Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 7. (11.2.1880)
- Date
- 1880-02-11
- Page
- Seite 60 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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— 60 — Hamburg, 4. Februar. (Or. - Corr.) Die Friedhofs- Angelegenheit, welche s. Z. viel Staub aufwirbelte und die Vemüther erhitzte, (worüber ich Ihnen zu Anfang de« vongen Jahres berichtete), ist jetzt ihrer endgültigen Entscheidung nahe gerückt, indem der Ausschuß der Bürgerschaft die Vorlage drs Senats befürwortet und der Bürgerschaft zur Mitgenehmigung empfiehlt. Nur die vom Vorstände der Deutsch - Israelitischen Gemeinde verlangte und von der gemischten Commission bewilligte Mauer zur Scheidung des israelitischen Friedhofs von dem allgemeinen, will der Ausschuß in eine lebende Hecke verwandelt sehen. Es werden mithin der Deutsch'Jsraelitischen und der Portugiesischen Gemeinde (die letztere besteht aus etwa 30 Familien) 8 Hektaren für den Betrag von M. 48000 unter der Bedingung überlasten, daß ihnen der Platz nicht wieder entzogen werden könne, so lange der Centralfriedhof daselbst bestehe und auch, wenn das nicht mehr der Fall sein würde, nur in Anspruch genommen werden dürfe, wenn der Staat desselben dringend bedürfen sollte; aber auch dann nicht im Verwaltungswege, sondern nur auf dem Wege des Gesetzes. — Für die übrigen Confestionen dagegen ist eiue Trennung nicht zugestanden worben; sie werden einen gemeinsamen Kirchhof haben und soll derselbe, wie der Bericht hervorhebt, auch den Israeliten zur Benutzung freistehen, welche aus religiösen Gründen keinen Anstoß daran nehmen, ihre Angehörigen daselbst beerdigen zu lasten. ES würde daher höchst unpolitisch sein und den jetzt überall auftauchenden feindseligen Elementen nur neue Waffen in die Hände liefern, wollten der Synagogen-Lerbands-Vorstand und seine Delegirten, mit den errungenen Zugeständniffeu nicht zufrieden, die derzeitige Drohung wirklich zur Ausführung bringen und sich um die Erwerbung eines Friedhofs an anderer Stelle bemühen, — trotzdem ein solcher Versuch nie und nimmer Aussicht auf Erfolg hätte, — oder gar eine Uebereinkunft mit der Wandsbecker Gemeinde zu treffen suchen, um ihre Angehörigen daselbst bestatten zu lasten. Schon jetzt lasten sich Stimmen in den Tagesblättern vernehmen, welche die Gleichberechtigung der Juden, die selbst nach dem Tode eine Gemeinschaft mit Andersgläubigen scheuen, nicht gut heißen wollen. — Die Vermählungsfeier der zweiten Tochter des hiesigen Oberrabbiners am 15. Schebat führte uns einige Rabbinen von auswärts zu, unter anderen auch den Schwiegersohn desselben, Bezirksrabbiner vr. Cah n in Fulda. Diese Gelegenheit benutzte Letzterer am jüngsten Sabbath zu einem Kanzelvortrage in der älteren Gemeinde-Synagoge. Das Urtheil der Hörer dieser Predigt ist je nach ihrer Parteistellung verschieden. Da ich selbst nicht zu ihnen gehörte, so beschränke ich mich als unparteiischer Berichterstatter, Ihnen das mitzutheilen, was mir so ziemlich verbürgt scheint. vr. Cahn ist mit guten Stimmitteln begabt; die Predigt selbst aber entbehrt der Tiefe und sucht der Redner den Mangel des wiffenschaftlichen Gehalts durch kabbalistische und mystische Zahlencombinationen zu ersetzen, die nicht auf die Kanzel gehören. Wenn ich über diesen Vortrag überhaupt ausführlich berichte, so geschieht es, weil man demselben hier im Allgemeinen eine größere Bedeutung beilegt und das wohl nicht ganz mit Unrecht. Es fällt hier auf, daß der Oberrabbiner sich entschlossen hat, die Kanzel, welche seit feinem Hiersein, also fast dreißig Jahre, kein fremder Fuß betreten, seinem Schwiegersöhne einzuräumen und man sieht daher in diesem einen Substituten, wenn nicht sofort doch für später. Möglich ist es jedoch, daß eS nur auf eine Demonstration abgesehen war. Zwei Mitglieder des Vorstands deS Synagogen - Verbands überreichten Herrn Cahn ein Dank- und Anerkennungsschreiben; von der Verleihung der Ehrenmitgliedschaft wie s. Z. bei der Jubiläumsfeier an Dr. Hermann Adler scheint man diesmal abgesehen zu haben, vielleicht hat der Gefeierte selbst darauf verzichtet. LI. Rheinheffen, im Januar. (Or.-Corr.) Die Verwaltungssitzung der „Achawa", des Vereins zur Unterstützung hilfsbedürftiger israel. Lehrer, Lehr er-Wittwen u. Waisen in Deutschland hat vor Kurzem stattgefunden, und wir sehen uns heute schon veranlaßt, einen vorläufigen Bericht über die Wirksamkeit des Vereins im abgelaufenen Jahre hier zu veröffentlichen: Das Vermögen des Vereins ist, trotz der schlechten Zeiten, auch im verfloffenen Jahre wieder beträchtlich gewachsen und wird annähernd die Summe von 9 0000 Mk. erreichen. Wir dürfen mit Bestimmtheit erwarten, daß es im lausenden Jahre die „hunderttausend" überschreiten wird. Wichtiger jedoch noch als diese so erfreuliche Vermehrung des Grundkapitals ist uns die stetige Steigerung der Ünterstützungssumme. Wir konnten nach den von den Statuten festgestellten Grundsätzen 7 20 0 Mark (gegen 6800 im Vorjahre) als Jahrespensionen zur Vertheilung bringen, während wir außerdem noch im Laufe des Jahres aus dem Rrseroefond 440 Mark in unvorhergesehenen Fällen als Unterstützung verabreichten. Es wurden mit der obigen Vertheilungssumme 45 Petenten (zu 60 Theilen) bedacht Während demnach alleinstehende Personen einen Theil mit 120 Mark erhielten, haben wir leider auch Fälle ernster, ja zuweilen schrecklichtrauriger Natur zu verzeichnen. Wir haben Wittwen mit 6—7 unerzogenen Kindern; wir haben Lehrer, die in den besten Mannesjahren (mit 6—9 unerzogenen Kindern) dienstunfähig wurden, welchem also 2—3 Theile zuerkannt werden mußte Wir können darum nicht umhin, zu bedauern, daß die Bedeutsamkeit der Achawa für die gesammte deutsche Judenheit noch lange nicht genügend anerkannt wird. In den meisten obigen Fällen wären die Armen der bittersten Noth preisgegeben, w«nn auch vielleicht hier und da die ohnehin schwer belasteten kleinen Gemeinden für kurze Zeit geholfen hätten. In vielen Fällen würde die den Lehrerstand stets demüthigende Nothwendigkeit eingetreten sein, die öffentliche Wohlthätigkeit in Anspruch zu nehmen, diese letzte und stets traurige Zuflucht, die ebenso precär als ungerecht ist, weil sie für den Einen und auch für diesen nur vorübergehend Hülfe schafft, während Andere ihrer Verlassenheit preisgegeben bleiben. Es scheint zwar in der Gesinnung der Lehrer einige Befferung eingetreten zu sein. Als Lehrer und College haben wir es freudig zu begrüßen, daß im vorigen J«hre 18 (im Jahre 1878 sogar 31) neue Mitglieder eingetreten sind und sich der Mitgliederstand auf 313 erhoben hat. Wir sagten jedoch: als Lehrer und College! Als Mitglied der Verwaltung und wenn wir nur das materielle Interesse der jetzigen Vereinsmitglieder im Auge hätten, hätten wir keinen Grund, diesen Zuwachs der activen Mitglieder freudig zu begrüßen. Die acltven Mitglieder betrachten sich zumeist lieber nur als Nehmer und nicht als activ, d. h. als thätige Förderer des segensreichen Werkes. Wenn wir auch zugestehen, daß Viele, ja die meisten Nichts thun können, so giebt eS doch wieder sehr, sehr viele, denen Gelegenheit in reichem Maße dazu geboten wäre; die einen oder mehrere Ehrenmitglieder (Jahresbeitrag 6 M.) einen Jahresbeitrag auS der Gemeinde- oder einer Wohlthätigkeitskaffe, ja zuweilen ein kleines oder größeres Geschenk bei freudigen oder traurigen Veranlaffungen, ein Legat oder dergl. herbeischafffen könnten! Die Gleichgültigkeit unserer Mitglieder in dieser Richtung ist sehr zu beklagen. Wir müssen hervorheben, daß die Achawa das, was sie nach und nach geworden ist, zumeist der Munifieenz der Frankfurter jüdischen Gemeinde und den daselbst mit so aufopfernder Hingebung wirkenden Verwaltungsmitgliedern und Freunden zu verdanken hat. Es wäre schnöder Undank, wenn wir das nicht anerkennen und nicht dahin wirken wollten, daß auch unsererseits von überallher Alles daS geschehe, was möglich ist; daß auch andere kleine und große Gemeinden ihre Schuldigkeit thun, da ja gerade Frankfurt nur aus wohltätigem Sinne so handelt und weniger als irgend eine Gemeinde verpflichtet ist! Die Pensionen und Unterstützungen vertheilen sich, wie der vorjährige ' Rechenschaftsbericht nachweist, auf fast alle Länder Deutsch«