gegenüber waren Grätz' Entgegnungen in der That „alllein" die mächtigsten, aber gegen die perfiden Angriffe aus dem jüdischen Lager selbst, gegen welche sich zu kehren Grätz unter seiner Würde halten mußte, muhten aus dem eigenen Lager auch die Entsatztruppen kommen. (Ein sich selbst als Mitleiter des ehem. Inst, zur Förd. der jüd. Lit. verrathender Corresp. aus Wien in No. 7 der Zeit. d. Jud. finvet es gar „anmaßend", baß Andere für Grätz eingetreten sind!) Red. 1) Ganz richtig I — aber gerade dieses Werk, aus dem man die schneidigsten Waffen gegen alle Angriffe auf Juden und Judenthum zu holen gewohnt war, hat man ja feiger Weise dem Gegner ausgeliesert und so sich selbst geschwächt und aus kleinlicher persön l ich er Rancüne gegen den Autor die gemeinsame Sache schwer geschädigt. (Red.) Reformbestrebungen darin vermuthet hat. Es ist also unwahr, wie .r hinterher behauptet, daß er auch gegen meine Darstellung der politischen Geschichte in diesem Bande Miß'.rauen gegen denselben gehegt hätte. 3) Trotzdem uno alledem sind mit mir Unterhandlungen angeknüpft worden, dem Verein den 11. Band zu überlassen, die Dr. PH. durchaus bekannt waren, und er hätte nichts dagegen gehabt, wenn ich nicht auf gewisse Vorbedingungen bestanden hätte. Alle seine Behauptungen in der letzten Zeit bezüglich dieser Angelegenheit beruhen also auf Entstellung der Thatsachen. Uebrigens läßt mich das Jnderdikt gegen diesen Band durchaus kalt; es ist lediglich von der Feigheit, Liebedienerei oder Querköpfigkeit eingegeben. Was Oppenheim und Bamberger betrifft, so haben die Männer selbst eingestanden, daß sie mein Buch nicht gelesen haben. Correct ist es allerdings nicht, eine Verdammung ohne Verhör auszusprechen. Ich bin überzeugt, wenn diese wahrheitsliebenden und geradsinnigen Herren sich das corpus delicti ansehen würden, es würde ihnen vergehen, wie einem Professor an der hiesigen Universität, der bei der ersten Anfechtung von teut o manisch er Seite gegen diesen Band im Jahre 1871 sich mißliebig darüber geäußert hatte, ohne ihn gelesen zu haben, und später gewiffenhaft genug war, ihn durchznlesen und mir wegen seiner aburtheilenden Aeußerung Abbitte gethan hat. Oppenheim hat es schon halb und halb gethan. Grätz. Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Berlin. Die Rede Hä nel's gegen Stöcker in der Abendsitzung am Ascher-Mittwoch hat ün Abgeordnetenhause einen mächtigen Eindruck gemacht und selbst von Conservativen wird zugestanden, daß sich der Herr Hofprediger schwerlich wird erholen können von den Wunden, die ihm die Kritik und die Beredt Tarnt eit Hänel's geschlagen. Nach dem amtlichen stenographischen Bericht geben wir hier die wesentlichsten Stellen aus dieser Rede wörtlich wieder: „Meine Herren, was den Herrn Abgeordneten Stöcker betrifft, so hat derselbe seine Rede wesentlich gehalten als eine Abwehr gegen die meiner Meinung nach höchst verdienten Angriffe, die er erfahren hat' Zunächst hat er versucht, den Angriff zurückzuweisen, der gegen seine Agitation gegen die Juden hier erhoben worden ist. Ich muß sagen, seine Zurückweisung war schwächer, als ich von ihm erwartet hatte. Ich muß sagen, er hat, anstatt eine Vertheidigung zu führen, uns hier Gesichtspunkte entwickelt, die noch mehr gegen ihn sprechen, als ich selbst vorausgesetzt habe. Meine Herren, wenn ich vom Standpunkte des Abg. Stöcker gehört hätte, daß er den jüdischen Glauben als solchen bekämpfe, daß er von seinem confessionellen Standpunkt aus den Juden etwas am Zeuge flicken will, so begreife ich das. — Oder wenn er umgekehrt einen prähistorischen Standpunkt der Nationalität hervorgekehrt Hütte, so würde ich dar zwar weniger begreifen; allein ich müßte doch sagen, es klinge das nach etwas. Was sagt er uns j.'tzt? Er Hält dafür, daß die Bewegung, deren Urheber er i st, für die er verantwortlich ist, — er hält dafür, daß diese Bewegung innerhalb einer großen historischen Entwickelung liege. Und wie begründet er das? Er sagt, die Weltgeschichte lehre uns, daß immer, ich weiß nicht von 500 zu 500 oder von 1000 zu 1000 Jahren, die Semiten in einem starken Kriege sich befinden gegenüber den Ariern. Meine Herren, er exemplifiart dabei auf die Römer und auf die Punier, ich glaube auch auf die Türkenkriege, die seit dem 15. oder 16. Jahrhundert in Europa hin und wieder gewüthet haben. Ja, um Gotteswillen, wo ist da ein Verständniß hierfür? Will er die Juden, die in unserer Mitte leben, die in unserem Lande geboren sind, will er die in eine historische Reihe setzen mit Dschingiskanischen Horden oder mit den Türken Osmans oder mit den Puniern in Karthago? Meine Herren, das ist nicht