Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-02-04 · N° 6. (4.2.1880) · p. Seite 50

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 6. (4.2.1880)
Date
1880-02-04
Page
Seite 50 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/5369809-9583817-9583876--3957-9583880
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 50 — dient, um ihr Werk zu vollbringen. Die einzelnen Menschen, wenn sie s i ch auch noch so welthistorisch geberden, verrinnen in dem Fluß der Begebenheiten. In der Geschichte erscheint das Wort des Propheten bewährt: „Alle Creatur ist Gras und all ihre Liebe wie die Blume des Feldes." Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 29. Januar. Paulus Cassel erläßt in der heut. Voss. Zeit, eine Erklärung, aus der Folgendes mittheilenswerth ist: „Die Schrift, welche ich „wider Heinrich von Teitschke, für die Juden" publicirt und nun in siebenter Auflage verbreitet wird, hat einen großen Erfolg und eine überaus freundliche Aufnahme gefunden. Ich bin nicht im Stande, im Augenblick allen den Zuschriften zu antworten, welche an mich ergangen sind. Auch für die Unterstützung, die sie in der Presse gefunden, darf ich meinen Dank aussprechen.*). Es war ganz natürlich, daß es derselben nicht an Anfechtungen gefehlt hat. Wer Wahrheit und Liebe auch ohne Rücksicht auf jede Parteistellung verfolgt, muß auf „Schlangen und Ottern" treten; dagegen wieder eine Schrift zu schreiben, fehlt mir Lust und Zeit. Die Sache wird jeder Zeit in mir ein lebendig Zeugniß finden. Jedem Anbellen zu antworten, halte ich nicht für meinen Beruf. Herr v. Treitschke hat auf meine Schrift mir mit einigen persönlichen Insulten geantwortet. Er nennt mich „händelsüchtig". Er hat Recht. Ich werde mit Charakterlosigkeit und Unwahrheit immer Händel suchen. Er nennt mich „raffefüchtig". Sonderbarer Ausdruck! Vielleicht bedeutet es „vaterlandsliebend". Run es ist männiglich bekannt, daß ich mein ganzes Leben lang in patriotischer für Königshaus und Vaterland entflammter Weise frei und unbelohnt gewirkt — und zwar viel früher, als er das preußische Königshaus mit seiner Gunst beglückte. Soll es aber bedeuten, daß ich mich meiner Herstammung aus Israel nicht schäme, so hat er wieder Recht. Ich halte wahrscheinlich mehr auf diese Erinnerung, als er auf sein engeres deutsches Heimathland. Er hält mir entgegen, daß er wolle, unser Volk solle ein christliches Volk bleiben. Sonderbarer Schwärmer! Was hat Heinrich v. Treitschke schon für das „christliche" Volk gethan, um das mir entgegenzuhalten, dessen Lebensfreude seit 25 Jahren und länger er nur war, Kraft und Liebe für unser ganzes Volk hinzugeben. Aber allerdings nicht blos Heinrich v. Treitschke — auch andere waren mit mir nicht zufrieden. Rur waren dies lauter Anonyme. Freilich verhinderte die Namenlosigkeit nicht, den Quell, aus dem die Complimente kamen, zu erkennen. Ein Mitglied der christlichen socialen Arbeiterpartei schrieb mir ein etwas unorthographisches Billetdoux, worin er mir ankündigt, daß ich bei der bevorstehenden „Judenprügelei" auch meine „Keile" bekommen werde. Ich werde meine Studien über die Keilschrift wieder aufnehmen müssen. Auch die „Kreuzzeitung" war so gütig mtr in das Gedächtniß zu rufen, daß ich aus Israel stamme. Ich wünsche, daß der anonyme Schreiber eine solche Freude und solchen Segen an seinen Eltern gehabt habe wie ich an Vater und Mutter. Er wird mir es dann glauben, daß ich es für eine Infamie halten würde, wenn ich den Namen derselben nicht gegen solche Schmähungen in Schutz nähme, wie sie aus dem Herzen Derer kommen, welche sich als die Hüter des christlichen Gesetzes darstellen. Auch glaubte sie mir in der öffentlichen Meinung einen Stoß zu geben, als sie nicht meine sonstigen Attribute als Professor, Prediger und Dr. der Ideologie hervorhob, sondern mich als „Judenmissionar" bezeichnete. Bisher glaubte ich, daß die „Kreuzzeitung" wisse, was Lucas 24. 47. und anderswo geschrieben steht; ich glaubte auch, daß sie wisie, daß Missionarius nur die lateinische Uebersetzung von Apostel, und daß Petrus und Paulus „Juden- *) Prof. Dr Fr. Delitzsch sprach seine ganz besondere Freude darüber aus; er nennt Treitschke „einen gehässigen Gegner, dem vor Allem entgegenzuhalten war, daß die christliche Kirche selber eine ..jüdische Gründung" ist. Missionare" gewesen seien. Daß die „Kreuzzeitung" keinen „Appell für Liebe und Dankbarkeit" gegen Israel annehmen will, wie sie sagt, glaube ich gern. Sie wird auch keine Liebe in Israel erwecken. Mit Haß und Vorurtheil befleckt man sich selbst und gewinnt keinen Andern." M*J3. Breslan, 28. Januar. (Or. - Corr.) Am 27. Januar feierte das jüdisch-theologische Seminar Fränke.'fcher Stiftung den Gebächtnißtag seines Begründers, des verew. Commerzienrath Jonas Fränkel. Ganz besonderes Interesse dürfte gerade diesmal dieser Feierlichkeit, mit der, wie alljährlich, die Entlasiung der Rabbinatskandidaten verbunden war, beizulegen sein. Es ist vor allem der Abschluß eines VierteljahrhunderkS, auf den diese Lehranstalt nun mit Stolz und Genugthuung zurückblicken kann, mit Stolz, wenn sie der ehrenvollen Berufungen gedenkt, welche Jüngern des Breslauer Seminars zu Theil werden» und mit Genugthuung, daß sie die Aufgabe des Stüters ebenso glänzend wie ruhmvoll zur Ausführung gebracht hat. Besondere Aufmerksamkeit lenkte sodann dieser Tag in diesem Jahre noch darum auf sich, weil an ihm zum ersten Male die Funktion der rabbinischen Autorisation von dem Manne vollzogen wurde, der vom Curatorium und Lehrercollegium auf den Lehrstuhl Frankels und Lazarus berufen worden. Diese Gedanken waren es, welche nach Absingung des Psalm 16 Herr Profesior Dr. Grätz der Einleitung seiner zur Feier des Tages gehaltenen Rede zu Grunde legte. Ein warm empfundenes Wort wehmüthiger Erinnerung widmete der Redner dem Andenken des im vergangenen Jahre dahingeschiedenen Directors Dr. Lazarus, dessen Verlust von den Collegen des Verewigten wie namentlich von seinen Jüngern noch jetzt schmerzlich empfunden und betrauert werde. Herzlich begrüßte Herr Prof. Grätz hierauf in seinem und seiner Collegen Namen den als Lehrer für die talmudischen Lehrfächer berufenen Seminarrabbiner Dr. Joel und gab der Freude Ausdruck, die entstandene Lücke durch eine so bewährte Kraft nun ausgefüllt zu sehen. Hieran schloß sich eine nach Inhalt und Form vollendete Erörterung der Frage, welches die Aufgabe des Seminars sei. Herr Prof. Grätz führte in meisterhafter Weise aus, daß das Judenthum dem streng conse rvativ en Geiste, der in ihm vorwalte, sein Bestehen zu verdanken habe. Damit sei aber nicht die Behauptung ausgesprochen, als sei freie Forschung daraus zu bannen; nein, die heilige Schrift gebiete sie vielmehr und wolle selbst durchforscht und geprüft werden, weil sie das Llcht der Kritik nicht zu scheuen brauche. Wohl sei SkepticismuS und Schismatismus durch dieses Streben dem Judenlhume zu gewissen Zeiten nicht erspart geblieben; allein sein gesunder Geist, durch das sich vor Allem an das Pflichtgefühl wendende conservative Element erstarkt, vermochte diese krankhaften Zustände zu überwinden. Die freie Forschung habe demnach dem Judenlhume den Geist, das conservative Element die vor Auflösung schützende feste Form verliehen. Und nach diesen zwei Richtungen hin habe das Seminar auch immer zu wirken gesucht und in dem Bestreben,beiden gerecht zu wserden, seine Aufgabe stets erblickt. Nach diesen geistvollen Ausführungen verkündete zum Schluß der Redner, daß die schon im vorigen Jahre gestellte aber wegen Schwierigkeit des Thema's ungelöst gebliebene Preisaufgabe: „Darstellung der astronomischen Berechnung und Begründung des altjüdischen Kalenders nach Maimonides", in diesem Jahre ihre Lösung gefunden habe, und zwar, wie sich nach Eröffnung der Envelloppe herausstellte, von 2 Verfassern, von Hrn. Dr. Grünwald und Hrn. stuck, phil. Wilhelm Münz, denen auch nächst einem günstigen Urtheile der doppelte Preis zuerkannt wurde. Hierauf betrat Herr SeminarMabbiner Dr. Joel die Kanzel, dankte zunächst Herrn Prof. Grätz für das Vertrauen, welches das Lehrercollegium ihm entgegenbringe und wendete sodann sich an die zu entlastenden Rabb.-Candidaten Dr. Steckelmacher und Dr. Chotiner. (Dr. Ritter ist bereits einem Rufe als Rabbiner nach Prenzlau gefolgt.) Herr Dr. Jotzl führt am Eingang feiner an glänzenden CchriftauSlegungen reichen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.