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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-02-25 · N° 9. (25.2.1880) · p. Seite 76

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 9. (25.2.1880)
Date
1880-02-25
Page
Seite 76 (sequence 2)
Language
German
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76 — gend, über das Knieholz der Alltagsmcnschen empor, in Stamm und Astwerk saftig und kernig. Es ist das Holz, aus welchem die Natur Charaktere bildet. Ein solcher war Cr6mi eux im vollsten Sinne des Wortes. Es liegt nahe, bei ihm an das Bild des Waldes zu denken. In Nimes d. i. W a l d st a d t — im Mittelalter ein Sitz berühmter jüdischer Gelehrter und von ihnen hebräisch Kirjath Jearim genannt — war er geboren, und sein ganzes Leben war urwüchsig gleich den Bäumen des Waldes. Daß er sich der Rechtswissenschaft widmete, war nicht zufällig, wie bei Menschen dieser Art Nichts zufällig, sondern ein Ergebniß ihrer innersten Natur ist. Sein Lebenszweck war die Verth eidigung derUnterdrückten, seine Devise das Bibelwort: „Gott sucht den Verfolgten." Diesen Zweck zu erfüllen, mußte er nothwendig zum Advokatenslaude sich hingezogen fühlen. In Ausübung dieses Berufes stand er den angeklagten Oppositionsschriftstellern und Demokraten wacker zur Seite; der uubestocheuen Ehrlichkeit seines Wesens, seiner Ueberzeugungstreue hatte er es neben seiner hinreißenden Beredsamkeit zu danken, daß er, wie bekannt, Karriere machte. CrGineux ist eines von den seltenen Beispielen der Geschichte, daß ein Charakter Karriere gemacht hat. Wir Juden würden an Crsmieux einen Anwalt gesunden haben, auch wenn er selbst keiner gewesen wäre. Zu betonen ist vielmehr, daß er der unterdrückten Juden sich annahm, obwohl er selbst ein Juoe war. Von der beliebten Gewohnheit mancher hervorragenden Juden, in Sachen ihrer Glaubensgenossen aus „Schicklichkeitsgründen" zurückhaltend zu sein, hat er Nichts gewußt. Als er 1870 in die Regierung der nationalen Veriheidigung als Mitglied eintrat, „schämte" er sich gar nicht, seinen Glaubensbrüdern in Algier mittelst Dekretes das französische Bürgerrecht zu verleihen. Es ist wahr, daß ihm damals von seinen Gegnern der Vorwurf nicht erspart wurde, er habe feine Stellung für konfessionelle Interessen ausgebeutet, aber es hat seiner Reputation nicht geschadet. Die bedeutendste Thal CrGmeux' ist die Gründung der Alliance israÄite universelle, deren Präsident er bis an sein Lebensende gewesen ist. Dieser Verein hat seinen Namen in der ganzen Welt bei Juden und 'Nichtjuden populär gemacht. Wäre er blos „Minister" gewesen, so wäre sein Name wahrscheinlich längst vergessen, denn auch Minister können vergessen werden. Unwillkürlich ruft der Heimgang Crsmieux' das Andenken an einen anderen großen Sohn unserer Glaubensgenossenschaft wach, anJohannJacoby. Diese beiden Männer genügen allein, das ganze gegenwärtige Gerede von der angeblichen Unvereinbarlichkeit jüdischer Abstammung und nationaler Gesinnung^ zu widerlegen. Cr6mieux und Johann Jacoby waren beide Juden, und dennoch hat es nie einen wahrhafteren Franzosen gegeben, als jenen, nie einen wahrhafteren Deutschen. als diesen. Wenn, wie in dem Streite zwischen Rom und Alba, so zwischen Deutschland und Frankreich, ein Zweikampf vereinbart worden wäre, Cr6mieux und Johann Jakoby wären Patrioten genug gewesen, als moderne Horatier und Curiatier gegen einander das Schwert zn ziehen — obgleich sie Juden waren. Dies wird auch Herr v. Treitschke zugeben. So lange aus unserer Gemeinschaft noch Charaktere wie Cr6mieux und Johann Jacoby hervorgehen, brauchen wir nicht an unserer Zukunft zu zweifeln. Aeußere Anfeindungen werden den Bestand unserer Gemeinschaft nicht gefährden. Der Lturm mag hie und da einen Stamm brechen, einen ganzen Wald reißt er nicht nieder. Erst wenn der Boden des Judenthums so ausgetrocknet wäre, daß er keine Charaktere mehr hervorzubringen vermöchte, erst dann wären wir verloren. Daß aber ein solcher Schwächezustand verhütet werde, dazu ist nöthig, die Männer von Muth und Festigkeit und Ueberzeugungstreue, deren Gedächtmß die Geschichte aufbewahrt, der Jugend zur Nacheiferung vorzuhalten. Unter diesen Männern wird Crcknieux eine bleibende Stelle einnehmen. Sein Andenken sei gesegnet! Wien, im Februar. Güdemann. In causa Grätz. Das Gewitter, das seit Jahren gegen die Juden heraufbeschworen wurde, hat mit einem Knalleffecte, mit den Auslassungen Treitschke's geendet. (?) Ich denke, letzterer hat wenig Grund, mit dem von ihm erreichten Erfolge zufriedenzu sein. Er hat sich und seinem Rufe bei weitem mehr als den Juden geschadet, und war er es, der Urtentone, der die Deutschen durch sein Vorgehen in den Augen der vorgeschrittenen civilisirten fremden Völker erniedrigte. Ich würde diese Angelegenheit nicht weiter berühren, wenn es mir nicht darum zu thun wäre, eine andere Erscheinung, die dabei ins Leben trat, zu erörtern. Herr v. Treitschke hatte sich in seinem Angriffe speciell gegen Grätz gewendet, und in all den Schriften, die hierauf gegen Treitschke erschienen, trat keiner für Grätz ein, ja die meisten derselben stellten sich sogar in dieser Beziehung auf den Standpunkt Treitfchke's. Der sehr geehrte Rabbiner und Prediger l)r. Güdemann in Wien erhob nun die Anklage, man habe Grätz ausgeliefert. Dieses Plaidoyer ehrt sowol den, der es erhoben, wie den, für den es gehalten wurde. Es entsteht nun die Frage, wie konnte dieses geschehen? und Ist Herr Professor Grätz wirklich ausgeliefert worden? — Suchen wir uns darüber klar zu werden. Und da sei es mir gestattet Folgendes vorauszuschicken. Es gibt zwei Arten von Geschichtsschreibung. Die Einen schreiben Geschichte gewissermaßen als unbetheiligte Zuschauer. Sie halten die Waage der historischen Gerechtigkeit in der Hand und wägen ruhigen Blickes und Herzens die Thaten, wie sie sich ihnen darstellen und wie sie sie auffassen, ab. Die Andern wieder fassen die Geschichtschreibung nicht blos als eine Arbeit des Geistes, sondern auch als die des Gemüthes und des Herzens auf, wodurch die Darstellung ein wärmeres Colorit bekommt. Diese beiden Gattungen von Historiographen haben ihre Anhänger, Freunde, Verehrer und Bewunderer. Grätz gehört zu den Letzteren. Daher kömmt es auch, daß seine Geschichte einen so außerordentlichen Erfolg hatte. Von allem andern zu schweigen, wollen wir doch das große Verdienst hervorheben, daß Grätz die Kenntniß der jüdischen Geschichte in jene gebildeten jüdischen Kreise getragen hat, welche sonst mit einem höhnischen Nasenrüinpsen auf die jüdische Literatur herabsahen. Ein derartiger Historiker, der, wie Joel richtig bemerkt, p6etu8 hat, der mit seinem Auge das himmelschreiende Unrecht, welches Christen gegen Juden Jahrhunderte lang geübt haben, übersieht, der mußte sich wahrlich Gewalt anthun, um in der gemäßigten Weise zu schreiben, wie er es gethan hat. Anders stellt sich jedoch die Frage, wenn man blos die Jetztzeit im Auge hat, und wenn auch heute das Verhältniß 'wischen Juden und Christen, wie uns die Marr, Stöcker, Treitschke rc. belehren, nicht so ist, wie er sein sollte, so ist es doch bei weitem anders, als es früher war, und da eben diese Darstellungsweise als Erschwerungsgrund erhoben murde, lehnte man die Verantwortlichkeit dafür ab, und überließ es dem Autor, dem sie angehört, für sich selbst einzutreten *) Die zweite Frage: Ist Professor Grätz ausgeliefert worden? müssen wir auf das Entschiedenste desavouiren.**) *) Das hat Grätz in mannhafter Weise gethan. Charakteristisch aber ist, daß weder Hr. Dr. Philippson in der Zeit. d. I. noch Hr. Dr. Lehmann im „Israelit" davon Notiz genommen. So hat Hr. Ph. doch etwas mit Hrn. L. gemein. (Red.) **) Unser gesch. Herr Mitarbeiter scheint das Wort „ausgeliefert" zu urgiren, das ist natürlich eum grano salis zu verstehen; die Thatsache, daß diverse jüd. Schriftsteller sich beeilt haben, Grätz preiszugeben, läßt sich nun einmal nicht bestreiten; und das war, wie Dr. Güdemann es in seinem sensationellen Leitartikel in Nr. 5 d. Bl. ganz richtig bezeichnet, weder tapfer noch Honnet noch klug! Haben doch einige unserer jüd. Vertheidiger — „in der Hitze des Gefechts" — gar manches Wesentliche des Judenthums rasch über Bord werfen zu müssen geglaubt, ja einer von ihnen bat sich so weit vergessen, als Beweis für das gute Einvernehmen der Juden mit den Christen darauf hinzuweisen, daß in Berlin in fast jedem (?) jüd. Hause ein Christbaum im Lichterglanz strahle!? Weil man uns „jüd. Selbstüberhebung^ zum Borwurfe machte, verfiel man sofort in's andere Extrem, in die uns auch als verächtlich vorgeworfene „jüd. Kriecherei und Feigheit"; während doch nur mannhaftes Selbstbewußtsein geeignet ist, uns selbst in den Augen der Gegner Achtung zu verschaffen. (Red.)

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