Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 11 (1880)
- Issue
- N° 6. (4.2.1880)
- Date
- 1880-02-04
- Page
- Seite 53 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/5369809-9583817-9583876--3960-9583883- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 53 — in Volhynien (woher wohl seine Familie stammt) und, da dort große Theuerung herrscht, berief er alle Wohlhabenden der Gemeinde und forderte sie zu Zeichnungen auf mit dem Bemerken, daß er das Doppelte der gezeichneten Summe geben werde. Nachdem Herr Oskar Epstein und seine Frau noch Geld und Getreide dazu gegeben, auch das Getreide in ihrer Mühle um das halbe Entgelt malen ließen, wurde ein Verkaufslokal zu billigem Mehlverkauf eröffnet. In Zürich wird die Synagoge am 1. April expropriirt da der Bundesrath die Anlegung einer neuen Straße genehmigt hat, welche durch die Synagoge führt. Ob man mit einer Kirche ebensowenig Umstände gemacht hätte? (Nach Arch. iSr.) Rotterdam, 26. Jan. (Or.-Corr.) Zur Ergänzung unserer (Korrespondenz in Nr. 3 dieses Blattes, haben wir noch zu erwähnen, daß Herr Dr. M. Denekamp als Mit« glied vom Oomite local et regional, durch seine Artikel in die „Jüdische Wochenschrift" von 1875 sehr viel nicht allein zur Ausdehnung der Alliance in unserer Stadt beigetragen hat,, sondern auch zur Gründung von Local-Comit6s in den Niederlanden; denn damals zählte sie kaum 500 Mitglieder, jetzt beinah 1500 im Lande. Derselbe war es auch, der vorige Woche an den Vorsitzenden Herrn Avvocat M H a a n t j e s, im Namen des Comitä's und der Festcommiffion einen silbernen Pocal mit Jnscription und Album als Anerkennung seiner Verdienste um die Alliance überreicht hat. Als Mitglieder der Festcommiffion haben außerordentliche Dienste geleistet die Herren I. Holländer, I. HeymanS und E. M. Ezechiel, wodurch das Local-Comit6 im Stande war, einen Netto-Betrag von 400 Fl. für die Alliance und den Schoolfonds zu erhalten. Z. A. N. In Paris fand dieser Tage die Beschneidung des jüngsten Sprossen der Familie Rothschild, eines Sohnes des Barons Gustav v. Rothschild, statt, die mit allen Feierlichkeiten, die der jüdische Ritus vorschreibt, vollzogen wurde. Bei dieser Gelegenheit hat Baron Gustav v. Rothschild allerlei Wohlthätigkeits Anstalten fürstlich bedacht. Dem israelitischen Hospital in Paris überwies er die Summe von fünfzigtausend Francs, und die Kinder der jüdischen Schulen und der jüdischen Waisenhäuser von Paris beschenkte er entsprechend. Er ließ ihnen diesen Tag zum Fest machen, ließ ihnen Kuchen verabreichen, und außerdem gab er Gratiftcationen von je zweihundert und je hundert Francs an die Lehrer und Lehrerinnen dieser Unterrichtsanstalten. Paris. Ein Ball zu Gunsten der Schulkaffen des 2 Arrondissements hat 45000 FrcS. gebracht. Davon zahlte Herr Evmond Weil-Ricard allein 5000 für sein Billet. (A. iSr.) Marokko, 31. Januar. Wolff's Telegramm-Bureau berichtet aus Fez über heftige zwischen Mauren und Juden dort stattgehabte Konflikte. Die Mauren griffen die Juden an und tödteten un» verwundeten mehrere derseloen Ein 70. jähriger Greis wurde von der maurischen Bevölkerung lebendig verbrannt. Unter den Verwundeten befinden sich mehrere französische Unterthanen. Feuilleton. Rabbi und Bagabond, oder:Schuld und Sühne. Historisch-romantische Erzählung von Ad. v. Zemlinszky. (Fortsetzung.) Kurze Zeit war nach ihrem Fortgehen vergangen, da erschien der Bocher bei der Moosbank. Erstaunt, diese leer zu finden, fragte er sich selbst, wo wohl Sarah sei. Und ängstlich rief er laut ihren Namen in den Wald hinein. Vergebens, kein Laut deutete ihm die Spur der Gesuchten an. Kalter Schweiß stand auf des jungen Mannet Stirne. Er ahnte, daß hier etwas Außerordentliches vorgegangen sein müffe. Er überlegte nicht lange, sondern eilte zurück nach dem Hause des Rabbi. „Ist Sarah zu Hause angekommen?" fragte er den Rabbi athmenlos. „Nein! Sie ist wie alltäglich nach dem Walde hinausgegangen, dort wird sie auch jedenfalls sein." „Um Gott, sie ist nicht dort, es muß etwas geschehen sein, ich glaubte sie sei bereits zurückgekehrt." „Bist du denn nicht mit Sarah gewesen, wie es doch immer deine Gewohnheit war? fragte der Rabbi mühsam seine Angst verbergend. „Ihr vergeht Rabbi, daß mir dies heute nicht möglich gewesen, Ihr habt doch zu mir geschickt, ich solle ins Dorf hinübergehen zu Nebb Me'ir, um ihn zu sagen, er möge zum Sabbath zu Euch kommen, da Ihr mit ihm Wichtiges zu besprechen hättet." „Ich hätte zu Dir geschickt, sagst Du?" fragte der Rabbi erschrocken auf, „wir dürfen keine Zeit verlieren und sie suchen, etwas Außerordentliches ist geschehen." Doch vergebens war alles Suchen, Sarah blieb verschollen. Es war ein neuer schwerer Schicksals schlag für den gebeugten Rabbi und deffen Frau. Drei Tage nach dem Verschwinden Sarah's, betrat der bleiche Bocher bas Gemach des Rabbi. „Ich komme soeben vom Gebirge", sagte er, „ich habe eine Spur Sarah's gefunden. Ein Stück ihres Tuches fand ich einige hundert Schritte von der Moosbank entfernt. Ich ging weiter und befragte die Leute, ob sie nicht ein Mädchen gesehen hätten. Ich schilderte ihnen das Aussehen Sarah's, überall bekam ich ungenügende Auskunft, bis mir endlich ein alter Mann die Mittheilung machte, er habe ein junges Mädchen in Begleitung eines wild aussehenden Mannes gesehen und bezeichnete mir die Richtung, welche sie eingeschlagen haben." „Ich bin schnell zurückgekehrt, um euch Rabbi wenigstens einen Funken von Hoffnung für euer gequältes Herz zu bringen. Auch überkam mich plötzlich eine Ahnung, wer der Begleiter Sarah's sei. Ich habe Erkundigungen eingezogen und erfahren, daß der Fremde, welcher sich seit längerer Zeit hier aufgehalten, ebenfalls spurlos verschwunden sei, und . . „Doch welches Jntereffe hätte wohl dieser, zu diesem Verbrechen?" . . . „Ich will es erforschen! Ich bitte euch Rabbi, gebt mir euren Segen mit auf die Reise, die ich noch heute antreten will. Ich will Sarah's Spur folgen, wo immer sie auch hinführt, und müßte ich die ganze Welt durchwandern. Ich schwöre es euch Rabbi, ich will, ich muß Sarah finden, sie euch wieder zurückbringen. Wenn nicht, kehre auch ich nimmer wieder zurück " „Sei gesegnet, mein Sohn!" sagte der Rabbi gerührt, „Gott geleite deine Schritte, mache Dich stark, auf daß Du die Mühseligkeiten und Beschwerden der Reise, standhaft ertragen kannst, und breite die Fittige seines göttlichen Schutzes über Dich. Deine Aufopferung thut meinem Herzen wohl und Gott, sein Name sei gepriesen in alle Ewigkeit, wird Dir dies vergelten. Der Bocher verließ Florianow. Woche um Woche verging, doch vergebens wartete der Rabbi auf irgend eine Nachricht von seiner Tochter.- 6. Verwaist. Es war ein trauriger kalter Novembertag. Bleiernschwer ruhte der dichte Nebel auf der ganzen kahlen trostlos aussehenden Landschaft. Träge flatterten die Schneeflocken vereinzelnt in der Luft umher. Durch das Stadtthor des kleinen einige Stunden von Florianow entfernten Städtchens eilten schnellen Schrittes vier schwarz gekleidete Männer, auf ihren Schultern einen Sarg, aus rohen ungehobelten Brettern zusammengefügt, tragend, der nur zum Theile mit einem zerlumpten Tuche bedeckt ist, welches früher, vor vielen Jahren, einmal schwarz gewesen sein mochte, jetzt jedoch nur schmutzig und ekelerregend aussteht. (Fortsetzung in der Beilage.)