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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-02-04 · N° 6. (4.2.1880) · p. Seite 51

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 6. (4.2.1880)
Date
1880-02-04
Page
Seite 51 (sequence 5)
Language
German
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Darum wolle er ihnen einige Winke aus seiner langjährigen Praxis als Rabbiner ertheilen, die für ihr Verhatten im Amte von nicht zu unlerschätzendem Werthe sich ihnen erweisen dürften. Anknüpfend an die biblische Erzählung von dem Eifer des Pinehas und der darauf gefolgten göttlichen Verheißung von oem ewigen Bunde des Friedens zeigte der Redner, daß zu gewiffen Zeiten dem Rabbiner ein energisches Eintreten, ein heiliger Eifer geboten sei, während er zumeist als Priester des Friedens Milde, Versöhnlichkeit und Sanftmuth zu lehren, zu wecken und zu fördern habe. In feierlicher Weise überreichte hierauf Herr Dr. Joel den Candidaten die Rabbinatsdiplome und weihte sie für ihren Beruf mit den Worten des priesterlichen Segens. Die Rede selbst sowie die Entlastung der Kandidaten rief sichtlich bei allen Anwesenden eine erhebende Stimmung hervor. Hierauf hielt Hr. Dr. Steckelmacher einen höchst ansprechenden Vortrag über den Theismus im Kusari des Jehuda Halevi. Dreier jüd. Denker habe es erkannt, und zuerst klar ausgesprochen, daß die Quelle des Theismus nicht in der Philosophie zu suchen sei — eine Erkenntniß, worin er Kant vorausgeeilt — für diesen zeuge vielmehr die geschichtliche Entstehung im israel. Volke. Diese- Volk führe nicht, sondern lebe den Beweis für ihn.— Zum Schluffe sprach der Redner den Lehrern mit herzlichen Worten seinen wärmsten Dank aus und verabschiedete sich von seinen Commilitonen. Nachdem noch vom Sängerchor der Seminaristen unter Leitung des Oberkantors Hrn. Deutsch das übliche Gebet für den Landesfürsten zum Vortrag gebracht worden, endete der feierliche Akt, der bei den zahlreich erschienenen Gästen einen erhebenden Eindruck hinterließ. (AuS dem „Jahresbericht," dem eine erschöpfende Biographie des „R. Samuel b. Meier als Schrifterklärer" von Dr. Rosin vorangeht, werden wir in nächster Nr. AuszüglicheS mittheilen. Red.) Prov. Posen. Ein origineller Proceß wegen Sonntagsentheiligung ist kürzlich vor der Strafkammer in Lissa zur Entscheidung gekommen. Ein israelitischer Getreidehändler war von einem Gutsbesitzer an einem Sonnabend zum Abschluß eines Geschäfts aufgefordert worden, hatte denselben aber mit Hinweis darauf, baß ihm seine Religion verbiete, am Sabbath Geschäfte zu machen, abgelehnt. Er versprach, sobald als möglich auf das Gut des Gutsbesitzers zu kommen, um mit ihm wegen des Getreidekaufs zu verhandeln. Schon am folgenden Tage traf er auf dem Gute ein und das Geschäft, der Ankauf eines großen Quantums Getreide, wurde abgeschloffen. Ein Concurrent des Getreidehändlers, der sich ärgerte, baß das Geschäft ihm entgangen war, denuncirte ihn wegen Uebertretung der Vorschriften wegen SonntagSheiligung, weil er an einem Sonntage ein Geschäft mit dem Gutsbesitzer abgeschlossen habe. Vergeblich wandte der Verklagte ein, baß die Verhandlungen über den Getreidetauf in dem Wohnzimdes Gutsbesitzers, also in einem Pcivatraume geführt seien. Das Schöffengericht, welche-, von der Ansicht ausging, daß der Getreidehändler mit vollem Bewußtsein der Sonntagsentheiligung gehandelt habe, indem er im Gegensatz zum Sabbath ihm zum Geschäftsabschluß wählte, erklärte lhn für schuldig und verurtheilte ihn zu einer Geldbuße von fünf Mark, weil kr gegenüber seiner Gewiffenhaftigkeit in der Feier des Sabbat Hs den christlichen Feiertag, den Sonntag, weniger ehrfurchtsvoll behandelt habe. Dies Urtheil hat jedoch durch das Landgericht eine Abänderung erfahren, welches auf Freisprechung des Angeklagten erkannte. Li. Brauuschweig, 33. Januar. Wahrhaft erhebend und tiefergreifend müffen auf jeden nicht ganz stumpfsinnigen Israeliten, wie überhaupt auf jeden edelgesinnten Menschen die Schlußworte der letzten Entgegnung des Herrn Prof. Gr ätz an Herrn Prof. Treitschke wirken. Welch' rührende Selbstverleugnung und aufopfernde Hingebung an seine Stammesgenoffen athmen die Worte: „Nur um Eins bitte ich Sie, wenn Sie einen Funken Gewissen haben, machen Sie meine ReligionsundjItammesgenoffen nicht für dar verantwortlich, waS ich geschrieben habe. Habe ich gefehlt, so will ich eS allein büßen." Bedeuten diese Worte nicht eine Thal, wie sie Geschichte und Sage von den hochherzigen und selbstlosen Helden aufbewahrt und verherrlicht haben, die zu gefahrvollen Zeiten in feuriger Liebe für ihr Volk und Vaterland in den klaffenden Riß, in den Abgrund sich stürzten, um diesen zu schließen, um die Gefahr zn beschwichtigen?! Wer so denkt und fühlt, deffen Geist und Herz ist voll von den edelsten Gedanken und Regungen nicht nur für seine Glaubensgenoffen, sondern auch für sein Vaterland; und wohl dem Lande, daß sich vieler solcher Bürger rühmen darf, ohne Unterschied der Confession und Race! Nur wenige Monate sind eS her, seit Prof. Grätz sein 25jähriges Lehrerjubiläum am jüd.-theoloz ischen Seminar begangen; da wurden nicht blos von den einstmaligen und gegenwärtigen Schülern des Seminars, sondern auch von Männern der verschiedensten Berufe und aus allen Weltgegenden dem unermüdlichen Forscher und großen Historiker Ovationen bereitet. Wir erwähnen nur der Adreffe des Ausschuffes des Deutsch Israelitischen Gemeindebundes, in welchem sich ja studirte Männer wie Dr. Adler, Dr. Bielefeld, Dr. Bodek, Dr. Fürst, Rabb. Dr. Goldschmidt, Dr. Wachtel befinden. In derselben heißt es: „Von warmer Begeisterung für das Juoenthnm, von tiefem Verstandniß für seinen hohen Beruf, von gründlicher Kenntniß seiner geschichtlichen Entwickelung geleitet.. haben Sie in Ihrer „Geschichte der Juden" ein monumentales Werk geschaffen, daß nicht nur der Wissenschaft zu bleibe nder Förderung und Zierde gereichen wird, sondern auch auf das Leben befruchtend, hebend und bessernd gewirkt hat und noch auf lange hinaus wirken wird." Und gegen Ende der Adresse: So haben Sie .nicht nur jüdische Geschichte geschrieben — Sie sind auch eingetreten für die Ehre des jüdischen Namens, Sie habenKiddusch-haschem geübt im schönsten Sinne des Wortes!" Und nun vergleiche man damit die „Fahnenflucht" derjenigen jüd. Literaten, die beim ersten gegnerischen Anprall das Banner „Grätz" sofort im Stich lassen, dem Feinde überlasten. Es kann durchaus nicht unsere Absicht sein, Grätz gegen derartige ungefährliche Mückenstiche schützen zu wollen. Die ganze Bewegung ist ja doch nur eine ephemere; wenn die Angriffe Treitschke's, so wie sämmtliche dagegen gerichteten Broschüren längst vergeffen sein werden, wird Grätz's Geschichtswerk bestehen und von dem unbefangenen Forscher wie von dem in der jüdischen Geschichte sich instruiren wollenden Laien wird Grätz gewürdigt und geschätzt werden, als einer unserer tapfersten und Heldenmüthigsten Vorkämpfer für die Anerkennung des Judenthums und seiner culturhistorischen Leistungen. Einem Manne, wie Grätz, steht eS an, aus den Reihen seiner Glaubensgenoffen heraus- und hervorzutreten, um dem Hohenpriester gleich zunächst für sich selber zu sühnen; Denjenigen aber, die es ehrlich mit dem Judenthume meinen, steht eS nicht an, den Gegner eine Bresche schießen zu lasten in die unsere gemeinsamen und höchsten Jntereffen umschließende Mauer! Homburg v. d. H. (Schluß.) Ich komme nochmals auf No. 1 Ihrer „ Wochenschrift" zurück. Nach so vielen schönen Worten im * Leitartikel findet sich eine Correspondenz (aus Posen) bezüglich des Herrn Dr. Hildesheimer, der im Interesse seines Rabbinerseminars „speculative Rundreisen" unternehme. Man greife d i e Leute am Platze an, die für auswärtige Institute ihre Tasche weit öffnen, während sie für die darbenden heimischen Mitbrüder kein Auge und kein Herz haben?) Auch der Würzburger Raw Seligmann Bam- *j Das war ja auch der Grundton betr. Corresp. und nur aus d i esem Grunde haben wir sie ausgenommen, der angeführte Fall sollte blos al» Exempel dienen. (Red.)

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