Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 8. (18.2.1880)
- Date
- 1880-02-18
- Page
- Seite 68 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 68 — lichkeit, mit der es Herrn Stöcker widerlegt, gelesen undver-, breitet zu werden verdient. Es kommt leider noch nicht zu spät. Hannover, 13 Februar. (Or.-Corr.) Die von mir in voriger Nr. dieser Zeitung erwähnte Ausschließung der Juden von einer diesigen höheren Schule kam in der letzten gemeinsamen Sitzung der städtischen Collegien zur Sprache. Der Bürgervorsteher und Rechtsanwalt Fischer II. (welfischutlramonlan), berühmt durch seine Vertheidigung des Vwars und der Donicapitulare zu Münster in dem vom bischöflichen Commissar gegen sie anhängig gemachten Criminalprozefse, richtete an den Magistrat die Anfrage, wie dieser sich zu der betr. Sache stelle. Das Bürgervorstehercollegium sei einstimmig der Ansicht, ein derartiges Vorgehen als ein ungehöriges auf das Entschiedenste zurückzuweisen. Stadtdirector Rasch theilt die Ansicht des Vorredners; auch der Magistrat sehe einhellig in dem Geschehenen ein in jeder Weise ungehöriges Vorgehen; der Dtrecror sei auf das Energischste reprobirt. UedrigenS brauche die jüdische Gemeinde nichts zu besorgen, da auf der betr. Schule nunmehr 79 Schüler seien. Fischer constatirt daraus ein erfreuliches und in jeder Weise zu unterstützendes Streben jüdischer Eltern, ihren Kindern eine tüchtige wissenschaftliche Bildung zu geben. Er kenne eine Menge Familien, wo die Eltern darbten und hungerten, um ihren Kindern solches zu ermöglichen, die Christen möchten sich daran ein Beispiel nehmen. UebrigenS sei aus der bisherigen „Toleranz" des Directors kein Schluß auf die fernere Haltung des Herrn zu ziehen. Bürgerworthalter B e hre (Welfe) erklärte es für ein unerhörtes Stück von einem Director gegen einen Bürger, der ihn doch für seine Leistungen bezahle. Senator Eule mann erläutert als Schulsenator die Angelegenheit und erklärt, daß der Magistrat die unberechtigte Verfügung sofort annullirl habe. Bürgervorsteher König (nat.-lib.) sieht in dem Vorgehen nicht so sehr eine Zurücksetzung der israelitischen Mitbürger, als vielmehr eine flagrante Rechtsverletzung, wie sie in den Schulanalen unserer Stadt noch nicht vorgekommen sei. Magistrat und Bürgervorsteher müßten in jeder Weise dafür sorgen , daß solche Ungerechtfertigkeiten nicht wieder vorkämen. — Unsere städtische Vertretung hat auf diese Weise wiederum gezeigt, daß sie nicht gewillt sei, antisemitischen Bestrebungen Vorschub zu leisten, sondern sie sofort zu unterdrücken. Auch müssen wir rühmend hervorheben, daß die Blätter aller Richtungen einen ausführlichen Bericht über diese Sitzung gebracht haben, mit Ausnahme des Blattes der altpreußischen Junkercolonie, das sich in tiefes Schweigen hüllte. Homburg v. d. H., 5 Febr. (Or.-Corr.) Das hiesige Tageblatt „Der Taunusbote" schrieb unterm 29. vor. Mts.: „Es wird die Leser dieses Blattes gewiß interessiren, zu erfahren, daß unser Mitbürger. Herr Rechtsanwalt Seligmann B i n g e, morgense in 50jähriges Jubiläum als Rechtsanwalt begeht. Derselbe ist am 30. Januar 1830 als Rechtspraktikant zur Ausübung der juristischen Praxis zugelassen und am 19. Februar 1832 zum Regierungs-Advokaten-Pro - kurator in Homburg ernannt worden. Seit dem 1. October 1879 ist er als Anwalt bei dem Oberlandesgericht Frankfurt a. M. zugelassen. Herr Rechtsanwalt Binge ist bereits 74 Jahre alt und erfreut sich eines außergewöhnlich rüstigen und gesunden Wohlergehens." Am Jubeltage erschienen Collegen, Freunde und Verwandte, um den Jubilar zu beglückwünschen, aber nur im engsten Kreise der Familie wurde der Tag gefeiert, da erst vor Kurzem die würdige Gattin dem Gefeierten entrissen worden. Doch die Armen der Stadt und der Gemeinde wissen davon zu erzählen. Herr Ober-Gerichts- Anwalt Binge ist auch schon über 3 Dezennien Mitglied des hiesigen israelitischen Cultusvorstands, auch Vorsteher des hiesigen Jsr. Männer-Kranken-Kasse. Möge derselbe, ein Wohllhäter der Armen, uns noch recht viele, viele Jahre erhalten bleiben! Ich bin auch in der Lage Ihnen von einem anderen 50jährigen Amts-Jubiläum berichten zu können. Herr Oberrabbiner Aruaud Aron von Straßburg (im Elsaß) wird dieses Fest am 8. d. M. begehen. Wie ich von einem dortigen Geschäftsfreunde erfahren, hat sich daselbst zur Feier des Tages ein Comil6 gebildet, das schon über bedeutende Geldinittel verfügt. Bei seinem Hiersein im Sommer v. I., an der Seite seiner klugen, liebenswürdigen Gattin erzählte mir der noch rüstige Jubelgreis von seinen vielen Hindernissen und Kämpfen im Anfänge seines Wirkens, Kämpfen, die keinem jüd. Geistlichen erspart werden. Möge nun der Abend seines Lebens und Wirkens ein recht schöner und freundlicher für ihn werden und der geehrte Jubilar uns noch recht lange erhalten bleiben! Louis Lehmann. (Ueber die folenne Feier dieses Jubiläums gingen uns mehrere Berichte zu, die wir im Nachfolgenve n zusammenstellen.) Straßburg (Elsaß), 9. Februar. Die hiesige israelitische Cultusgemeinde beging gestern ein eben so schönes als seltenes Fest, das fünfzigjährige Amtsjubiläuni des Oberrabbiners und Präsidenten des israelitischen Consistoriums, Herrn Arnaud Aron, welches gleichzeitig auch das Fest seiner goldenen Hochzeit war. Geboren zu Sulz 1807 wurde Herr Aron im Februar 1830 zum Rabbiner von Hegenheim und im Jahr 1834 zum Oberrabbiner in Straßburg ernannt. Von jener Zeit an bis auf den heutigen Tag leistete er der iym anvertrauten Sache beständig die größten Dienste und entfaltete in seinem hohen und schwierigen Amte einen Scharfsinn, eine Hingebung und ein Verwaltungstalent, wodurch die israelitische Gemeinde von Straßburg die blühende Lage, deren sie sich in Gegenwart erfreut, erlangte. Als Präsident des Consistoriums. des Armenkomit6s, des Hülfsvereins für die Kranken, des Vereins zur Förderung der geistlichen Studien und als Ehrenpräsident der israelitischen Gewerbeschule, dieser schönen Anstalt, welche so großes zur Hebung der ärmeren israelitischen Bevölkerung der Stadt Straßburg und des Elsasses leistete, übte Herr Aron im Schooße dieser wohlthäthigen und die Sitten hebenden Anstalten, von denen mehrere seiner Initiative zu verdanken sind, die fruchtbarste Thälig» feit aus. Am 8. Februar 1830 vereinigte sich Herr Arnaud Aron mit der wackeren und edlen Gattin, deren schöne Eigenschaften an Verstand und Herz mit Rath und That die Laufbahn des Oberrabbiners von Straßburg unterstützten. Gegen 1 Uhr Mittags versammelten sich im hiesigen israelitischen Tempel eine bedeutende Anzahl der Mitglieder der Gemeinde und viele von außerhalb herbeigekommene Glaubensgenossen. Vor den Treppenstufen des Altars waren rothsammtene Armstühle für den Jubilar und seine Gattin, sowie Sessel für die Gemeinderepräsentanten aufgestellt, eine herabschwebende Blumenkrone ersetzte den fehlenden Baldachin, dessen Aufrichtung auf Wunsch des Jubilars unterblieben war. Bald nach 1 Uhr war der festlich erleuchtete Tempel in allen seinen Theilen fast vollständig gefüllt. Rechts vom Altar hatten die geladenen Ehrengäste, Leine Excellenz der Herr Gouverneur von Straßburg. Generallieutenant v. Schkopp, die Herren Unterstaatssekretäre v. Pommer-Esche und v. Pull - kamer, Herr Präsident Leooerhose, der Präsident des Evangelischen Consistoriums Herr Kratz, Herr Bürgermeisterei-Verwalter Back, Herr Polizeidireklor v. Saldern und einige Mitglieder des Landesausschusses und Bezirkstages, die Herren Klein, North, Schneegans, Goguel u. A. Platz genommen. Der Statthalter Sr. Majestät, sowie 2e. Excellenz der Herr Staatssekretär hatten sich in Folge einer starken Erkältung entschuldigen lassen, von Seiten des Hrn. Statthalters war dem Jubilar ein Glückwunschschreiben zugegangen. Links vom Altar hatten die Herren des Fest-Comil6ö und einige andere Gäste Platz genommen. Der katholische Klerus war unvertreten. (Wie wir hören, hatte Herr Bischof Naeß in einem Schreiben an den ihm persönlich nahestehenden Jubilar sein Ausbleiben mit dem Hinweis auf sein hohes Älter entschuldigt.) Die Rabbiner des Landes waren durch eine starke Deputation repräsentirt. Bald nach 2 Uhr erschien, vom Klange der Orgel empfangen, geführt von dem Vicepräsidenten des Consistoriums Hrn. Leo B l u m - A u s ch e r und