Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 7. (11.2.1880)
- Date
- 1880-02-11
- Page
- Seite 59 (sequence 3)
- Language
- German
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sogar eine Collecte wurde für den Mörder unter den Honorationen der Stadt veranstaltet. Von welch panischen Schrecken die jüdische Bevölkerung sowohl hier in der Stadt als auf dem Lande feit dieser Freisprechung ergriffen ist, kann man sich unschwer eine Vorstellung machen; zumal wenn man bedenkt, daß der größte Theil der Geschworenen aus Dorfbürgermeistern und Gutsbesitzern bestand, die, an ihren Heerd zurückkehrend, es gewiß nicht unterlassen haben, ihren Mitbürgern mitzutheilen, es gebe keine Strafe für den Judenmord in Rumänien. Im Namen einer mit Füßen getretenen Gerechtigkeit, im Namen einer armen Wittwe und zweier unmündigen Kinder, die ihren Ernährer in der Blüthe seiner Jugend durch Meuchelmord ungesühnt fallen gesehen, flehe ich Sie an, meine Stimme, die zum Schutze unserer so hart bedrängten GlaubenSgenoffen ertönt, nicht umsonst verhallen zu lassen. David Wein trau b. Es ist nicht nur der Schmerzensschrei des greisen Vaters, sowie der unglücklichen Familie des Ermordeten, die hier an unser Ohr schlägt. — „Die Stimme des unschuldig vergossenen Bruderblutes schreit aus der Erde hervor um Sühne!" Daß doch diese Stimme bis an'S Ohr der Signatarmächte des Berliner Vertrages dringe, an das Ohr des Fürsten Bismarck, deS Lord BeaconSfield u. d. A., damit der so schwer verletzten Gerechtigkeit sühnende Genugthuung «erde! Möge die „All. Jsr. Univ." sowie die „Wiener Allianz" hier das Ihrige thun. (Red.) Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 2 Febr. Der „Wiener Presse" wird von hier geschrieben: Seitdem der Kaiser in der Synagoge war und der Kronprinz das Friedenswort des Pastors Gruber öffentlich belobt, auch ausdrücklich seinen Unwillen über die „Judenhetze" zu erkennen gegeben hat, ist in den Kreisen der Stöcker und v. Treitschke Alles still geworden. Und nicht bloS spricht und schreibt Keiner mehr gegen die Juden, sondern ängstlich bemüht sind die Schreier, ihre früheren Urtheile zu corrigiren, ja sie ins Gegentheil umzudeuteln. Der Herr „Hofprediger" schweigt, seitdem er weiß, wie der Hof über ihn denkt und der „Historiker" v. Treitschke wird, sobald etwa Fürst Bismark die „Judenhetze" ebenfalls perhorrescirt, mit erschrecklichem Aufwand an Pathos den Juden eine ganz besondere nationale und Cultur-Mission zusprechen. Die Sprünge von einem Extrem in das andere kennen wir bei Herrn v. Treitschke; wenn sie sich wiederholen, überraschen sie uns nicht. Ueberraschend ist aber, daß plötzlich der demagogische Hofprediger ein ganz stiller Mann geworden ist; er beruft nicht einmal mehr seine „christlich-socialen" Gesinnungsgenossen zu Scandal-Versammlungen, die Bewegung ist total ins Stocken gerathen. Damit verliert Herr Stöcker all und jeden Einfluß bei seinen Genossen, ja sie werden ihn der Menschen« furcht zeihen und nie wieder auf den „zweiten Luther" hören. Ein einzig Wort aus fürstlichem Munde macht ihn verstummen — ist das nicht feige zu nennen? (Der Herr Corresp. scheint den Hofprediger Stöcker, sowie die ganze judenfeindliche Agitation doch ein wenig zu unterschätzen. Ersterer ist noch lange nicht verstummt, er hat nur seine Wirksamkeit aus der christlich-socialen Bierstube in'S Parlament verlegt, wo er keine Gelegenheit vorübergehen läßt, ohne den Juden etwas am Zeuge zu flicken; sodann scheint die Agitation jetzt mehr im Stillen auf buchhändlerischem Wege betrieben zu werden, sowie durch Gewinnung der kleinern Blätter in Stadt und Land für judenfeindliche Artikel. Man sendet uns fast täglich derartige Nummern zu, wir können von all' dem Geschreibsel in uns. Bl. keine Notiz nehmen. Daß aber auch größere Blätter, wie die „Hamburger Nachrichten" und das „Braunschweiger Tageblatt" und selbst das Witzblatt „Schalk", sich für solche unsaubere Zwecke gewinnen laffen, sei hier kurz regijtrirt. Red.) Breslau, den 26. Januar. (Or.-Corr.) Der am jüd theologischen Seminar bestehende Verein LiwjathChen hat vor Kurzem seinen diesjährigen Rechenschaftsbericht ausgegeben. Der Tendenz dieses Vereins, unbemittelten Hörern am Seminar monatliche Unterstützungen zu gewähren und sie durch Darlehen aus augenblicklicher Verlegenheit zu befreien, wurde laut dieses Berichtes im verflossenen Jahre in ausgiebigster Weise entsprochen. Der Vorstand, welcher alljährlich neu gewählt wird und auS fünf Mitgliedern besteht, sah sich in der für ihn gewiß angenehmen Lage 2130 Mk. 35 Pf. an Unterstützungen zu verausgaben. Wer da weiß, mit wie geringen Mitteln oft der jüdische Theologie-Studirenoe seine Existenz sich schaffen muß, ja mit welcher Roth mancher zu kämpfen und doch zugleich den anstrengendsten und vielseitigsten Studien obzuliegen hat, wird die segensreiche Thätigkeit dieses Vereins zu schätzen und ihn nach Kräften zu fördern wissen. Der diesjährige Kaffirer ist eanä. phil. Moritz Peritz, Graupen« straße 3/3, an welchen auch alle Mittheilungen in Angelegenheiten der Vereins zu richten sind. Hannover, 29. Jan. (Or.-Corr.) Auch hier fängt die sog. Judenfrage an, die Köpfe gewisser Leute zu verwirren. Wir wollen es ganz unberührt lassen, daß ein für die Verbreitung conservativer Junkerideen bestimmtes Blatt nahezu täglich spaltenlange Schmäh- und Verdächtigungsartikel gegen die Juden bringt. Dieses Blatt, sowie das in seine Fußtapfen tretende offizielle Blatt liest doch kein Hannoveraner, noch weniger kommen sie dem Landbewohner zu Gesichte. Wichtiger aber ist folgender Vorfall. Ein hiesiger Gymnasialdirector, Protestantenvereinler, Freimaurer und wüthender Teutomane, scheint mit wahrer Begeisterung der Aufforderung des allerdings von ihm wie ein Gott verehrten Herrn v. Treischke Nachkommen zu wollen und die ihm unterstellte Schule zu „entjüdeln." Als der Herr Director eines Tages während des Unterrichts auf dem Hofe etwa 15 Knaben spielen sah und von dem Schulvogte vernahm, daß diese die Israeliten der drei Vorklassen seien, die doch am Religionsunterrichte nicht theilnehmen konnten, machte er diesem gegenüber die Bemerkung, er könne nicht dulden, daß sein Gymnasium verjüdele, es wären schon 60 Juden dort (bei 580 Schülern!), eS thäte ihm sehr leid, daß er zuerst gegen die Juden vergehen müsse. Gesagt, gethan! Da auf Ostern d. I. wiederum 15 Juden angemeldet waren, ließ der Director die betr. Eltern vor sein Forum citiren und setzte ihnen auseinander, daß die Kinder nur dann ausgenommen würden, wenn sie am Sonnabend in die Schule kämen und schrieben, sowie am christl. Religionsunterrichte theilnähmen, diese Forderungen damit motivirend, daß die Echuldisciplin sonst gestört würde. Auf diese seltsame Zumuthung hin erhob sich ein geachtetes Mitglied unserer Gemeinde und wies einerseits auf die bekannten Rescripte des Cultusministeriums hin, andererseits auf die Ansprüche als städtische Bürger- und Steuerzahler, aus deren Säckel doch die Schulen unterhalten würden. Nach langen Verhandlungen wurden endlich neun Kinder aufgenommen, die übrigen sechs zurückgewiesen, fünf mit leeren Entschuldigungen, eins mit der Bemerkung, daß aus bestimmten Gründen beschränkende Bestimmungen hinsichtlich der Aufnahme von Israeliten getroffen seien. Der mit diesem Briefe beehrte Vater begab sich damit sofort zum Stadtsyndicus und Schulsenator, um diese mit dem Ukase des Schulautokraten bekannt zu machen, alsdann zum Director mit der Frage, ob er im Ernste für die Aufnahme von Kindern einen Taufschein verlange. Der Director aber läßt sich den Brief geben und mit dem Bemerken, derselbe sei nicht für die Oeffentlichkeit bestimmt, zerreißt er denselben in Gegenwart der Empfängers. Dieser hatte glücklicher Weise Abschrift davon genommen und hat jetzt gegen das Vorgehen des Direktors beim Magistrate remonstrirt. Mit der Sache werden sich außerdem wahrscheinlich die vereinigten städtischen Collegien befassen, da Herr Bürgervorsteher Schlachter sich seiner Glaubensgenossen mit großem Eifer angenommen hat. Ueber den weiteren Verlauf der Angelegenheit werde ich z. Z. berichten.