Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 6. (4.2.1880)
- Date
- 1880-02-04
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage zur „Israelitischen Wochenschrift." Nr. 6. Magdeburg, den 4. Februar 1880. II. Jahrgang. Es ist doch traurig, wenn man so ganz allein, mutterseelen allein diese schöne Erde verlassen muß, ohne Freunde, ohne Lieben, in der letzten Stunde des Scheidens an der Seite. Und traurig ist es, unendlich traurig, wenn man den Leichnam eines Mitmenschen, eines Ebenbildes Gottes, so hinauSschleppt, gleich dem eines ThiereS. Auf dem kleinen Kirchhofe angelangt, werfen die Träger ihre Last in die bereit stehende Grube außerhalb der Friedhofmauer, die Grube wird schnell wieder zugeschüttet, einige kräftige Hiebe, mit der Fläche der Schaufel auf die gelokerte Erde und, das Begräbniß ist zu Ende. Niemand sprach ein Gebet für den Todten, Niemand. Als Alles wieder ruhig geworden, arbeitet sich ein kleines etwa öjähriges Mädchen, aus dem dichten schneebedeckten Gesträuche hervor, welches den Platz einfriedet, und ängstlich sich nach allen Seiten umsehend, wirft es sich plötzlich auf den frischen Grabhügel nieder. „Mutter, meine Mutter!" jammerte das Kind, und grub mit seinen kleinen Händchen die frische Erde auf, „Mutter wo bist du, komm zu mir, komm zu mir. Ich will immer artig und folgsam sein, o! komm doch zu mir, ich Hab dich ja so unendlich lieb." Doch die Mutter lag starr und kalt in der eisigen Erde und vergebens wartete das Kind auf Antwort. Es war nur mit einem dünnen fadenscheinigen Röckchen bekleidet, barfuß, und deshalb zitterte es auch vor Kälte, und das hübsche Gesichtchen und die kleinen Händchen und Füße waren bläulich roth angelaufen. Die Thränen waren vertrocknet. Das Kind schaute gedankenlos umher, folgte mit seinen dunklen Augen den schwer dahinziehenden Wolkenphantomen, glaubte dort oben das liebe Mütterchen wieder zu sehen, wie es freundlich lächelnd herabwinkte, und Müdigkeit beschlich das kleine schwarzgelokte Köpfchen des armen Kindes, und es entschlief am Grabeshügel seiner Mutter. Wer war diese Mutter gewesen? Drei Wochen vorher war es, da erschien eine noch junge Frau an der Hand ein kleines Mädchen führend im Städtchen. Sie mußte krank sein, und todtmüde, denn nur mühsam konnte sie sich aufrecht erhalten, und daS kleine Mädchen weinte unaufhörlich. Die Frau war schön, sie mochte vielleicht 26 Jahre zählen, aber ihr Gesicht zeigte deutliche Spuren von Gram und Elend. Ihre Augen glänzten übernatürlich, fieberhaft. Zeitweilig hielt sie in ihrem Gange inne, und wirft verzweiflungsvolle Blicke ringsumher, und immer wieder rafft sie sich auf, und ihre ganze Kraft zusammennehmend schreitet sie vorwärts, bis sie endlich an der Thüre eines kleinen Hauses besinnungslos zusammensinkt, das kleine Mädchen mit beiden Händen fest an sich drückend. Und so hatten sie die Leute auf der Straße liegend gefunden und sie nach dem Spitale der Armenhauses geschafft. Und seid jenem Augenblicke kam sie nicht wieder zum Vorschein, und als sie gestorben war, wußte Niemand wer sie gewesen, wer das Kind sei. Und so hatte man sie auch hinausgetragen. Das Kind ohne alle Aufsicht war den Männern gefolgt, sie wollte wissen, wohin man die Mutter bringe. — — — — — — — — — — — Während der bleiche Bocher der Spur Sarah'S folgte, war auch der Rabbi Josua nicht unthätig geblieben, um sein Kind wieder zu finden, doch rergebens waren bisher alle seine Nachforschungen, und niedergeschlagen kehrte er auch heute wieder nach mehrtägiger Abwesenheit nach Hause zurück. Auf seinem Heimwege passirte er das kleine Städtchen und als er durch das Stadtthor in's Freie gelangte, begegnete er den vier Leichenträgern, die soeben ihre traurige Last abgesetzt hatten, und.lachend und taumelnd zurückeilten. Die Schneeflocken tanzten und wirbelten immer dichter nieder und schauernd hüllte sich der Rabbi fester in seinen Mantel ein. Er war vom Wagen abgestiegen, den er bisher benutzt hatte. Er wollte seine steifen erfrorenen Glieder etwas durch Gehen erwärmen. Es war aber auch eine grimmige Kälte. Plötzlich scheute das Pferd. Vergebens trieb eS der Knecht mit Scheltworten und Peitschenhieben an. Es wollte nicht vorwärts gehen. Der Rabbi sah nach der Ursache. Doch gar bald stieß er einen Ruf der Ueberraschung aus und eilte einige Schritte vorwärts. Auf einem kleinen halb von Schnee überdeckten Hügel lag ein kleines Mädchen im tiefen Schlafe. Nur leise waren des Kindes Athemzüge vernehmbar und der Rabbi war eben noch zurecht gekommen, um ein Menschenleben vor dem sicheren Tode, vor dem Tode des Erfrierens zu erretten. Der Rabbi war in deS vollsten Sinnes edelster Bedeutung ein echter, wahrer Jude. Ohne sich nur einen Augenblick zu besinnen, hob er das Kind mit zitternden Händen, mit ängstlich klopfenden Herzen vom Boden auf, und begann das Gesicht und den Körper des armen Kindes mit Schnee zu reiben, und als die wieder regelmäßiger werdenden Athemzüge das Wiederwachen des Lebens in diesem kleinen Körper verriethen, hüllte er es vorsichtig in seinen Mantel, und legte eS in den Wagen, und schnell wie es eben nur der hügelige Weg gesiattete, ging es vorwärts, dem nahen Heim zu. „Sieh Mutter!" sagte der Rabbi, seiner ihm entgegeneilenden Frau dar gefundene Kind zeigeuv, und schnell wurde für dasselbe ein Bett gemacht und das Kind mit warmen Decken und Kiffen umhüllt. Dann nahm die Frau des Rabbi das Licht vom Tische und leuchtete damit vorsichtig dem Kinde in's Gesicht, welches jetzt plötzlich ihre großen schwarzen Augen aufschlug und erstaunt im Gemache umherschaute. „Deborah!" rief die Frau plötzlich und schaute starr in daS Gesicht des Kindes. „Welchen verschollenen Namen hast Du mir da genannt?" fragte der Rabbi, die Stirn ein wenig runzelnd. „O! schau nur, schau. Habe ich denn ein Unrecht begangen, wenn ich diesen Namen genannt; Habe ich denn nicht lange genug diesen Namen eingeschloffen in das Innerste meines Herzens, ist denn dieser Name jemals seit jener Nacht über meine Lippen gekommen? Nein, nein — und dennoch war es ja mein Kind und was sie auch gefehlt, was sie an uns verschuldet, sie war und blieb doch immer mein Kind, meine Tochter. Die Gattin hat Jahre lang geschwiegen, doch jetzt ruft tieMutter um ihr Kind. O! ich weiß du bist gut und edel, du fühlst so wie ich diesen nagenden Schmerz und dennoch, was geschehen, es mußte so sein. — Doch jetzt, dieses Kind. O! schau nur, schau diese großen schwarzen Augen, wie sie hell und freundlich strahlen; erkennst du in ihnen nicht unsere älteste Tochter Deborah wieder? Schau dieses Engelantlitz, ist eS nicht genau so schön, wie daS Deborah'S. Wo sie jetzt wohl sein mag? Ob sie auch unser gedenkt?" Der Rabbi saß wie abwesend im Lehnstuhle. Er hörte nicht mehr auf die fernem Worte seiner Frau. DaS einzige Wort „Debora" weckte plötzlich Erinnerungen in ihm, die er längst schon erstorben glaubte und jetzt traten sie lebendig wieder vor seine Seele. Er sah sich um etwa zwanzig Jahre zurückversetzt, sah sich in seinem kleinen Studirzimmer sitzen, eifrig in den aufgeschlagenen Talmudfolianten forschend, auf dem Schooße ein kleines schönes herziges Kind, sein Töchterchen wiegend. „Welch' schöne Zeit war dies", flüsterten die Lippen des Rabbi. Und Jahre waren dahingegangen und aus dem kleinen Mädchen war eine schöne stattliche Jungfrau gewor-