Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 6. (4.2.1880)
- Date
- 1880-02-04
- Page
- Seite 56 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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den, ausgerüstet mit allen Vorzügen ihre- Geschlechtes. Der Vater hatte auch ihren Geist wissenschaftlich ausbilden lasten, was in jener Zeit eine Seltenheit war. Sie verkehrte viel mit den jungen Leuten des Ortes und war sehr beliebt bei Allen. Dadurch erhielt sie einen etwas hochfahrenden lockern Sinn. Die Schadchanim (Ehevermittler) verkehrten gar fleißig im Hause des Rabbi, doch unverrichteter Sache mußten sie immer abziehen, Debora fand keinen Gefallen an den meisten jungen Leuten, denen es gar sehr an der allgemeinen Bildung fehlte. Da machte der Vater dem Ganzen dadurch ein Ende, daß er sie dem Sohne der Schulvorsiehers Abraham Rosenkranz zusagte und gar bald wurde auch die Verlobung gefeiert. Deborah schien sich willenlos in den väterlichen Willen zu fügen. Aber in ihrem Herzen loderte «ine andere Flamme, ein fremdes Feuer, sie hatte ihr Herz einem Andern geschenkt. Der Sohn des Schulvorstehers, fühlte sich unendlich glücklich und war stolz darauf, Deborah seine Braut nennen zu können. Sie aber hatte keinen freundlichen Blick für ihn. Da kam eine Nacht, eine einzige Nacht, tief eingegraben standen die Ereigniste derselben im Gedächtnisse des Rabbi's. Wie Traumbilder zogen sie jetzt vor seinem geistigen Auge vorüber. Wild heulte der Sturm durch die engen Gasten deS Ghetto's, die Häuser erbebten in ihren Grundfesten vor dem wilden Anprall deS Orkans. Der Sturm peitschte den Regen an die Fensterscheiben. Der Rabbi saß vor seinen Büchern und kümmerte sich nicht um den Aufruhr der Elemente. Da klopfte es leise an seine Thüre und der Schulsinger trat in das Zimmer ein. Verwundert schaute der Rabbi von seinem Studium auf. „Was führt denn Euch zu so später Abendstunde in diesem schrecklichen Unwetter zu mir?" fragte er. „Ja eS ist ein Unwetter und noch dazu was für eines. Dennoch, ich mußte den Gang hierher unternehmen und euch warnen, ehe eS zu spät ist. Ja Rabbi, Ihr habt für mich und meine Fannlie schon so viel Gutes gewirkt ..." „Laßt das gut sein, sagt mir also was euch hter herdringt?" „Rabbi, ich bin Familienvater wie Ihr wißet und darauf bedacht, meine Kinder in Frömmigkeit und Gottesfurcht zu erziehen, und darum-Ich weiß nicht, Rabbi, verzeiht mir, ich weiß das, was ich Luch zu sagen habe, nicht so recht in Worte zu fügen. ES handelt sich um Eure Tochter Deborah. „Um Deborah!" O sagt, sagt schnell, was ist geschehen? „WaS geschehen, weiß ich nicht, weiß auch nicht, ob ich noch früh genug komme, um Euch zu warnen. Eure Tochter, Rabbi, ist seit Monaten schon verlobt mit des Vorsteher Rosenkranz sein Sohn. Und darum mußte eS auffallen, daß man sie in der Lhristenstadt drüben mit einem fremden jungen Mann im Gespräche getroffen." „Was weiter?" fragte der Rabbi. „Darf meine Tochter nicht mit Jedermann sprechen, ist dies etwa ein Vergehen?" „Verzeiht Rabbi, so sagte ich ja auch zu den Leuten, was die Tochter unseres Rabbi thut, sagt' ich, das ist wohlgethan, denn sie ist ein Muster von einer Jungfrau. Ja, das sagte ich damals, und dennoch weiß Gott, ich gebe was dafür, wenn man diese meine Worte nicht Lügen strafen könnte." „Wie meint Ihr das?" „ES ärgerte mich, daß die Leute die Köpfe zusammensteckten und von Deborah Allerlei flüsterten. Da traf ich selbst einmal Eure Tochter mit dem jungen Polen. Ich hätte auch dieses Zusammentreffen für ein Zufälliges gehalten, wären die Beiden bei meinem Anblicke nicht plötzlich in eine Seitengasse eingebogen. Ich wollte Euch nicht ängstigen, doch auch nicht die Sache so auf sich beruhen lasten, und deshalb zog ich im Stillen Erkundigungen über den jungen Mann ein. Was ich in Erfahrung gebracht, war nicht darnach angethan, meine Besorgnisse zu beschwichtigen. Er lebt wie ein Goi, zwar reich soll er sein, aber er führt einen lockeren Lebenswandel, er soll sogar schon eine Frau haben." Der Rabbi war bleich geworden. „Setzt Luch doch, sagte er und wollet einige Augenblicke noch verzögern." Dann ging er langsamen Schrittes der Thür zu und entfernte sich aus dem Gemache. Bald darauf kam er wieder zurück, seine Frau und Deborah folgten ihm. Schweigend ließ sich der Rabbi in seinen Lehnstuhl nieder und bedeckte seiu Gesicht mit beiden Händen. Dann plötzlich erhob er sich rasch, schritt auf Deborah zu und führte sie in die Mitte deS Gemaches, so daß das Licht der niederhängenden Lampe ihr schönes Gesicht beleuchtete. O! wie war sie schön, schön wie ein Engel des Himmels, und stolz aufgerichtet war ihre majestätische, imponirende Gestalt. „Deborah," sagte der Rabdi, „höre was die Leute sprechen." Und der Rabbi erzählte Wort für Wort was ihm der Schulsinger eben mitgetheilt hatte. „Und jetzt, sagte er als er geendet, jetzt blicke mich an, wie du es gewohnt, sitzt laß mich in deiner Seele Spiegel lesen —" Doch dieser Spiegel war getrübt, und die majestätische schöne Gestalt sank zur Erde und umklammerte die Füße deS Rabbi. „Verzeihung Vater, Verzeihung!" jammerte sie. Die Mutter wollte sich Deborah nähern, doch eine gebieterische Handbewegung des Rabbi hielt sie zurück. „Du hast gefehlt, Deborah," sagte er dann in zärtlichem Tone, „w«r auf Erden thut eS nicht, doch du kannst diesen Fehler wieder gut machen, diese thörichte sündige Leidenschaft in deiner Brust, gieb sie auf. An der Seite Isaaks wirst du glücklich sein und gar bald, früher als es bestimmt soll eure Verbindung stattfinden." „Nimmermehr Vater," sagte Deborah. noch immer am Boden kniend. „Es ist zu spät, ich kann nicht mehr zurück." Eine Leichenbläste hatte sich über des Rabbi's Gesicht gebreitet. Kein Laut drang mehr über seine Lippen. Drohenden Blickes deutete er mit der Hand nach der Thüre, und laut aufschreiend stürzte Deborah hinaus in die stürmische Nacht. Uno seit jener Nacht wurde Deborah's Name im Hause der Rabbi nie wieder genannt. Seit jener Nacht war Deborah verschollen. „Ja, verschollen" — sagte der Rabbi, aus seinen Träumen erwachend. Die Frau saß am Rande deS Bettes bei dem kleinen Mädchen und weinte. Das Kind war in Folge der Ermüdung und Kälte wieder eingeschlafen. Der Rabbi schritt auf seine Frau zu, legte ihr die Hände auf das Haupt und sagte weich und milde: „Weine nicht, du arme Frau, viel hast du gelitten. Drei schöne blühende Kinder, der Stolz und die Freude deines Herzens, nanntest du dein, sie sind unS genommen, in Gottes Rathschluß wurde es so bestimmt. Und mag das Heiz uns auch vor Gram brechen, verzweifeln dürfen wir ja doch nicht. Sieh dieses Kind, das all' diese Erinnerungen wachgerufen, es wurde uns von Gott gesendet, und wir wollen uns desselben annehmen und es pflegen und halten, als wäre eS unser; und wir wollen auch nach seinen Eltern forschen." „Ja das wollen wir", sagte die Frau des Rabbi. „O, ich wußte eS ja", erwiderte er, „du bist stark und muthig, und geduldig hast du Alles ertragen, wie Hiobs Frau." „Ja du hast recht, wie Hiobs Frau, denn du gleichst Hiob, den Gott heimsuchl mit allen nur erdenklichen Leiden. Doch, sie wußten nicht, die armen Eltern, daß Deborah's Schuld bereits schrecklich gesühnt war, daß der Treulose trotz aller Eide der Treue nach einigen Jahren sie verlasten, sie zurückgeiasten hatte in Roth und Elend und tiefster Reue, daß sie den väterlichen Willen nicht erfüllt. Sie , wollte noch einmal des Vaters Versöhnung anrufen, doch auf dem Wege zur Heimath ereilte sie vor wenigen Tagen der Tod. sForts. folgt.) »eramwortlicher Redakteur Or. Ratzmer in Magdeburg. Druck von H. Horbach in Barby. Verlag von Robert Friese in Leipzig.