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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-02-11 · N° 7. (11.2.1880) · p. Seite 62

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 7. (11.2.1880)
Date
1880-02-11
Page
Seite 62 (sequence 6)
Language
German
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62 — von einem ReligionSlehrer ein Zeugniß über Religion beibringen. Da im letzten Semester kein Religionslehrer an den Volksschulen war, legten dieselben bei Dr. Duschak ihre Prüfungen ab, wobei derselbe niederschlagende Erfahrungen machte. Er fragte einen chassidäischen Knaben: Was hast du gelernt? Antwort: Baba Mezia. Wieviel Söhne hatte Adam? Das Hab ich nicht gelernt. Es kam aber auch ein Knabe von einem s. g. Aufgeklärten. Er wurde gefragt: Was betest du täglich? und der Knabe citirte ein Gebet auS einem — christlichen Gebetbuch. Exempla sunt odiosa. England. London. Die Gladstone'fchen Aeußerungen bilden noch immer einen Gegenstand der öffentlichen Besprechung und man kann nicht sagen, daß er sich genützt. Die Widerlegungen, die er erfahren mußte, haben ihm zeigen müssen, daß er wenig genau über die Theilnahme der Juden an den politischen Parteiungen unterrichtet war. Louis Berg hat ihm neuerdings erst wieder in sehr höflicher aber schlagender Weise das Irrige seiner Meinung vorgeführt. Wenn auch die Angaben Bergs von einer Seite aus einige Correcturen erhielten, so scheinen sie doch im Ganzen richtig zu sein. Die Anglo-Jewish-Association hat wieder ihre Sitzungen gehalten und sich mit den Zuständen in Rumänien, Ostrumelien, Palästina, Marocco und einzelnen Schulen des Ostens befaßt. Vorzügliches Jnterresse erregte eine Mittheilung aus Berlin über die russischen Juden, dergemäß die Roth der russischen Juden im Kosackenlande, in Bessarabien und in den großen russischen Städten als eine Consequenz früherer gesetzlicher Einrichtungen und theilweiser Schuld der Juden selbst und nicht als ein Akt besonderen Judenhasses anzusehen seien. Ein freudiges Echo fand die Mittheilung über die Schule, die zu Damascus errichtet werden soll. Auch die neuen Colonisationspläne Palästinas von Olivant und Cazalet werden eifrig debattirt. Das scheint dabei als sicher sich herauszustellen, daß in Gilead sich manche gewinnbringende Bodeucultur und Industrie einführen und errichten ließe. Bedenken muß aber mit Recht der schwache Schutz erregen, den Colonisten durch türkische Behörden zu erwarten hätten. Vermischte »ud neueste Nachrichten. Berlin, 4. Februar. Gestern Abend starb im 75. Lebensjahre der Obercantor der hiesigen jüdischen Gemeinde I. A. Lichtenstein. Der Verstorbene war bis in sei» hohes Lebensalter mit einer wunderbar schönen und frischen Stimme begnadet. Gegen vier Decennien bekleidete er sein oft schwieriges Amt in würdigster Weise. Seit Jahresfrist hatte er dar Augenlicht fast ganz verloren und mußte geführt werden. An hohen Feiertagen ließ es sich der Greis nicht nehmen, wenigstens einen Theil des Gottesdienstes zu leiten. Sein Haus war Künstlern aller Confessionsn stets ein gastfreundliches und wurde in demselben so mancher „Künstler-Abend" abgehalten, die ungewöhnliches musikalisches Jntereffe boten. Die Beerdigung fand Freitag Vormittag, am Sterbetage des sel. Rabb. Dr. Sachs, unter großer Betheiligung der Gemeinde, der Vorstandscollegien, sowie der Gemeindebeamten statt. Er ruhe sanft! — Berthold Auerbach hat von dem König von Württemberg den Friedrichsorden zweiter Claffs erhalten. Mit diesem Orden ist das Recht verknüpft, den König von Württemberg um die Verleihung des Adels zu ersuchen. Leobschütz. Durch die redactionelle Nachbemerkung in No. 1 d. Bl. veranlaßt, theile ich noch nachträglich mit, daß Hr. Commercienrath Teich mann in seiner Jugend ein eifriger Talmudschüler gewesen — er hat sogar vor etwa 40 Jahren vom »ielgerühmten Zülzer Raw die LIorvnu-Würde erhalten — und noch jetzt unausgesetzt und mit Vorliebe hebr Schriften liest. Gegenüber Ihrer Befürchtung, daß auch der Commercienrathtitel zu Rischuß Veranlaffung geben könnte,*) kann ich nur constatiren, daß hier diese Auszeichnung auch von den Christen aufs Freudigste begrüßt worden ist; sogar die katholische und protestantische Geistlichkeit brachte ihre aufrichtigen Glückwünsche dar. Hier herrscht, wie vielleicht in keiner andern Stadt Schlesiens, in sozialer Beziehung die schönste Harmonie und Collegialität zwischen Juden und Christen. Laupheim. (Or.-Corr.) Am Freitag, den 11. Tebeth, ging hier ein würdiger Mann am Vorabend des Sabbath zum ewigen Sabbath ein: Simon Wolf Straus, der Cantvr der hiesigen Gemeinde. Sein ganzes Leben war der rettenden Menschenliebe gewidmet; eine seltene Demuth und Uneigennützigkeit zierte den bescheidenen Mann, der sich für seinen Berus aufopferte. Geboren 1813, erreichte er ein Alter von 66 Jahren. Herr Rabbiner Ludwig Kahn hielt die Grabrede. AuS Böhmen. Der israelitische Lander - Lehrerverein hat Hrn. Rabb. vr. Vogelstein vor seinem Scheiden aus Pilsen daS Diplom als Ehrenmitglied übersandt. In Alttrody wurden bei der Neuwahl des Gemeinderaths an Stelle von 7 (derentwegen die Wahl für ungültig erklärt worden ist) 10 Juden gewählt. (Jwri.) Paris. Am 31. Januar verstarb hier in hohem Alter Frau Crsmieux, die Gemahlin des greisen und berühmten Senators dieses Namens. (Gott sende Trost und Kraft diesem unermüdlichen Vertheidiger der Juden allerorten!) — Zu den Preisrichtern für die von Herrn Jsaac Pereire ausgeschriebene Hundertlausend-Francs-Concurrenz zur Lösung vier socialer Fragen gehören neben Andern (außer dem Stifter) Camille S 6e (Abgeordneter, Israelit) und Schulze-Delitzsch, Mitglied des deutschen Reichstages. (Frkf. Z.) Paris. Die Gräfin Abraham Comondo hat vom Sultan die Auszeichnung für Wohlthätigkeit erhalten. — Herr Leonce Mayer ist, kaum 18 Jahre alt, zum Brücken- und Chaussee-Baumeister ernannt worden. (Arch. Jsr.) Auch in Warschau hat in der Synagoge ein sehr ertragsreiches Concert zum Besten der Nothleidenden in Oberschlesien stattgefunden. Daselbst ist auch eine dreiklaffige jüd. Taubstummenanstalt errichtet worden. Feuilleton. Rabbi und Vagabond, oder: Schuld und Sühne. Historisch-romantische Erzählung von Ad. v. Zem linszky. 7. Sarah. Reb Calmi Gerson war im Städtchen Rawa eine gar bekannte Persönlichkeit. Sein Ruf als geschickter Arzt war weit hinaus über die Marken des Städtchens, weit hinein in'S Land gedrungen, und gar manches Leben, das bereits als verloren aufgegeben war, hatte er mit Hilfe Gottes durch seine Kunst dem Tode abgerungen. Er war aber auch ein äußerst gottesfürchtiger, strenggläubiger Mann, und deshalb wurde er von der ganzen Gemeinde gar hoch in Ehren gehalten. Auf der Straße herrschte eine eisige Kälte. Der Boden war hart gefroren und laut knirrschte der Schnee unter jedem Tritt. Doch solch' Wetter störte Rabbi Gerson keineswegs in seiner gewohnten Thätigkeit. Rüstig schritt er die Straße hinab, die aus dem Theile der Stadt, in welchem *) Unsere Bemerkung ist — wie wir au8 mehreren Zuschriften aus L. ersehen — in den betreffenden Kreisen vollständig mißverstanden worden. Wir freuen uns sicherlich jeder Auszeichnung, die einem Israeliten für redliches, gemeinnütziges Streben zu Theil wird; aber in einer Zeit, wo man uns sogar den Besuch höherer Bildungsanstalten zum Vorwurf macht, lag es doch nah, die Befürchtung auszusprechen, daß man am Ende statistisch auch noch den Commercienralhtitel als „semitische Eigenthümlichkeit" erweisen könnte. Diese Bemerkung, zufällig an die Corresp, Leobschütz geknüpft, war ganz allgemein gehalten. (Red.) i.- 'X.

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