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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-02-18 · N° 8. (18.2.1880) · p. Seite 67

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 8. (18.2.1880)
Date
1880-02-18
Page
Seite 67 (sequence 3)
Language
German
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ES ist zwar überraschend, daß auch in dem politisch so hoch entwickelten England eine Verdächtigung der Juden in Beziehung auf ihre patriotischen und politischen Gesin* nungen durch einen so hochgestellten Mann wie Gladstone ausgesprochen werden konnte. Es ist ebenso unberechtigt zu sagen, daß Gladstone'S Aeußerung ganz den germanischen antisemitischen Gesinnungen gleichzustellen sei. Und doch liegt beiden Erscheinungen nicht nur das ähnliche Motiv zu Grunde; politisch einflußreiche Personen, die dem Judenthum ent* stammen oder noch demselben anhängen, aus ihrer politischen Machtstellung zu drängen und ihre Politik zu bekämpfen, sondern auch der große Jrrthum von einer Jntereffenpolitik der Juden. Man wähnt, daß die Juden wie die Polen eine nationale Politik verfolgen, die eines gedrückten, geknechteten, gemißhandelten Volkes, welches nicht mit Armeen kämpfen kann und deshalb auf socialem Wege ihre ehemaligen Bedrücker zu beseitigen sucht, um ein nationales Judenthum zu entfalten. Deshalb ist die Alliance JSraelite Universelle in den Augen dieser Judäophoben ein politischer Bund, und ähnlich sind die Vereine in London, Wien u. s. w. Deshalb unterstützen nach Gladstone'S Ansicht die Juden solche Parteien und solche Bestrebungen, welche das nationale Judenthum fördern und zu glanzvoller Stellung emporheben können. Man sieht also die Juden als eine in sich geschloffene Partei an, die den Kampf gegen alle Staaten unternehmen müffen, um sich zu rächen und zur Herrschaft zu bringen. Wie kommt man aber zu solchen Wahnideen? Denn anders als Wahn kann man eS nicht bezeichnen. In allen Ländern gehören die Juden den verschiedensten politischen Parteien an. Vom äußersten ConservatiSmuS bis zur Socialdemokratie sieht man Jude« als Vertreter der verschiedenen Parteien und Parteischattirungen. Eine Vertretung, wie die Katholiken, mit bestimmtem politischem Programm, haben sie nicht, sie verlangen nirgends Privilegien, sie wünschen nur Freiheit für ihren Gottesdienst, wo ist da eine nationale Partei, wo ein nationales Programm? Was könnten sie denn auch nur verlangen wollen? Ein selbstständiges Reich? Damit könnte doch höchstens nur Palästina gemeint sein, und um dieses zu erwerben, nützte ihnen ja ein Kampf gegen die europäischen Staaten gar nichts. Die Juden wollen aber Palästina nicht erobern oder erwerben, sie fühlen sich nur verpflichtet, dieses Land wieder zu cultiviren und die dort lebenden Juden zu bilden. Was sollten also Juden mit einem national.jüdischen politischen Programm bezwecken wollen? Etwa ein Concordat oder die weltliche Herrschaft eines Papst-RabbinerS? Wie gesagt, der Gedanke eines jüdischen Nationalismus im polititischen Leben ist ein Wahnwitz Dazu kommt noch, daß der Jude durch seine Religion auf daS Strengste verbunden ist, nicht nur den Landesgesetzen zu gehorchen, sondern das Wohl des Landes zu fördern, in dem er unter dem Schutze der Gesetze steht. Der Jude gehört der politischen Partei an, die er versteht und für zweckmäßig hält, ganz so wie der Christ. Woher kommt nun doch dieser Wahn? DaS ist die Folge der Unwissenheit und deS — bösen Gewissens. Unwissenheit ist eS, die kein genaues Bild von dem politischen Leben einzelner Juden hat und die Religion deS Juden nur nach den Verdächtigungen unwiffender und bethörler Fanatiker beurtheilt, böses Gewiffen ist eS, indem der seines Judenhaffes und der an den Juden begangenen Thaten seiner Vorfahren und seiner Zeit sich bewußte Christ sich selbst gesteht, daß ein solches Christenthum unmöglich Liebe erwecken kann; das fühlt auch der Judenfeind. Sein Unrecht einzugestehen, ist er meistens zu stolz, darum wie alle kleinen und engen Seelen fürchtet er die, welche er nicht liebt. Sein böses Gewiffen ängstigt ihn, seine Angst übertreibt die Macht des Gegners und der Gespensterspuk ist fertig. Nein, ihr engherzigen Gespensterseher, liebet den Juden, und ihr werdet ihn liebenS werth finden. Der Jude hat nur einen Glauben, das ist der an seinen Gott, und nur eine politische Aufgabe, seinem Vaterlande, in dem er lebt, seine Kraft zu widmen. Er wählt nicht den Judenfreund, sondern den Vaterlandsfreund. Daß der wahrhafte Freund deS Vaterlandes den Juden nicht rechtlos machen will und wird, daS freilich verlangt der Jude von jedem Patrioten, und zwar nicht blos für sich, sondern daS verlangt er ebenso für jeden andern Bürger. Der Jude wählt den Patrioten, welcher jede Noth im Staate nach Kräften zu lindern, jede Lücke im Gesetzbuch auszubeffern sucht. Und wenn der englische Jude liberal ist, Herr Gladstone, so ist er es nicht um seines Bruders im Osten halber, sondern weil er im liberalen Programm für jeden Engländer ein Glück sieht, und ist der englische Jude conservativ, so thut er dies aus dem nämlichen conservativen Grunde, nicht weil Beaconsfield einen jüdischen Vater hatte. Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Magdeburg, 13 Februar. Fast jede ZeitungSnummer der vergangenen Woche brachte unter den Landtagsberichten Reden für und gegen die Juden. Unter den Gegnern die bekannten Heißsporne Stöcker, Schorlemer-Alst und noch ein Centrumsmann, Lieber; was sie sagten, war nichts Neues, immer die bekannten Tiraden, die man in den letzten Monaten in einer Menge von Broschüren und Flugschriften bis zum Ekel gelesen hat. Doch fehlte es auch nicht an Männern im Parlamente, die diese judenfeindlichen Redner gründlich aä absurdum führten. Wir nennen als solche wackere Kämpen die HH. Löwe, Rickert und ganz besonders Prof. vr. H änel.*) Wir können ihre Reden hier nicht wiedergeben, unsere Leser werden sie auch bereits in den politischen Zeitungen mit großer Genugthuung gelesen haben. Zu den Angriffsreden des Centrums ist zu bemerken, daß der Vorwurf, die Juden hätten die Maigesetze verschuldet, nicht mehr vernommen wurde; und wenn Herr Stöcker und Cons. betonen, daß es ja durchaus kein Religionshaß sei, der bei sieihrem Auftreten leite, so wollen wir, um sie — besonders Herrn Stöcker — Lügen zu strafen, einfach darauf Hinweisen, daß die „Neue evang. Kirchenzeit.", das Organ Stöckers, ausdrücklich in ihrem zweiten Artikel über den gegenwärtigen Stand der Judenfrage (Nr. 3) bemerkt, daß die Judenfrage nur durch das Evangelium von der Tagesordnung schwinden werde — also die Äassentaufe ist das letzte Ziel dieser ganzen mittelalterlichen Judenhetzbewegung. Nun wiffen wir doch, wo's hinaus will! Bei dieser Gelegenheit machen wir darauf aufmerksam, daß die gen. Kirchenzeitung mit großer Sorgfalt alle jüd. Preßerzeugniffe verfolgt, und wo sie irgend einen Satz bei einem jüd. Schriftsteller findet, der, sei es auch nur hypothetisch, ihr in den Kram paßt, da wird er sofort als Zugeständniß citirt, z. B. selbst der jüd. Prediger so und so eifert gegen das Wucherunwesen bei den Juden, oder (wie in Nr. 2) „selbst Stern (in den „Lehrsätzen") kann nicht umhin zu bekennen, daß die Juden numerisch einige Gründer mehr gestellt haben". — So citirt sie in perfidester Weise Philippson, Bergl (Juden in Ungarn) u. v. A. Darum: Danaia nnTH D'ttan. — Von „Einem, dessen Name Nichts zur Sache thut". ist jetzt — nachträglich — bei LouiS Gerschel in Berlin noch „ein Wort im Vertrauen an Herrn Hofprediger Stöcker" erschienen, das ob der Wärme, mit der es geschrieben, und der Ruhe und Gründ- *) Die „Köln. Ztg." berichtet über den Eindruck der Rede Hänel's: „Herr Stöcker bekam ein langes Gesicht und wechselte die Farbe, es wurde ihm sichtlich klar, daß er sich an einem andern Orte und vor einer andern Gesellschaft befand, als in der vom Tabaksdampf angefüllten Bierstube der Ehristlich-Socialeu und ihren gemietheten Leibjuden, die ab und zu die Opposition vorstellen müssen.

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