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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-02-04 · N° 6. (4.2.1880) · p. Seite 49

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 6. (4.2.1880)
Date
1880-02-04
Page
Seite 49 (sequence 3)
Language
German
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Pädagogik auch von ihrem Standpunkte ganz allgemein erhebt: daß nämlich von dem Jugendunterrichte alle Polemik ferngehalten werde. Oder gehört es vielleicht nach Herrn v. T. mit zu der „christlichen Jugendbildung", daß in katholischeu Schulen die Bartholomäusnacht und die D«aporo^>m, in protestantischen die Kraftworte Luthers gegen die babylonische H .... mit in den geschichtlichen Lehrstoff ausgenommen werden, damit das religiöse Gefühl der Jugend daran erstarke! Genug und wehr als genug! Ein Trost bleibt uns in all' den Widerwärtigkeiten, die wir in neuerer Zeit durchzukosten haben, aber er reicht auch aus, sie vergessen zu machen. Die ganze Bewegung ist doch nur eine von gewiffen literarischen Kreisen künstlich angefachte und auf diese sich beschränkende. Nie wird eS all' den Scribenten gelingen, den schlichten Mann aus dem Volke — und auf den kömmt eS doch schließlich allein an — zu überzeugen, daß der, der Schulter an Schulter mit ihm gekämpft und geblutet, der an seiner Seite an allen engeren und weiteren Angelegenheiten des öffentlichen Lebens den regsten Antheil nimmt, der in allem, was da vorgeht, Furcht und Hoffnung mit ihm theilt, ein Fremdling fei, weil er seinen Gott in anderer Form verehrt als er. Die verleugnete Geschichte der Juden. In den vielen wackeren Schriften gegen Heinrich von Treitschke, an die sich der jüngst im Januarheft der Gottschalk'schen Zeitschrift „Unsere Zeit" von dem geistvollen Abgeordneten Ludwig Bamberger veröffentlichte Aufsatz: „Deutschthum und Judenthum" würdig anreiht, ist die Art nicht ohne Interesse, wie die betreffenden Kämpfer zu Gr ätz, von dem aus der Angreifer auf diegesammte Judenheit exemplificirt, Stellung nehmen. Sehen wir von Grätz selber ab, welchem es in der That unseres Erachtens in den meisten Punkten gelungen ist, die Anschuldigungen des Gegners als Entstellungen, Verdrehungen oder Jrrthümer nachzuweisen, so können wir die anderen Kämpen in zwei Gruppen sondern, in solche, die ihn i gnoriren, und in solche, die ihn desavouiren?) Wir zweifeln nicht daran, daß es den meisten der Herren mit dem Namen Grätz ähnlich ergangen ist, wie seiner Zeit fast allen Gebildeten mit dem Namen der Pharisäer. Als es noch keine jüdische Geschichtsforschung gab und man die spätere jüd. Geschichte nur aus der christlichen Lehre kannte, da war der Name Pharisäer oder Schriftgelehrter gleichbedeutend mit denr des Scheinheiligen, des Heuchlers, des augenverdrehenden Frömmlers, der den Splitter in des Nächsten Auge sieht, aber nicht den Balken in dem eigenen. Man kannte eben keine anderen Pharisäer, als die im Neuen Testament geschilderten. Da lernte man durch die jüd. Geschichtsforschung den Pharisäer Hillel kennen und die stattliche Reihe jener hochsittlichen, edlen Gestalten, welche theils direct Lehrer des von unseren christlichen Mitbürgern verehrten Christus gewesen. Dies hatte — unter den Gebildeten wenigstens — eine Rehabilitirung des Namens Pharisäer zur Folge, die große Masse aber begreift noch heute — und wer weiß wie lange noch — unter jenem Namen den Ausbund aller Falschheit und scheinheiligen Tücke. Auch Grätz, meinen wir, ist es ähnlich ergangen. Weder Breßlau, noch Oppenheim, noch Bamberger hatten wahrscheinlich je Veranlassung in eines der Werke des verdienstvollen Gelehrten zu blicken. Da erfuhren sie von Tr. die Bosheit und Tücke des Mannes. Tr. hatte ja ihres Wissens nie gelogen, an ein Mißverständniß war — da gewissenhaft *) Halb vertheidigend und halb desavouirend ist die Stellung Joels, eine Art der Nerläugnung, die G. sich allenfalls gefallen lasten mag, da die Desavouirung nur die Form seiner Darstellung betrifft. Anders, steht es mit den anderen Herren. Seite für Seite citirt wurde, — auch nicht zu denken: ergo war Gr. jener wunderliche Schockschwerenöther, der seine stü» pende Gelehrsamkeit durch die lächerlichsten Absurditäten ungenießbar machte!! Zum Ueverfluß erkundigte man sich auch bei einem jüdischen s. g. Sachverständigen, aber man vergaß dabei sich auch danach zu erkundigen, wie weit die Sachverständigkeit des Urtheilenden, wie weit seine persönliche Abneigung gehe. — Was alles in unsrer Zeit für Sachverständigkeit gilt, ist ja bekannt; haben wir es ja vor noch gar nicht langer Zeit erleben müssen, daß ein Sohn den Briefwechsel seines Vaters veröffentlichend, wie ein übermüthiger Knabe verfuhr, der die Gebeine des Vaters aus dem Grabe aufwühlt, um — damit Knöchel zu spielen! Nomina sunt odiosa. Leset Grätz selbst, rufen wir daher den Männern zu, und urtheilet dann. Ihr werdet nicht in allen Punkten mit ihm übereinstimmen — giebt es überhaupt einen Autor, und hieße er Göthe, Shakespeare, Böckh oder Humboldt, der sich dessen rühmen kann? aber ihr werdet sicher die Ueberzeugung gewinnen, daß Gr. ein unvergängliches Denkmal unter den Männern gebührt, die sich um Juden und Judenthum verdient gemacht haben, daß sein Name genannt werden wird, wenn von gewissen Talenten dritten Ranges — und hätten diese auch in unserer Zeit wohlklingende Namen — längst nicht mehr die Rede sein wird. Doch zu jenen Männern, deren Unterschätzung des Namens Gr. durch ihre auf anderem Gebiete liegenden Interessen hinlänglich erklärt wird, hat sich auch der Nestor der jüdischen Journalistik, Herr Dr. Philippson in Bonn, unbegreiflicher Weise gesellt. Herr Dr. Ph. erzählt gern mit behaglicher Breite von seinen eignen Verdiensten um die Welt. Habeat sibi! Dagegen haben wir nichts. Aber er muß richtig erzählen; er muß sich von seinem, wie es scheint, unter dem Alter leidenden Gedächtniß keinen Streich spielen lassen, das ist ihm aber in jenem Artikel widerfahren, indem er jüngst über die Verhandlungen zwischen dem Vorstand des Instituts zur Förderung der jüo. Literatur mit Grätz über die Veröffentlichung des Xl. Bandes von dessen jüdischer Geschichte stattgefunden haben. Er erzählt, daß er schon vor der Veröffentlichung des verd—ten Xl. Bandes das Unglück vorausgesehen habe, das durch diesen in die Welt kommen würde. Bekanntlich war es aber lediglich die Angst vor einer nicht anerkennenden Beurtheilung der jüdischen Reformbestrebungen der letzten Zeit, die Hrn. Ph. veranlaßt hatte, Gr. vor der Veröffentlichung seines Werkes Bedingungen zu stellen, auf die der unparteiische Historiker nicht eingehen konnte. Hinc illae lacrimae! Wir geben aus der s. Z. veröffentlichten Erklärung des Prof. Grätz (in der Monatsschr. Jhg. 1869 p. 284.) den betr. Passus: „Dr. Philippson verlangte mein Manuscript vor dem Drucke zur Prüfung, ob der Inhalt auch, was weiß ich, rechtgläubig oder recht ungläubig sei, und ich habe ihm darauf gar nichts geantwortet, woraus er ersehen konnte, was ich von seiner Zumuthung halte. Ich habe das Institut des Dr. PH. immer nur als eine Verlagssirma betrachtet, und ein Verleger hat sich nicht um das Glaubens- oder Unglaubensbekenntniß, sondern nur darum zu kümmern, ob er mit dem Verlagsartikel ein gutes Geschäft machen wird. Auch konnte ich mir nicht denken, daß sämmtliche Abonnenten auf die Jnstitutsschriften sich unter die vormundschaftliche Curatel des Dr. PH. gestellt haben, daß er seelsorgerlich verhüten möge, ihnen ein Buch zukommen zu lassen, welches ihrem Seelenheil, oder, wie er es nennt, ihrer Reformrichtung schaden könnte. So aber konnte ich mir eine solche Jndex-Censur nicht gefallen lassen. Dr. PH. fürchtet etwas, das ist klar. Indessen kann ich ihn wenigstens nach einer Seite hin beruhigen, daß ich ihn weder in den historischen Himmel, noch in die historische Hölle versetzt habe, i ch spreche gar nicht von ihm, wie ich überhaupt vermieden habe, Lebenden eine geschichtliche Bedeutung zu geben Ich betrachte die Geschichte, und ganz besonders die Geschichte des jüdischen Volkes, als von Gottes Vorsehung geleitet, die sich der Menschen, der Bösen wie der Guten, der Eitlen wie der Bescheidenen be-

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