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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1880-02-04 · N° 6. (4.2.1880) · p. Seite 48

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
11 (1880)
Issue
N° 6. (4.2.1880)
Date
1880-02-04
Page
Seite 48 (sequence 2)
Language
German
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48 — w c Uebergang, jeder Assimilationsproceß mit sich führt, wir haben ihn zu fordern und vorurtheilsfreie Männer gewähren ihn uns auch. Daß wir Juden trotzdem jedem Lande, das uns in unser natürliches Recht eingesetzt hat, ein tiefes, zu inn'ger Hingebung an das Staatsinteresse drängendes Dankesbewußtsein entgegenbringen, das haben wir allenthalben und wahrlich nicht am wenigsten im neuen Reiche bewiesen; aber in derForm, in der Herr v. Treitschke den Dank fordert, als d e m ü t h i g e£ k, v-ttkkt», verweigern wir ihn unbedingt.Als Beweis für den „Hochmuth der Juden" führt Herr T. den Fall an, daß die Jud en in L i n z am Rhein gegen ein Religionsbuch demonstrirt haben, in welchem erzählt wurde, daß „die Juden Christus unschuldig gekreuzigt hätten." Ich kenne die Thatsache nicht und — glaube sie auch nicht; denn so kopflos ist kein jüdischer Synagogenvorstand, daß er von Bekennern des christlichen Glaubens eine andere Auffasiung des erwähnten, geschichtlichen Factums verlangen sollte; und es wird wohl noch was anderes, weniger „unschuldiges" in dem bezüglichen Pasius gestanden haben. Wohl aber erinnere ich mich, daß ein Synagogenvorstand eines deutschen Ortes Klage gegen ein Religionsbuch erhoben hat, in welchem „Kain" als das Vorbild des jüdischen Volkes hingestellt wurde, und andere ähnliche Liebenswürdigkeiten enthalten waren. Gehört das auch zur „Glaubenslehre der Christen", die für uns allerdings ein noli me tangere ist und sein soll? Im Uebrigen läßt Herr v. Treitschke die meisten seiner ' früheren Behauptungen unter der Wucht der gegnerischen Argumente im Stiche; und was er an neuen Gründen für einzelne derselben beibringt, ist so fadenscheinig, daß es kaum lohnt, darauf einzugehen. „Es bleibt dabei", ruft er emphatisch aus, „daß in Berlin nahezu eben soviel Juden leben, wie in ganz Frankreich!" Und wenn? Ist dieser Klageruf des Hexrn T. ein anderer, als der Pharao's, von dem uns das 2. Buch M. erzählt? Wie aber die, doch auch den Christen als heiliges Buch geltende Bibel über solche Aufsasiung denkt, das sollten wir doch einem so glaubensstarken Manne wie Herrn T. nicht erst zu sagen brauchen. Und man wende nur nicht ein, daß Pharao von Worten zur That geschritten sei; denn daß sich auch heute noch Leute finden würden, die dessen ebenfalls fähig wären, haben letzthin die ganz unverblümten Aeußerungen eines Breslauer Blattes bewiesen. — Was aber diese große jüdische Bevölkerung für eine Gefahr sei, das beweist Herr T. durch den Hinweis auf — das Haus Rothschild und die „mit jüdischen (sie!) Wörtern so reich geschmückte Gaunersprache." — Daß die letztere heutzutage nur noch in Criminalnovellen gesprochen wird, ist bekannt, und es steht daher kaum mehr dafür, dem HistorikersTreitschke des Weiteren auseinanderzusetzen, wieso in früheren Zeiten die nichtjttdischen Spitzbuben für das Bedürfniß einer nur ihnen zugänglichen Sprache ein Idiom wählten, das in aller Herren Länder vorkam und doch allenthalben der überwiegenden Mehrzahl der Bevölkerung unverständlich war. Mit gleichem Glücke sucht Herr v. T. der schlagenden Bemerkung von Lazarus, daß religiöse Verschiedenheit irrelevant sei für die Einheit des Nationalbewußtseins, dadurch zu begegnen, daß er den Satz nur für die christlichen Secten gelten läßt. Da handle es sich nur um ein Auseinandergehen der Confession; bei Christenthum und Judenthum aber betreffe der Unterschied die Religion. Wir wollen auf diese, eines alexandrinischen Rhetors würdige Sophistik hier nicht näher eingehen; denn das Argument, in solcher Faffung an und für sich falsch, ist es unter allen Umständen in Bezug auf die Frage, um die es sich hier handelt. Herr v. T. gehe doch einmal in ein von einer ausschließlich katholischen Bevölkerung bewohntes Land, wie Tirol, Salzburg rc., und er wird es erfahren, daß dessen Bewohner von dem Juden sich weit weniger getrennt fühlen als von dem „Lutheraner", daß sie die Zusammengehörigkeit mit einem solchen weit schroffer ablehnen als mit jenem. In einzelnen Gegenden dieser Länder, wo noch heute die Ansiedlung eines Protestanten Aufregung hervorruft, verkehren seit 40—50 Jahren handeltreibende Juden in der herzlichsten Weise mit den Landbewohnern, und sind in jedem Hause gern gesehene Gäste. Für die Frage, um die es sich hier handelt, für das Gefühl und Bewußtsein der Zusammengehörigkeit, trotz confeffioneller Verschiedenheit ist dieser Umstand der allein entscheidende, nicht die größere oder geringere Differenz zwischen den einzelnen Dogmen und Riten. Sollen wir Herrn v. Treitschke weiter auf seinen Jrrgängen folgen, wenn er warnend das Gespenst des „jungen Deutschland" vor uns emporsteigen läßt, in welchem, mit Ausnahme des streng genommen nicht dazu gehörenden Heine, durchweg christliche Namen figuriren? Wenn er wieder Börne's schroffe Einseitigkeit, seine Haltung gegen Göthe, auf sein Judenthum zurückführt, und dabei vergißt, wie Wolfgang Menzel, ein christlich-germanischer Mann, den großen Dichter behandelt hat? Wenn er mit seiner zudringlichen Behauptung, daß vorurtheilsfreie Juden auf seiner Seite stehen, durch Breßlau abgewiesen, den Geist eines verstorbenen^ jüdischen Freundes zu diesem Zwecke heraufbeschwört^— Mr denkt da nicht an: pviT ipub nacnn * Es wäre Zeit- und Raumverschwendung, auf alle diese Dinge näher einzugehen. Nur ein Punkt soll noch zum Schluffe hervorgehoben werden, auf den Herr v. T. selbst das größte Gewicht legt, und der in der That, wenn er statt am Ende, im Eingänge der T.'schen Streitschrift erschienen wäre, jebe weitere Polemik überflüssig gemacht hätte. Herr v. T. perhorrescirt zwar den „christlichen Staat" in der Theorie, in der Praxis aber steht er entschieden in den Reihen jener, die das bekannte Steckenpferd des „christlich-germanischen Staates" reiten. Oder ist es etwas anderes, wenn er, gegen die Duldung in den Unterrichtsanstalten eifernd, verlangt, daß in den Elementarschulen der Vortrag in allen Fächern von dem gleichen ch r i st l i ch e n Geiste durchdrungen sei? Daß das eigentlich ein Unsinn fei, fühlt er selbst, er verschlimmert aber die Sache, indem er in -Henev Exemplification den Satz auf die Weltgeschichte reducirt! Weltgeschichte in Elementarschulen! Was davon hineingehört, beschränkt sich auf Geschichtsbilder, die in der weitaus größeren Anzahl der Clasien das Lesebuch zu bieten hat. Wenn in solchen Erzählungen die Frömmigkeit einzelner Regenten oder sonst hervorragender Persönlichkeiten gepriesen, die Aeußerung,ihres religiösen Gefühls hervorgehoben wird, so wird der rigoreseste Jude nichts darin finden, war sein Kind schädigen oder verletzten würde. Aber freilich haben die andersgläubigen Frequentanten einer Schule, auch wenn sie in der Minderheit sind, das Recht ihrerseits die Forderung zu stellen, welche die

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