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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-02-11 · N° 7. (11.2.1880) · p. Seite 63

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 7. (11.2.1880)
Date
1880-02-11
Page
Seite 63 (sequence 7)
Language
German
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sich die Jude« aufhielten, hinausführte. Er war soeben zu einem Kranken gerufen worden, der hier im Orte fremd war und sich erst einige Stunden daselbst aufhielt. Am untersten Ende der schmalen Gasie hält der Arzt vor einem kleinen zerfallenen Häuschen an, deffen Fenster mit Papierfetzen nur nothdürftig verklebt waren, um der Kälte den Eintritt in das Gemach etwas zu verwehren. Kopfschüttelnd betrachtete der Rabbi die zum Theile einge« stürzte HauSthüre, welche nur über einen Trümmerhaufen den Eintritt gestattete, dann aber, rasch entschlossen, überschritt er die Schwelle. Ein eigenthümliches Bild bot sich ihm dar. In einem schmutzigen Gemache, ohne irgend welche Einrichtungsstücke, lag auf einem alten zerrissenen Strohsacke ein Mann, desien Aeußeres den Vagabonden kennzeichnete. Wirres, struppiges Kopf- und Barthaar bedeckte das Gesicht desselben, auf welchem sich eine fahle Bläffe gelagert hatte. Der linke Arm war in blutige Leinen gehüllt und lag regung-loS an der Seite des Mannes. In einer anderen Ecke deS Gemaches saß auf einem hölzernen wackeligen Schemel ein junges schönes Mädchen mit lieblichem Gesichte, jedoch bleichen eingefallenen Wangen, von langen schwarzen Haaren umrahmt, die unordentlich über die Schultern niederhingen. Ihre großen wundervoll schwarzen Augen waren thesiweise durch die langen seidenartigen Augenwimpern umschleiert, schauten trübe, bewußtlos umher. Ein herber, bitterer Zug de- Weh'S, des größten Seelenschmerze-, deS tiefsten Leides hatte sich diesem Gesichtchen ausgeprägt. Und die Kleidung dieser schönen Wesen» war so sehr vernachlässiget, daß sie theilweise in Fetzen zur Erde niederhing, während die Schuhe mit groben Stricken an den Füßen befestiget waren. Der Mann stöhnte zeitweilig. Er mußte unsäglich leiden. Große Schmerzen mochten eL wohl sein, welche ihn veranlaßten, sich convulsivisch auf seinem armseeligen Lager umherzuwälzen. Sein Gesicht verzog sich bis zum Fratzenhaften, und laut knirschte er mit den Zähnen. DaS junge Mädchen kümmerte sich jedoch gar nicht um die SchmerzenSauSrufe de» Kranken. Ihr Gesicht zeigte Heiterkeit, sie lächelte, immer und immer wieder, und sang. — Wa» sie sang? ES war eine einfache schöne Melodie, und die Stimme so rührend, so herzergreifend. Der Rabbi wußte eS sich nicht zu erklären, wie dieses Geschöpf, welches doch dem Anscheine nach wahrscheinlich die Tochter des Kranken war, obwohl ihr feine- Aussehen mit dem deS Mannes schlecht übereinstimmte, in solch' einem ernsten Momente lachen und singen könne. Doch noch mehr erstaunte er, als sie sich bei seinem Eintritte in daS Gemach durchaus nicht stören ließ, sondern sich lächelnd von ihrem Sitze erhob, ihr Lied von Neuem anstimmte, und dann mit ausgestreckter Hand, wie um eine Gabe flehend, ihm entgegenging. „O, gebt mir," sagte sie mit lieblicher Stimme, „für meinen Bruder". Der Mann auf dem Lager bemerkte erst jetzt die Anwesenheit de- ArzteS im Gemache. „Seid Ihr der Arzt, um den ich geschickt habe?" fragte er mit rauher Stimme. „Ja wohl bin ich eS," antwortete Calmi, ohne jedoch seinen Blick von dem Mädchen abzuwenden, welchesich singend wieder auf ihren Holzschemel gesetzt hatte. „Womit kann ich euch helfen?" „Helfen! helfen! ei daß doch der ... . Bin heute Morgens in diesem UnglückSnesie hier angekommen. Wir waren froh, endlich wieder nach langem Hin- und Herziehen, um das armselige Leben zu fristen, eine Ortschaft erreicht zu haben, wo wir, ich und sie," und dabei deutete der Mann auf da- Mädchen, „auSruhen könnten. Ich kenne die Wege hier herum nicht, und richtig führt mich das Unglück zu einnem Grabe», in welchen ich auch richtig Hineinstürze und mir den einen Arm total zerschlage. JstS etwa ein Wunder? alle Wege verschneit; und alles Unglück hat sich an meine Fersen geheftet, seit dieses . . ." Der Mann unterbrach sich plötzlich. „Laßt sehen!" Der Arzt entfernte die blutigen schmutzigen Lappen, von welchen der Arm umhüllt war, und besah die Wunden genau, dann legte er einen kunstgerechten Verband an und gab die nöthigen Verhaltungsmaßregeln. „Dies ist wohl eure Tochter," sagte dann der Arzt, während sich sein Blick abermals auf das Mädchen richtete, welches unbekümmert um das, waS vorging, ihr Lied fortsetzte. „Ja wohl, sie ist meine Tochter," sagte der Mann rauh, während er sich vom Lager halb aufrichtete und den Arzt mit sonderbaren, argwöhnischen Blicken betrachtete. „Bin genug mit ihr gestraft. Es ist im Kopfe bei ihr nicht recht richtig." „ArmeS Geschöpf," sagte der Arzt und näherte sich dem Mädchen. „Habt Ihr schon Aerzte befragt über ihren Zustand? es dürste die Möglichkeit nicht auSgeschloffen sein, daß sie geheilt werden könnte." „Ei ja wohl freilich, denkt Ihr denn, Herr, wir armen Leute hätten nichts Anderes zu thun, als daS Geld, welches man mühsam verdient hat, für Arzeneien und sonstigen Plunder auszugeben? Nichts da! Ist man krank, so hilft schon die Natur selbst und wenn nicht, dann kann auch der Doktor nicht helfen und man muß eben in'S Gras beißen. Und dann, die da — bei der Hilst Alles nicht, sie ist unheilbar." Der Arzt stand vor dem Mädchen und betrachtete eS genau. „Sonderbar," sagte er, „diese feinen regelmäßigen Züge, ist mir doch, alr wären sie mir nicht fremd. Habe ich denn dieses Mädchen schon irgendwo gesehen? Doch wo? AuS diesem Gesichte schaut mir etwa- Lrebes, Bekanntes entgegen. Wenn ich nur wüßte, wenn ich mich nur erinnern könnte." Der Kranke war vom Lager aufgesprungen und drängte sich zwischen das Mädchen und dem Arzt. „WaS kümmert- Euch, wem sie ähnlich sieht," schrie er brutal. Verwundert schaute der Arzt den Sprecher an. „Endlich!" rief er dann, „ja, ja, das ist das Ebenbild meines Freundes, des Rabbiners Josua." DaS Mädchen zog jetzt aus der Tasche ihres Kleideein Packet hervor, und den erstaunten Blicken des Arztes zeigten sich ein paar Tefillin mit Blut überzogen. „Seid Ihr Jude?" fragte er den Verwundeten. „Dumme Frage! Ich? nein, warum fragt Ihr? „Ich dachte nur eben. Doch was hat dieses Mädchen in den Händen?" DaS Gesicht des Mannes wurde noch bleicher. „ES ist ein Spielzeug und nicht in Güte, nicht mit Gewalt läßt sie sich es nehmen." „Ein Spielzeug? Sonderbar, solch Spielzeug findet man nicht gewöhnlich in eines Christen Haus, doch —" „Doch," fiel der Mann brutal in- Wort, „kümmert Euch nicht um Sachen, die Euch ganz und gar nichts angehen und auch gar nicht in Euer Fach schlagen." „Ihr seid keck, mein Freund," sagte der Doctor Calmi gelaffen, „und auch undankbar." „Und Ihr seid ein Spion, der sich um die Geheimnisse anderer Leute mehr zu schaffen macht, als er eben soll. DaS närrische Ding hängt eben mit einer besonderen Vorliebe an diesen Gegenstand. Verzeiht," fuhr er mit verlegenem Lächeln fort, „wenn ich euch beleidiget habe, doch müßt Ihr dies schon meinen Schmerzen zu Gute halten." Reb Calmi verließ das Gemach ohne ein Wort nur zu erwidern. Draußen vor der Thüre hörte er laute Scheltworte deS Manne-, welche jedenfalls dem Mädchen galten. Auf seinem Rückwege drängte sich ihm immer und immer wieder die sonderbare Aehnlichkeit dieses Mädchens mit seinem Jugendfreunde Rabbi Josua auf. Und ebenso unerklärlich erschien ihm der Besitz der Tefillin. „Wie kam da- Mädchen dazu, und warum zeigte sie hiefür eine solch' große Vorliebe?" (Forts, folgt.)

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